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Schwimmerin Sarah Bosslet aus St. Ingbert beendet ihre Karriere

Eine der Besten macht Schluss – Sarah Bosslet aus St. Ingbert : „Meinen Weg — den habe ich nie bereut“

Vor 20 Jahren stieg Sarah Bosslet zum ersten Mal in das Becken an der Sportschule in Saarbrücken. Nun hat die Freiwasserspezialistin aus St. Ingbert ihre sportliche Laufbahn beendet.

Sarah Bosslet sagt dem Leistungssport Lebewohl. Leise zwar, und ohne großen Rummel – aber doch ganz mit sich im Reinen. „Ich war nie vom Glück überhäuft“, sagt die 26-Jährige, eine der besten Freiwasserschwimmerinnen Deutschlands. Doch bevor man darüber nachdenken kann, ob ein klein wenig Bedauern in diesem Satz mitklingt, ergänzt die St. Ingberterin mit fester Stimme: „Aber ich habe immer das Beste rausgeholt.“

Eigentlich hätte Bosslets Laufbahn mit einem Knall enden sollen. Einem Höhepunkt in einer an Highlights ohnehin reichen Karriere. Als eine von acht Athletinnen und Athleten hätte sie die deutschen Farben im Mai bei den Freiwasser-Wettbewerben der EM in Ungarn vertreten sollen. Doch auf den Wunsch nach einem Abschied auf der großen europäischen Schwimmsportbühne nahm Corona keine Rücksicht.

Die Titelkämpfe wurden zunächst in den August verschoben, dann auf das kommende Jahr. Bosslet hatte sich daher zunächst offengelassen, ob sie ihre Laufbahn bis zu jenem Zeitpunkt verlängert. Nun hat die 26-Jährige ihre Entscheidung getroffen: „Es ist ja überhaupt nicht klar, ob die EM 2021 stattfinden kann. Und noch so eine Corona-Saison mit dem ganzen hin und her – das hätte mich nicht glücklich gemacht.“

Die Ungewissheit, ob es das Bilderbuch-Ende, den Höhepunkt zum Abschluss überhaupt geben würde, ist aber nicht der entscheidende Grund für Sarah Bosslets Entschluss. „Wenn du Schwimmerin bist – dann gibt es daneben nichts anderes. Der Tag, die Woche, der Monat – alles ist durchgetaktet. Du denkst von Einheit zu Einheit, nimmst jede andere sportliche Betätigung als Energieverschwendung wahr“, erzählt die St. Ingberterin. Die Erkenntnis, dass in dieser für Spitzenleistungen notwendigen Monotonie nicht mehr länger die Erfüllung früherer Tage lag, lieferte ausgerechnet die Pandemie, die Bosslets sonst so strukturierten Tagesablauf durcheinander wirbelte. Und Raum für andere Aktivitäten und Erfahrungen zuließ. „Schwimmen war 20 Jahre lang mein Lebensmittelpunkt. Corona war nicht der Grund, meine Karriere zu beenden. Aber in der Zeit habe ich erkannt, dass es noch andere Dinge gibt, die mich begeistern. Und wie schön es ist, nicht morgens beim Aufstehen genau zu wissen, wie der Tag verlaufen wird.“

Im Juni war Bosslet zunächst aus dem Saarland über Saint Tropez in die Hafenstadt Montpellier an der französischen Mittelmeerküste zurückgekehrt und hatte ihr Training unter Star-Coach Philippe Lucas wieder aufgenommen. Und das lief gut. Richtig gut sogar. Von Lucas, einem der härtesten Trainer im Schwimmgeschäft gab es sogar ein seltenes Lob. „Ich war so schnell wie kaum einmal zuvor. Und es hat auch Spaß gemacht“, erklärt Bosslet.

Doch bevor sie im September wieder zu ihrer Trainingsgruppe stoßen sollte, fand die Schwimmerin auch die Zeit, sich anderen Interessen und Sportarten zu widmen. „Ich bin mit dem Rad in die Berge gefahren – und habe mich dabei einfach nur superglücklich gefühlt“, erzählt Bosslet über jene Tage im August, in der ihr Entschluss immer deutlichere Konturen annahm. Zu ihrer Trainingsgruppe kehrte sie nicht mehr zurück.

Auch die Laufbahn als Lehrerin, die Bosslet anstrebt, nahm Einfluss auf ihre Entscheidung. Die Staatsexamen in den Fächern Mathematik und Biologie hatte die 26-Jährige bereits im letzten November abgelegt, den Beginn ihres Referendariats wegen der EM aber verschoben. „Im Sommer sollte dann aber ohnehin Schluss sein. Ich will jetzt ins Berufsleben einsteigen. So jung bin ich ja auch nicht mehr“ sagt Bosslet und muss lachen. Ernster ergänzt sie: „Ich möchte nicht 40 Jahre alt sein, wenn ich das erste Mal vor den Schülern stehe.“ Ab Februar will sie zunächst als Aushilfslehrerin arbeiten. Wo sie dann eine Festanstellung anstrebt, werde sich voraussichtlich entscheiden, wenn klar ist, wo ihr Freund nächstes Jahr sein Master-Studium aufnimmt.

Doch wo auch immer dies sein wird – die Chancen stehen gut, dass Sarah Bosslet dort schon einmal gewesen ist. Denn in ihrer Schwimmlaufbahn ist die St. Ingberterin weit gereist. Nach Kanada, Hongkong, China, Brasilien, Dubai, Israel und Südafrika etwa – nur eine kleine Auswahl der Länder, die im Reisepass der 26-Jährigen stehen. Dass ihr der Sport dies ermöglicht hat, dafür ist Bosslet unheimlich dankbar: „Das hat meine Persönlichkeit sehr geprägt. Früher war ich eher schüchtern – heute bin ich ein ganz anderer, offenerer Mensch“, sagt sie. Und ergänzt: „Die Wettkämpfe auf der ganzen Welt, die internationale Familie, die vielen Kontakte, das werde ich in Zukunft schon vermissen – aber ein stückweit nimmt man das ja auch in die Zeit nach der Karriere mit.“

Einen kleinen Schubser, um in die internationale Welt des Schwimmsports einzutauchen, den versetzte Sarah Bosslet der ehemalige saarländische Landestrainer Hannes Vitense. „Er hat mich einfach in die Welt geschickt. Zu Wettkämpfen nach Los Angeles oder Argentinien. Ohne, dass ich dort jemanden gekannt habe.“ Besagten Freiwasser-Weltcup im argentinischen Viedma über 10 Kilometer beendete Bosslet 2017 in Anwesenheit zahlreicher Weltklasse-Schwimmerinnen auf Platz 4. „Das beste Rennen meines Lebens“, nannte sie den Wettkampf später. Auch wenn die Rückreise ihre Tücken hatte. Zwei Stunden nach dem Rennen saß Bosslet bereits weder im Überlandbus nach Buenos Aires, der sie in 15 Stunden über Nacht zum Flughafen brachte.

Hannes Vitense, seit 2017 in Neckarsulm tätig und seit 2019 deutscher Bundestrainer, war für Bosslet aber mehr als nur derjenige, der sie bei ihren ersten Schritten auf internationalem Parkett begleitete. „Er hat immer an mich geglaubt – auch dann, wenn es kein anderer getan hat“, erzählt Bosslet. „Hannes war 13 Jahre lang mein Coach, länger hat er niemanden trainiert.“

Die frühesten Anfänge ihrer Laufbahn bestritt Bosslet aber noch ohne Vitense. Im Jahr 2000 stieg sie das erste Mal in das Becken an der Sportschule in Saarbrücken. Die sechsjährige Sarah war eine sehr gute Schwimmerin – galt aber nicht als Ausnahmetalent. „Ich stand im E-Kader, also nicht einmal im Landeskader“, erinnert sie sich. „Ich glaube, meine Eltern haben 150 Euro bezahlen müssen, damit ich überhaupt an der Sportschule trainieren durfte.“ Erschwerend kam hinzu, dass Bosslet erst spät im Jahr Geburtstag hat. „Damit ist man in den Jahrgangsmannschaften immer ‚die Kleine’“, erklärt sie. Ihre Trainer hätten sie kaum beachtet, ihr nur wenig Selbstbewusstsein vermittelt. Das änderte sich, als Vitense kam. Und die Zusammenarbeit trug rasch Früchte. Bei den saarländischen Kurzbahnmeisterschaften der Nachwuchsschwimmer gewann Bosslet 2005 sieben Medaillen – darunter drei Titel. 2006 qualifizierte sie sich für die deutschen Jugendmeisterschaften in Berlin. Zu jener Zeit entdeckte Bosslet auch, dass sie statt immer nur Kacheln auf dem Beckenboden zu zählen ebenso gerne im Freiwasser unterwegs ist. Bei ihrer ersten Freiwasser-DM 2007 wurde sie über fünf Kilometer auf Anhieb Sechste ihres Jahrgangs.

In den Jahren darauf eilte Bosslet von einem Erfolg zum nächsten, brach zahlreiche Landesrekorde. Unter anderem jenen über 200 Meter Schmetterling – den ältesten saarländischen Jugendrekord seit Bestehen der Max-Ritter-Sportschule (Vorgänger der Hermann-Neuberger-Sportschule) 1979. 2008 gewann Bosslet ihre ersten beiden Medaillen (Bronze) bei den deutschen Jahrgangsmeisterschaften über 2,5 und 5 Kilometer im Freiwasser. Außerdem wurde sie in den C-Kader des deutschen Junioren-Nationalteams aufgenommen. 2009 wurde sie Jahrgangsmeisterin über 200 Meter Schmetterling, qualifizierte sich für die Jugend-EM („Mein größter Erfolg im Juniorenbereich“) und stellte mit der Delfin-Staffel der SSG Saar Max Ritter einen neuen deutschen Rekord auf. 2010 schließlich wurde sie sowohl deutsche Junioren-Vizemeisterin über 400 Meter Lagen – als auch über 5 Kilometer im Freiwasser.

Doch der steile Aufstieg der damals 16-Jährigen wurde durch plötzliche Schmerzen in der Schulter jäh ausgebremst. „Am Anfang dachten alle, es sei nur eine Überlastung“, erzählt Bosslet. Doch die Schmerzen verschwanden nicht. Kein Arzt wusste, woher die Probleme rührten. Erst im November 2011 endlich die treffende Diagnose: Der Anker der Bizepssehne, der diese in Position hält, war gerissen. Im Januar 2012 folgte die Operation. Drei Monate durfte Bosslet gar nicht ins Wasser. Und als es endlich so weit war, fühlte sie sich wie eine andere: „Ich kam mir vor wie eine Nichtschwimmerin. Es war eine Katastrophe“, sagte sie. Erst Anfang 2013 – nach fast drei Jahren – habe sie sich „in etwa“ wieder auf dem Niveau wie vor der Verletzung befunden.

Und Bosslet kämpfte sich zurück. Noch 2013 gewann sie mit neuem Saar-Rekord über 1500 Meter Freistil Bronze in der offenen Wertung bei den deutschen Kurzbahnmeisterschaften. 2014 wurde sie deutsche Meisterin mit der Saar-Staffel, 2015 Zweite beim Europacup in Spanien. Und 2016 gelang ihr Historisches: Mit dem Frauenteam der SSG Saar gewann sie Silber bei den deutschen Mannschaftsmeisterschaften. Es war die erste Medaille in diesem Wettbewerb für das Saarland seit 40 Jahren. Daneben qualifizierte sie sich für die Freiwasser-EM, bei der sie Achte wurde. Im Jahr darauf schließlich belegte Bosslet Rang vier beim Welt-Cup-Auftakt in Argentinien – es war jenes „beste Rennen meines Lebens“.

Doch 2017 war auch das Jahr, in dem Hannes Vitense das Saarland verließ – und damit „ging für mich alles ein stückweit den Bach runter. Danach hat sich niemand mehr für mich interessiert“, sagt Bosslet mit nüchterner Stimme. Unterstützung des Saarländischen Schwimmbundes habe es keine mehr gegeben. „Die gab es auch vorher nur, wenn Hannes nachgehakt hat“, sagt Bosslet. Mit einer Erklärung tut sie sich schwer: „Vielleicht hatte ich nicht den einen großen Erfolg, der alles überstrahlt hat. Wie Andreas Waschburger mit seiner Olympiateilnahme.“

Auch Bosslet verließ nach Vitenses Abschied das Saarland, schloss sich einer internationalen Trainingsgruppe in Kapstadt an. Mit dabei die Brasilianerin Ana Marcela Cunha, eine der besten Freiwasserschwimmerinnen der Welt. Doch das Projekt in Südafrika löste sich rasch in Luft auf. Bosslet folgte Cunha zum Training nach São Paulo. In der brasilianischen Großstadt fühlte sie sich aber nicht wohl. „Das war gar nichts für mich. Ich konnte die Sprache nicht, war die meiste Zeit alleine“, erinnert sie sich.

Es folgte eine schwierige Zeit – ohne Trainer und ohne Gewissheit, wie es weitergehen wird. Bis sie Mitte 2018 in Montpellier unter Trainer Lucas eine neue Heimat fand. Und dort lebt sie noch bis Ende Oktober, wenn ihr Mietvertrag für die kleine Wohnung mit Balkon ausläuft.

Die verbleibende Zeit an der Mittelmeerküste möchte Bosslet genießen – insbesondere weil ihr nun keine sportlichen Grenzen mehr gesetzt sind. „Radfahren, Laufen, Wandern – ich liebe alle Outdoor-Sportarten, gerade belege ich einen Kitesurf-Kurs“, erzählt Bosslet, die vor kurzem auch den Tour-de-France-Anstieg Alpe d‘Huez mit dem Rad hinaufgefahren ist. Den fast 2000 Meter hohen Mont Ventoux im Norden von Montpellier erklomm sie zu Fuß, nur mit einem Trinkrucksack ausgestattet. „So ganz bekommt man den Wettkampftyp offenbar nicht aus mir raus“, sagt Bosslet und muss wieder lachen. Ein neues Ziel hat sie sich längst gesetzt. Einen Ironman möchte sie absolvieren. „Aber diesmal einen ganzen“, sagt sie. Einen sogenannten Ironman 70.3 über die halben Distanzen von 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 21,1 Kilometer Laufen hatte sie im Sommer bereits in St. Ingbert erfolgreich bestritten.

Die Schwimmsport-Laufbahn von Sarah Bosslet klang eher leise aus. 2019 warf sie eine erneute Verletzung zurück. Die aktuelle Saison fiel Corona zum Opfer. Ein letzter Höhepunkt – die Freiwasser-EM – blieb ihr verwehrt. „Aber das ist okay. Ich wollte immer mit dem Schwimmen aufhören, solange es Spaß macht. Es wäre schlimmer gewesen, wenn mich eine Verletzung dazu gezwungen hätte.“

Erste Erfolge: 2005 räumte Sarah Bosslet (Mitte) sieben Medaillen bei den saarländischen Kurzbahnmeisterschaften ab. Foto: Wasserfreunde St. Ingbert
Sarah Bosslet (links) und die beiden Britinnen Jazz Carlin und Danielle Huskisson (v.l.) 2017 beim Open Water Festival im Londoner Hyde Park. Foto: Sabine Schneider-Bosslet

„Meinen Weg, den ich eingeschlagen habe, den habe ich nie bereut“, sagt Sarah Bosslet abschließend – und diesmal ist man sich sicher, dass nicht die geringste Spur des Bedauerns in ihrer Stimme mitklingt.