Borkenkäfer, Klimawandel und Co : Wald zwischen Wirtschaft und Wildnis

Der Wald hat viele Gesichter: Holzlieferant, schädlingsgeplagte Grünzone, Erholungsraum, Klimaretter – und Arbeitsplatz. Wir waren mit Försterin Sybille Rauchheld unterwegs „im Grünen“.

Der Wald schimmert in allen Schattierungen von Grün. Die Septembersonne sorgt dafür, dass selbst die kahlen Fichten, die Opfer des Borkenkäfers geworden sind, kupferfarben aufleuchten – der Blick zum Himmel offenbart allerdings auch das Ausmaß der Schäden, die der Käfer angerichtet hat.  Mit dem Borkenkäfer ist Sybille Rauchheld  derzeit gezwungenermaßen auf Du und du – so wie alle ihre Kollegen bei Saarforst.  Die Försterin hat vor zwei Monaten als Revierförsterin das Revier Ottweiler übernommen. Und damit rund 1500 Hektar Wald zwischen Neunkirchen und Bexbach.

Ein schöner Laubmischwald sei das, erklärt sie, vor allem mit Buchen, Eichen, Birken, Bergahorn und Fichten. Die Fichtenbestände allerdings werden gerade kräftig dezimiert.  „Das warme, trockene Wetter kommt dem Borkenkäfer sehr entgegen“, sagt Sybille Rauchheld, und zeigt an einem Stück Rinde die Löcher, wo der Käfer sich einbohrt, die kaffeesatzartigen, feinen Krümel, die er dabei produziert, Harztropfen, mit denen der Baum sich gegen den „Angriff“ wehrt. An manchen Stellen ist schon die Rinde am Stamm abgefallen, die Krone kahl und braun. Ein dichter grüner Nadelteppich, den die Fichte abgeworfen hat, bedeckt den Boden. Die rote Markierung am Stamm zeigt an: Dieser Baum muss gefällt werden. „Das ganze Ausmaß der Schäden wird man vermutlich erst im Winter sehen“, sagt Försterin Rauchheld.

Durch die Borkenkäfer-Schäden sei der Wald in einem raschen Wandel, erklärt sie. Dass das Bild des Waldes sich ändert, liegt in der Natur der Sache, allerdings geht dieser Prozess normalerweise eher langsam vor sich. Laubbäume wie Buchen werden im Schnitt rund 165 Jahre alt, bei guten Standort und Lebensbedingungen auch bis zu 300 Jahre. Eichen können 600 Jahre, manche sogar bis zu 1000 Jahre und älter werden.

Das Holz der relativ rasch wachsenden Fichten war und ist eine gute Einnahmequelle, die Fichte galt lange als „Brotbaum der deutschen Forstwirtschaft“, die Fichten-Monokulturen wurden jedoch zunehmend kritisiert. Der Borkenkäfer sorgt nun dafür, dass in recht kurzer Zeit größere Freiflächen entstehen.

Da ist sozusagen die nächste Waldgeneration im Wachsen, das Bild des Waldes ändert sich,  hin zu naturnahen, stärker durchmischten Laubwäldern – „Laubbäume halten deutlich mehr Trockenheit aus, und kommen mit den klimatischen Veränderungen besser klar“, wie Sybille Rauchheld erklärt. Das Ziel der Förster ist ein ökologisch wertvoller und stabiler Wald. Dank natürlicher Verjüngung wachsen auf den „Borkenkäfer-Freiflächen“ kleine Eichen- und Buchen-Schösslinge zuhauf. Die stärksten Schösslinge werden mit der Grabgabel ausgegraben und in eingezäunte Flächen gepflanzt, zum Schutz vor Wildverbiss.  „Das saarländische Reh beißt besonders gern junge Eichenknospen“, sagt die aus dem Westfälischen stammende  Försterin mit einem Augenzwinkern. „Die Eiche ist ein Lichtbaum, der muss man hin und wieder helfen, wenn sie im Wachstum von den Buchen überholt wird, die dann zuviel Schatten werfen.“ Esskastanien aus der Baumschule sollen auch noch gepflanzt werden.

„Wir betreiben heute sehr sensibel Waldwirtschaft. Es wird nach Bedarf gefällt, oft nur einzelne Bäume. Totholz bleibt liegen, weil es Nahrung und Unterschlupf für Pilze, Insekten, Vögel bietet.“ Bis die kleinen Eichen- und Buchenschösslinge „richtige“ große Bäume geworden sind, vergehen gut 40 Jahre. Die Förster arbeiten für mehrere Generationen voraus – „das, was wir jetzt anlegen, sehen wir unter Umständen selbst nicht mehr in voller Größe“, sagt Sybille Rauchheld.

„Der Waldbestand, wie wir ihn jetzt sehen, ist gut 100 bis 150 Jahre alt“, erklärt der Revierförster Heiner Scherer, der das Revier Bexbach betreut, das direkt an das von Sybille Rauchheld angrenzt. Die Grenze verläuft über den Höcherberg, Frankenholz und Teile Bexbachs. Zwischen den großen Waldlandschaften des Saarkohlenwaldes auf der einen und des Pfälzerwaldes auf der anderen Seite ist es spannend zu sehen, wie sich innerhalb weniger Kilometer das Bild des Waldes ändert: Plötzlich mischen sich viele Kiefern zwischen die Laubbäume. „Der Boden hier ist Buntsandstein“, erklärt Scherer. „Die Kiefern wurden damals angepflanzt, weil sie mit dem trockeneren, sandigeren Boden gut klarkommen“. In der richtigen Beleuchtung wähnt man sich fast im Süden.

Gerade jetzt, im Herbst, ist es für viele die schönste Zeit des Jahres, um in die Wälder zu gehen, wenn die Blätter in der Sonne leuchten und es besonders intensiv duftet.  Die Wanderer, Spaziergänger, Hundefreunde und Pilzsammler, die im Wald unterwegs sind, hören zurzeit jedoch nicht nur raschelndes Laub und die von den Bäumen fallenden Kastanien und Eicheln. Auch Sägen und Maschinengeräusche bestimmen die Geräuschkulisse. Derzeit haben die Waldarbeiter, die Rauchheld und Scherer sich „teilen“, alle Hände voll zu tun. Das Borkenkäferholz muss aufgearbeitet werden, zudem wird Holz gefällt und verkauft für Möbel, Fußböden,  Holzhäuser, Baumarktholz, zur Papierherstellung, aber auch an private Brennholzmacher. Geschlagen wird nur Holz, das schon verkauft ist. Wenn an manchen Stellen längere Zeit Holzstapel am Wegrand liegen, dann deshalb, weil ein Kunde sein bezahltes Holz – warum auch immer – nicht abtransportiert hat.

Sybille Rauchheld hat neun Jahre in der Saarforst-Zentrale im Geschäftsbereich Holzvermarktung gearbeitet, nun freut sie sich, verstärkt im und mit dem Wald zu arbeiten.

Försterin Sybille Rauchheld. Foto: Jennifer Klein
Wer im Winter Feuer im Kamin haben will, muss rechtzeitig zur Säge greifen. Der Brennholzverkauf läuft derzeit auf Hochtouren. Foto: Jennifer Klein
 Sybille Rauchheld nimmt die Borkenkäfer-Schäden im Revier in Augenschein. Foto: Jennifer Klein
Manchmal wachsen die Bäume in den Himmel. Foto: Jennifer Klein
Der Borkenköäfer richtet in den Wäldern viel Schaden an. Foto: Jennifer Klein
Zäune schützen die Eichen- und Buchensprösslinge vor Wildverbiss. Foto: Jennifer Klein
Die nächste Waldgeneration: Der Jungwald (im Vordergrund) wächst kräftig. . Foto: Jennifer Klein

Liebe zur Natur und ein Gespür für die Abläufe im Wald muss man schon mitbringen, erklärt Sybille Rauchheld – „Ich bin in einem eher ländlichen Gebiet aufgewachsen, und habe sozusagen meine halbe Kindheit im Wald verbracht“. So fiel ihr die Entscheidung Forstwirtschaft zu studieren, leicht; sie schloss mit dem Diplom ab. Es gibt Bachelor- und  Masterstudiengänge; SaarForst bildet auch aus - es führen mehrere Wege zu einem „Waldberuf“. Das Berufsbild des Försters vereint ein breites Wissen über den Wald, Abläufe in der Natur; körperliche Fitness, aber auch Organisationstalent, Verwaltungsarbeit, Dokumentation und sicherer Umgang mit Zahlen gehört dazu, sagt Sybille Rauchheld. Den Wald als Ganzes sehen – als Nutzwald und „Holzlieferant“, als Erholungsraum mit immenser ökologischer Bedeutung: „Bäume gegen den Klimawandel“ empfahl der Weltklimarat 2018; eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern um Jean-François Bastin von der ETH Zürich unterstreicht diese These. Bäume nehmen das für die Erderwärmung und den Klimawandel verantwortliche Kohlendioxid (CO2) auf und wandeln es in der Photosynthese in Sauerstoff um. Wer Bäume pflanzt, tut also etwas dafür, die Erderwärmung zu dämpfen. Doch bis die Wälder ihr volles Potential als CO2-Speicher ausschöpfen, dauert es Jahrzehnte. Damit die Aufforstung ein Mittel im Kampf gegen den Klimawandel sein könne, müsse man jedoch zügig handeln.

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