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App Traffi.Cam aus dem Saarland macht das Smartphone zum Unfallzeugen

App aus dem Saarland : Das Smartphone wird zum Unfallzeugen

Eine saarländische Firma entwickelt eine App, die helfen soll, den Schuldigen nach einem Autounfall zu ermitteln. Sie kann auch Hilfe rufen.

Eine Smart­phone-App, die einen Unfall lückenlos dokumentiert und wertvolle Beweise liefert, wenn nicht geklärt werden kann, wer die Schuld an dem Zusammenstoß trägt. Noch steht eine solche Software nicht für jedermann zur Verfügung, doch ihre Programmierung ist im wesentlichen abgeschlossen. Die Idee für eine solche App hatte der Saarwellinger Kfz-Sachverständige und Gutachter Gundolf Himbert. Der 71-jährige Diplom-Ingenieur beschäftigt sich seit 1972 mit der Analyse von Autounfällen. Jetzt hat er sein Wissen zusammen mit dem Informatiker Andreas Görres und dem Saarbrücker Software-Haus Eurokey so aufbereitet, dass diese App, die unter dem Namen Traffi.Cam fimiert, entstanden ist.

Im Grunde funktioniert sie wie eine Dashcam, eine Videokamera, die am Armaturenbrett eines Auto befestigt ist und die Fahrt aufzeichnet. Diese Funktion übernimmt bei Traffi.Cam das Smartphone. Während einer normalen Tour passiert nicht viel. Das Verkehrsgeschehen wird von der Kamera festgehalten und nach drei Minuten automatisch überschrieben. Sobald die Handy-Sensoren einen Aufprall registrieren, sorgt die Software dafür, dass die entscheidenden zwei Minuten vor und eine Minute nach dem Unfall gespeichert und verschlüsselt werden. „Dadurch kann zweifelsfrei belegt werden, wer den Unfall verursacht hat und für den Schaden haften muss“, ist Himbert überzeugt. Denn die App halte nicht nur das Geschehen auf Video fest. Auch die Daten des Satellitenortungs-Systems GPS werden hinterlegt, sodass die Geschwindigkeit vor dem Aufprall festgehalten ist.

Doch die Software kann noch mehr. Nach einem Unfall schickt sie eine  SMS an ein Callcenter, in der sowohl der genaue Ort des Unfalls als auch die Handy-Nummer des Fahrers steht. Dieser wird dann sofort angerufen und kann die Situation schildern. „Geht niemand ans Handy, kann der Callcenter-Mitarbeiter eine Rettungsaktion einleiten und Hilfe herbeiholen“, sagt Himbert. Dazu muss nicht unbedingt ein schwerer Unfall passiert sein. „Die App reagiert auch, wenn jemand nachts von der Straße abgekommen ist und von den Insassen vorbeifahrender Autos nicht registriert wird, er aber dennoch Hilfe braucht“. Über die GPS-Ortung könne genau ermittelt werden, wo sich der Wagen befindet.

Darüber hinaus sei geplant, dass über die App umgehend Kontakt mit einem Unfallspezialisten aufgenommen werden kann. Dafür hat Himbert zehn erfahrene Leute – beispielsweise ehemalige Verkehrspolizisten – an der Hand, „die den Autofahrer zunächst beruhigen und dann sagen, was nach einem Zusammenstoß als erstes zu tun ist“. Das könnten simple Dinge wie das Absichern der Unfallstelle, der Anruf bei der Polizei oder das Ansprechen von Zeugen sein.

Die verschlüsselten Daten der Drei-Minuten-Sequenz werden außerdem an einen Unfall-Sachverständigen übermittelt, „der aufgrund dieser Faktenlage sein Gutachten für die Polizei, Versicherungen oder die Justizorgane schreiben kann.“ Das können Himberts eigenes Unternehmen HMS, aber auch andere Gutachter-Büros sein. Eigentümer der Daten bleibt der App-Benutzer.

„Für die Rechtssicherheit bei Unfällen wird diese App ein Quantensprung“, sagt Marius Pfeiffer. Er ist Mitbegründer der Saarbrücker Beratungsgesellschaft Innovationhub, die aus der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) hervorgegangen ist. Pfeiffer unterstützt Himbert unter anderem bei der Produktentwicklung, beim Geschäftsmodell und bei der Suche nach Kooperationspartnern.

Auch Gundolf Himbert selbst sieht ein Riesenpotenzial. „Jedes Jahr sind in Deutschland sieben Millionen Autofahrer in Unfälle verwickelt“, bilanziert er. Doch die Beweisführung von Schuld oder Unschuld werde unter anderem durch die vielen Assistenzsysteme in den Autos immer schwieriger. „Früher konnte man anhand des Bremswegs zuverlässig feststellen, wie schnell jemand gefahren ist“, nennt er als Beispiel. „Das ist heute wegen der ausgefeilten Antiblockiertechnik nicht mehr möglich.“ Außerdem gebe es kaum noch geschulte Verkehrspolizisten, die einen Unfall fachgerecht aufnehmen könnten.

Wann die App, die vorerst nur auf dem Smartphone-Betriebssystem Android laufen soll, allgemein zugänglich ist, lässt Himbert offen. Mithilfe von Autofahrern, die die App zu Testzwecken einsetzen, will er die Datenbasis verbreitern (Infokasten). Außerdem müsse das Callcenter und das Netzwerk der Unfall-Erstberater zuverlässig stehen. „Ich kann nichts versprechen, was ich nicht einhalten kann.“