Von der Verkehrsader zum autofreien Herzen

Von der Verkehrsader zum autofreien Herzen

In der „gudd Stubb“, wo heute italienischer Porphyr den Boden pflastert, rollten vor einiger Zeit noch Autos durch Kaiser- und Ludwigstraße. In diesem Jahr ist die St. Ingberter Fußgängerzone nun 25 geworden. Ein Rückblick.

Dieses Foto erschien vor 25 Jahren in der SZ. Es zeigt die Fußgängerzone am Eröffnungstag, dem 1. September 1990.Foto: Manfred Schmelzer. Foto: Manfred Schmelzer

Es mag ein Rätsel für manchen sein, wie dort, wo heute die St. Ingberter Fußgängerzone ist, eine dreispurige Fahrbahn gewesen sein konnte. Hier floss der Verkehr einmal unmittelbaran Geschäften und Cafés vorbei. Heute fließen hier eher Getränke, während Passanten über italienischen Naturstein schlendern. Vor 25 Jahren, am 1. September 1990, weihte St. Ingbert die Fußgängerzone nach etwa sechs Jahren Bauzeit ein. 2015 ist somit ein Jubiläumsjahr für die mehr als 2700 Quadratmeter große Fläche aus Porphyr mit historischen Laternen, Brunnen, Bäumen und Bronzefiguren.

Zeit also, einen Rückblick zu wagen. Zurück zur Zeit, in der sich die Idee auftat, diese Fußgängerzone einzurichten. Was hat die Stadt damals damit bezweckt? Und was ist nach 25 Jahren aus der "gudd Stubb", wie sie damals getauft wurde, geworden? Bald 17 Leerstände zählen wir heute in der Innenstadt - Ist die Luft deswegen raus? Auf diese Fragen weiß besonders Winfried Brandenburg zu antworten. Als 1984 die ersten Bagger anrückten, war er gerade zum Oberbürgermeister von St. Ingbert gewählt worden. So ganz frisch war die Idee einer Fußgängerzone zu dieser Zeit aber schon nicht mehr, erzählt er. Schon in den 60er Jahren im damaligen Generalverkehrsplan waren Pläne aufgeführt, das Stadtzentrum vom Verkehr zu entlasten. Doch die Verwaltung um Vorgänger Werner Hellenthal sei damals zögerlich vorgegangen, berichtet Brandenburg. "Er hielt eine Fußgängerzone aus unserer damaligen Sicht für eine Modeerscheinung." Im Mai 1982 beschloss der Stadtrat dann doch noch die Entstehung der Flaniermeile - einstimmig.

Vor Brandenburg lagen nach seiner Amtseinführung viele Baustellen. "Die Stadt war gebeutelt durch den Wegfall der Montanindustrie und den Verlust der Arbeitsplätze", erzählt er. Zudem habe St. Ingbert einen defizitären Haushalt gehabt. Die Fußgängerzone sollte eine Signalwirkung haben. Es sollte aufwärts gehen, St. Ingbert ein Ansehen als gemütlicher Naherholungsort zwischen Industriestädten bekommen. In seiner Rede zur Einweihung des zweiten Bauabschnittes sprach Brandenburg von einer "sozialen Funktion des Städtebaus", davon, dass sich das öffentliche Leben auf der Straße zurückentwickelt und dass "eine Stadt ohne Kommunikation stirbt". Sein Ziel war "eine Fußgängerzone, in der ständig etwas los ist" mit Sitzgelegenheiten, Straßenmusikanten und Festen. Bis heute habe die Fußgängerzone die wesentliche Funktion des Zusammenkommens beibehalten. Daran ändern auch die Leerstände nichts. Die seien eher ein Ergebnis des veränderten Einkaufsverhaltens, sagt Brandenburg. Hat die Fußgängerzone also seine Erwartungen erfüllt? Brandenburg antwortet mit einem "Ja", das deutlicher kaum sein könnte.

Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre griff der Sanierungseffekt auf nahe der Fußgängerzone liegenden Häuser über. Das Haus in der Kaiserstraße 77, in dem sich früher das Schreibwarengeschäft Schwan befand, wurde im Stil des Bauern-Barock restauriert, so steht es in alten Artikeln unserer Zeitung geschrieben. Auch "Becker Bräu" und "das Anwesen Roede" wurden damals verschönert. Nicht zuletzt unterzog sich auch die Engelbertskirche einer Neugestaltung, noch bevor die ehemalige Kaufhalle Platz für die Stadtbücherei machte und ihr Gesicht änderte. Dazu fällt Brandenburg eine griechische Weisheit ein: "Nichts ist beständiger als der Wandel."

Liebe Leser, haben auch Sie Erinnerungen an Kaiser- und Ludwigstraße vor dem Umbau oder ihren ersten Besuch in der Fußgängerzone? Senden Sie uns Ihre Erzählungen oder Fotos per E-Mail an red-igb@sz-sb.de.