Saar-Uniklinik informierte Westpfalz-Klinikum nicht über Missbrauchsverdacht gegen Arzt

Missbrauchs-Skandal am Uniklinikum Homburg : Missbrauchs-Alarm auch in Kaiserslautern

Der 2016 verstorbene Arzt, der am Uniklinikum Homburg bis 2014 mehrere Kinder missbraucht haben soll, war danach noch am Westpfalz-Klinikum tätig.

Der Missbrauchs-Skandal am Homburger Uniklinikum weitet sich aus. Auch am Westpfalz-Klinikum, wo der unter Missbrauchsverdacht stehende, 2016 im Alter von 36 Jahren verstorbene Arzt von 2014 bis 2016 tätig war, würden jetzt Akten auf mögliche Verdachtsfälle durchsucht, berichtete der SWR unter Berufung auf das Westpfalz-Klinikum. Nach derzeitigem Kenntnisstand habe der Mann in seinem dienstlichen Umfeld in der Klinik für Neurologie keinen Kontakt mit Kindern und Jugendlichen gehabt. Sein Arbeitszeugnis und sein polizeiliches Führungszeugnis seien einwandfrei gewesen, betonte das Westpfalz-Klinikum. Dies lässt den Schluss zu, dass die Uniklinik in Homburg nach der fristlosen Kündigung des unter schwerem Missbrauchsverdacht stehenden Mediziners 2014 das nahegelegene Krankenhaus in Kaiserslautern nicht darüber informierte. Das Westpfalz-Klinikum hat inzwischen eine „Task-Force“ eingerichtet. Derzeit sei man dabei, die Patientenkontakte des ehemaligen Assistenzarztes im Detail zu ermitteln, hieß es. Man werde Betroffene und Staatsanwaltschaft sofort informieren, wenn sich ähnliche Missbrauchsverdachtsfälle wie in Homburg ergeben würden.

Die Uniklinik Homburg, wo der unter Verdacht stehende Mediziner in der so genannten „Ausscheidungs-Ambulanz“ der Kinder- und Jugendpsychiatrie Patienten mit Inkontinenz (sogenannte „Bettnässer“) behandelt haben soll, weitete unterdessen den Zeitraum der Überprüfung mutmaßlicher Missbrauchsfälle aus. Es würde jetzt auch die Zeit ab 2005 in den Blick genommen, in der der Beschuldigte den klinischen Teil seines Studiums begonnen habe, hieß es. Grund dafür seien Hinweise auf weitere mögliche Missbrauchsfälle, die sich aus Gesprächen bei der laufenden Aufklärung ergeben hätten.

Der früh verstorbene Arzt soll zwischen 2010 und 2014 in Homburg mindestens 34 Kinder bei den Untersuchungsterminen missbraucht haben. Die Eltern der betroffenen Kinder und die inzwischen erwachsenen Kinder selbst waren über Jahre hinweg nicht über diesen Verdacht informiert worden. Weder vom Uniklinikum selbst noch von der CDU/SPD-Landesregierung, die spätestens ab 2015 von den Vorgängen Kenntnis hatte. Das Uniklinikum kontaktiert derzeit alle etwa 300 Patienten, die von 2010 bis 2014 von dem Assistenzarzt behandelt worden sind. Auch in Homburg arbeitet jetzt eine „Task-Force“, die die Kinderschutz-Konzepte am Uniklinikum verbessern soll. Darauf hatten der Kinderschutzbund und der Kinderärzteverband gedrungen.

Nach einer knapp fünfstündigen Sitzung des Justizausschusses des Landtags, in der Vertreter der Staatsanwaltschaft, der Uniklinik und der CDU/SPD-Landesregierung Stellung zu dem Missbrauchs-Skandal nahmen, erwägt die Links-Fraktion, den Antrag auf die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zu stellen, wie der Links-Angeordnete Dennis Lander der SZ sagte. Linksfraktionschef Oskar Lafontaine erklärte: „Die bekanntgewordenen Tatsachen über den Umgang der saarländischen Landesregierung mit dem Kindesmissbrauch an der Homburger Uniklinik lassen nur einen Schluss zu: Die Landesregierung handelte und handelt verantwortungslos. Der Opferschutz wurde sträflich vernachlässigt.“ Bisher stehe fest, dass als erste die damalige Staatssekretärin im Justizministerium, Anke Morsch (SPD), bereits 2015 über die Vorfälle an der Kinder- und Jugendpsychiatrie informiert wurde. Nach ihren Angaben wurden weder der Justizminister Reinhold Jost (SPD), noch die zuständige Wissenschaftsministerin und Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in Kenntnis gesetzt, so Lafontaine.

Die Geschäftsführerin der SPD-Landtagsfraktion, Petra Berg, erkannte ein grob fahrlässiges Fehlverhalten der damaligen Klinikleitung im Umgang mit den schwerwiegenden Verdachtsfällen zur pädophilen Neigung des Arztes. „Die Entscheidung, den Assistenzarzt nach ersten Hinweisen weiterhin Untersuchungen an Kindern durchführen zu lassen, ist nicht nachvollziehbar“, erklärte Berg, die jedoch kein Fehlverhalten von Ex-Staatssekretärin Morsch sah.

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