Akbeitskammer: Auf Saar-Wirtschaft kommen schwere Jahre zu

Kostenpflichtiger Inhalt: Arbeitskammer sieht Saarland vor großen Herausforderungen : Arbeitskammer: Weiterbildung gegen die Krise

Gegen die Folgen von Automobil-Krise und Strukturwandel im Saarland setzt Geschäftsführer Thomas Otto auf Qualifizierung.

Das Saarland steht nach Ansicht der Arbeitskammer 2020 vor einem der schwierigsten Jahre in seiner Geschichte. Hauptgeschäftsführer Thomas Otto begründet das mit großen Herausforderungen für das Land, „denn es mehren sich die Zeichen einer konjunkturellen und strukturellen Krise. Wir haben praktisch kein Wachstum mehr“, analysiert Otto im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung. Auch kurzfristige Aufhellungen im Export könnten nicht darüber hinwegtäuschen. 2020 sei aus heutiger Sicht nicht mit einer zunehmenden wirtschaftlichen Dynamik im Land zu rechnen. Wegen der gegenwärtig großen Unsicherheit über die Zukunft der Autoindustrie, die auch zu einer erheblichen Verunsicherung der Autokäufer geführt habe, müsse man 2020 eher noch mit einem weiteren Abbau von Beschäftigung rechnen. Ein ähnliches Szenario gelte für die Stahlindustrie.

Das Ende des Bergbaus mit der Unterbringung verbliebener Bergleute in anderen Unternehmen sowie Branchen sei vorhersehbar gewesen. Im Übergang in das digitale Zeitalter gebe es dagegen zahlreiche Veränderungen in den Unternehmen, die sie nicht so vorhersehbar bewältigen könnten. „Heute kommen Veränderungen wie die Digitalisierung und auch die Klimadebatte oft quasi über Nacht“, so Otto. Und sie erforderten zugleich schnelle, berechenbare Antworten. Zumal jüngste Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) davon ausgingen, dass durch die Digitalisierung rund 30 Prozent aller Arbeitsplätze vor gewaltigen Veränderungen stünden. „Wie sehen dann zukünftig diese Jobs aus, bei denen ein Großteil der bisherigen Tätigkeiten wegfällt“, fragt der Hauptgeschäftsführer der Arbeitskammer, der gleichzeitig zugesteht: „Die Politik im Land hat die Dimension der Herausforderung erkannt.“ Das gelte allerdings nicht für Strategien, die eine weitere Abwanderung von Einwohnern, insbesondere junger Leute mit Familien, in Boomzentren verhindern, zu denen das Rhein-Main-Gebiet weiter bis Mannheim, aber auch Stuttgart und München gehörten. Wenn es dem Saarland nicht gelinge, jungen Menschen auf längere Sicht attraktive Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten zu bieten, dann werde sich die Abwanderungswelle noch erhöhen, befürchtet Otto.

Die meisten Saar-Unternehmen mit ihrem starken Mittelstand hielten ihre Belegschaften auch in Krisenzeiten möglichst an Bord, griffen notfalls eher zum Mittel der Kurzarbeit, um Krisen zu überbrücken. Denn für die meisten Unternehmen sei es nahezu unmöglich geworden, verlorenes Fachwissen nach Entlassungen später wieder zu ersetzen. Es fehlten heute in allen Branchen Facharbeiter. Die Konkurrenz der Betriebe im Kampf um diese Beschäftigten sei riesig, der Markt nahezu leergefegt.

Um die Konkurrenzfähigkeit der Saar-Betriebe auch langfristig zu erhalten, rät Otto unter anderem zu einer Weiterbildungs-Offensive, die sich gerade jetzt in der Krisenphase anbiete. „Ein wirksames Mittel könnte das von der Arbeitskammer und den Gewerkschaften geforderte Transferkurzarbeitergeld sein, das mit Qualifizierung eine Brücke aus der Krise bauen kann.“ Insbesondere in der Bedienung neuester Hardware- und Software-Lösungen müssten die Beschäftigten fit sein. Weiterbildung werde jedoch von vielen Saar-Unternehmern immer noch stiefmütterlich behandelt. „Wir brauchen in Europa und Deutschland ein individuelles Recht auf Weiterbildung“, fordert Otto – mit einer geklärten Finanzierung, die sich nach dem Beispiel Österreichs der Staat sowie beteiligte Unternehmen teilen könnten. Um gleichzeitig optimale Beratungs-Strukturen für Mitarbeiter sicherzustellen, rät Otto zur Einführung von „Weiterbildungs-Mentoren“ in den Betrieben, die das Angebot an Weiterbildung genau kennen und individuell in Zusammenarbeit mit der Unternehmensleitung auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter abstimmen können.

Thomas Otto, Geschäftsführer der Arbeitskammer. Foto: Oliver Dietze

Die Landesregierung fordert Otto auf, mehr Initiativen zu ergreifen, um bei neuen Schlüssel-Technologien wie Wasserstoff-getriebenen Motoren oder auch grünem Stahl als „Versuchslabor“ bundesweit durch neue Entwicklungen auf sich aufmerksam zu machen, was auch ein Beitrag zur langfristigen Absicherung von Arbeitsplätzen sei. Hier könne auch die saarländische Forschungslandschaft mit dem Helmholtz-Zentrum für Cyber Security sowie das Know-how der Saar-Universität sowie der Hochschule für Technik und Wirtschaft zahlreiche Impulse beitragen. „Die Landesregierung sollte aber die stärker anwendungsorientierten Forschungsbereiche wie die Ingenieurwissenschaften in den Fokus rücken“, rät Otto.