Wohnpavillon der Brauerei-Familie Becker bei Tag des Denkmals

Modernes Denkmal : Brauerei-Familie setzte auf die Moderne

Beim Tag des offenen Denkmals werden auch Gebäude öffentlich vorgestellt, die sonst nicht im Fokus von Stadtrundgängen stehen. So sind am 8. September auch zwei Bauwerke in St. Ingbert Ziel von Führungen.

Seit 16 Jahren findet der Tag des offenen Denkmals unter der Koordination der Deutschen Stiftung Denkmalschutz immer am zweiten Sonntag im September statt. Auch in St. Ingbert konnten in den vergangenen Jahren anlässlich dieses Tages bei Führungen spannende Orte von Kunst- und Kulturinteressierten angesteuert werden. In diesem Jahr wird wieder der Beckerturm in der Broschüre des Landesdenkmalamtes gelistet – diesmal zum Thema „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur“.

Vielen ist das zwischen 1925 und 1927 vom Architekten Hans Herkommer gebaute, weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt bekannt. „Die bauliche Ausführung in Sichtbeton, die architektonische Assymetrie und die expressionistischen Gestaltungsformen verweisen auf die Moderne der Zwischenkriegszeit“, heißt es in dem Flyer zum Denkmalstag. Da an diesem Tag auch die „Kunst im Turm“ ihre Finissage hat, kann das markante Gebäude mit seinem interessanten Treppenhaus, den vielen Räumen und den Sudkesseln auch von innen besichtigt werden. Führungen gibt es auch zum Gartenpavillon der Familie Becker, den ehemaligen Besitzern der Beckerbrauerei.

Ab 1960 diente ihnen nämlich ein ganz besonderes Gebäude als Zuhause. Es wurde vom sogenannten Farnsworth-House des ehemaligen Bauhaus-Direktors Ludwig Mies van der Rohe inspiriert, dessen Grundsatz „weniger ist mehr“ bei diesem Bau besonders deutlich wird. Das Original aus dem Jahr 1951 wird als sein erstes Meisterwerk in Amerika bezeichnet, wohin er 1938 übersiedelte. Laut Angaben des Architekten besteht das Gebäude in Plano/ Illinois aus „praktisch nichts“. Die Auftraggeberin strengte auch einen Prozess gegen ihn an, weil die „aalglatte Spitzfindigkeit“ mit den Glasfronten so durchsichtig sei wie ein Röntgenbild und sie die Glas-Stahl-Konstruktion für unbewohnbar hielt.

„Dieses Haus ist sehr viel wichtiger, als Größe oder Kosten es ahnen lassen. Es ist ein Prototyp für alle Glasbauten“, verteidigte Mies van der Rohe damals sein Werk. Niko Becker war viel in Amerika unterwegs und „im Denken und Handeln vielen seiner Zeitgenossen voraus“, wie frühere Mitarbeiter über ihn sagten. Deshalb gefiel ihm wohl der puristische Baustil und so setzte der „Haus-Architekt“ der Beckers, Josef von Waldbott, die Wünsche des Brauereibesitzers detailgetreu um. „Das ist eindeutig eine Kopie des Farnsworth-Hauses“, staunt dann auch Konrad Weisgerber über das heutige Domizil der Software-Firma Abat+.

Weisgerber ist Architekt, Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins und wird am Denkmaltag zu dieser für ein Wohnhaus ungewöhnlichen Konstruktion zwei Führungen anbieten. Allerdings ist der Pavillon, aus dem die Beckers wegen der größer werdenden Familie 1970 auszogen, nicht mehr vollständig. Ein Teil wurde kurze Zeit später abgebaut, weil er dem neuen Wohnhaus im Wege war.

Doch diesen Teil gibt es noch – es ist das sogenannte „Haus Singer“ in der Mühlstraße 30 in Rohrbach, das allerdings im Nachhinein noch um einen weiteren Anbau ergänzt wurde. Weisgerber weist auf diese für damalige Zeiten fortschrittliche Modulbauweise hin, die es ermöglichte, das Haus zu „zerlegen“. Norbert Dettweiler, ehemaliger Mitarbeiter der Brauerei, der das Gelände des heutigen Innovationsparks wie seine Westentasche kennt, zeigt bei einem Termin vor Ort ein Luftbild aus den 60er Jahren, das noch den kompletten Pavillon zeigt. Dass allerdings Waldbott den Pavillon geplant haben soll, kann Weisgerber kaum glauben. Dessen Stil sei eher rustikal gewesen, was man an den Gaststuben der „Alten Brauerei“, dem ehemaligen Blieskasteler Hof, der grünen Laterne und der „Schmidd“ habe sehen können. „Rote Fliesen, gescheuerte Tische, grüne Türen und Fensterläden – das waren Waldbotts Markenzeichen“, so Weisgerber.

Neben dem Pavillon der Beckers wird auch der Beckerturm wieder Ziel von Führungen am Tag des offenen Denkmals sein. Foto: Cornelia Jung

„Diese Farbe hieß bei uns nur Waldbott-Grün“, bestätigt Dettweiler die Erinnerungen Weisgerbers. Ist das Landesdenkmalamt also bei der Angabe des Pavillonarchitekten einem Irrtum aufgesessen, zumal das Haus im hinteren Teil der Brauerei bei Dettweiler und seinen Kollegen nur „Schweden-Haus“ genannt wurde? Niko Becker allerdings bestätigt, dass der Nachbau des Farnsworth-Hauses, ein Bautyp, der einzigartig im Saarland ist, den der gebürtige Ungar Waldbott umgesetzte.

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