Traditionelles Handwerk: Über den Dächern von St. Ingbert

Traditionelles Handwerk : Über den Dächern von St. Ingbert

Der Dachdeckerbetrieb von Michael Jakobs ist als familienfreundlich ausgezeichnet worden. Dennoch ist der Nachwuchs das Problem. Es kommen einfach zu wenig Auszubildende nach.

30 Grad, keine Wolke in Sicht. Es ist zwar erst 10 Uhr morgens, aber die Sonne zeigt kein Erbarmen. Drei Männer sind ihr an diesem Morgen so nah, wie niemand sonst in der näheren Umgebung: Die Dachdecker aus dem St. Ingberter Betrieb Jakobs.

Sonnenbrille und Mütze zum Schutz, die kurzen Arbeiterhosen vollgepackt mit Werkzeug, klettern sie mit den dicken Sicherheitsschuhen trittsicher über das rund zehn Meter hohe Gerüst. „Man gewöhnt sich dran“, sagt Geschäftsführer Michael Jakobs über die Höhe. „Am Anfang halten sich alle noch mit sechs Händen fest. Nach zwei Monaten ist das Gerüst kein Problem mehr. Nur die Routine darf nicht einsetzen“, warnt er. „Das kann tödlich enden.“ Trotz sengender Hitze macht ihm sein Beruf Spaß. „Ich liebe es draußen zu arbeiten“. Um 7 Uhr in der früh beginnt für die Dachdecker ein normaler Arbeitstag. In der Firma im Hüttenpfad in St. Ingbert beladen sie das Auto und machen sich auf den Weg zur Baustelle, meist in St. Ingbert oder Saarbrücken. „Man ist immer nur eine bis drei Wochen an einem Ort. Dann wechselt die Baustelle“, sagt Jakobs. „So lernt man immer neue Leute kennen, hat viel Kunden-Kontakt.“ Für den 42-Jährigen einer der großen Pluspunkte an seinem Job im traditionellen Handwerk. Den Betrieb leitet er seit 2000 – in dritter Generation. Sei Großvater hat ihn in den 1960er Jahren gegründet. Es ist ein kleiner Familienbetrieb, elf Mitarbeiter insgesamt. Seine Mutter und seine Frau kümmern sich um die Büroarbeit. Er steht auf dem Dach und sein zehnjähriger Sohn hat, zumindest jetzt, den festen Plan in die Fußstapfen des Vaters zu treten.

Auf seine Mitarbeiter legt Michael Jakobs viel Wert. Zwei von ihnen haben ein künstliches Hüftgelenk und können nicht mehr so schwer arbeiten, erzählt er. Jakobs versucht sie zu schonen. So kümmert sich einer von ihnen jetzt vorwiegend am Boden um den Kran, der das Arbeitsmaterial zum Dach bringt. Einem Bekannten aus Tschechien hat Jakobs bei der Anmeldung und mit dem Papierkram geholfen, hat ihm einen Sprachkurs vermittelt. Und dieser Einsatz für seine Mitarbeiter hat sich bezahlt gemacht. Der St. Ingberter Betrieb ist von der Saaris-Servicestelle „Arbeiten und Leben im Saarland“ mit dem Saarländischen Gütesiegel „Familienfreundliches Unternehmen“ ausgezeichnet worden. Zum ersten Mal 2016. Die Bestätigung folgte zu Anfang dieses Jahres.

Daniel Wagner arbeitet seit 2001 im Betrieb, war Jakobs erster Azubi nach dessen Meisterprüfung. Vor neun Monaten ist er zum zweiten Mal Vater geworden. „Es kann immer mal was sein, das Kind ist krank, die Frau ist krank. Und dann kann ich hier weg“, sagt Wagner, während er Bretter für die Fassade eines Hauses zurecht sägt. „Auch kurzfristig.“ Michael Jakobs plant dann um. „Ich weiß ja selbst wie das ist“, sagt der Familienvater. „Und im Prinzip ist es nichts anderes als wenn jemand Urlaub hat oder krank ist. Nur eben kurzfristiger.“ Sein Großvater hätte sicherlich noch die Augenbrauen gehoben und auch heutzutage ist der Einsatz der jungen Väter nicht in allen Firmen selbstverständlich. Jakobs hingegen ist es wichtig. Im Betrieb verstehen sich alle gut. „Wenn wir Geburtstage feiern, sind immer alle eingeladen. Früher standen die Kinderwägen nebeneinander. Mittlerweile laufen sie alle rum.“ Ein schöner Anblick. Schon als er selbst noch Kind war, sei es für ihn das größte gewesen in der Firma rumzulaufen, zu erkunden was es alles gibt.

Dachdecker sein, das ist natürlich weit mehr als ein paar Doppelfalzziegel, wie sie hier in der Region oft gewünscht werden, auf eine Schräge zu platzieren. Der Beruf des Dachdeckers hat sich verändert in den letzten Jahren. Vor allem seit Energiesparen ein Schwerpunkt in den Köpfen der Kunden geworden ist. „Wärmedämmung, Bauphysik, es ist komplex geworden. Dadurch aber auch sehr interessant“, sagt Jakobs. Damit aber nicht genug. Auch Klempnerarbeiten oder Fenster einbauen gehören zum Berufsbild. „Um die Dachfenster kümmern wir uns. Und da kommt ja immer wieder was neues hinzu. Die Leute wollen ihre Fenster mit der App vom Handy aus auf- und zumachen können. Das müssen wir dann alles anschließen“, erzählt Jakobs. Die ganzen Netzwerkgeschichten, wie er es nennt, sind neu dazu gekommen.

Janosch Baris arbeitet seit vier Jahren im Betrieb von Michael Jakobs. Foto: Nina Drokur
Daniel Wagner kümmert sich um die Fassade eines Hauses in Saarbrücken. Foto: Nina Drokur

Über die Auftragslage kann er sich nicht beschweren zurzeit, sagt er. Was ihm allerdings fehlt, sind Mitarbeiter. „Es kommen keine Azubis nach. Die meisten wollen studieren. Das ist schon lange bekannt, aber jetzt sehen wir die Spitze des Eisbergs.“ Kunden müssten dann schon mal von Auftrag bis Ausführung bis zu einem halben Jahr warten. Notfälle natürlich ausgenommen. Als im vergangenen Jahr ein kurzer Hagelsturm etliche Dächer in St. Ingbert beschädigt hat, hatten die Dachdecker alle Hände voll zu tun. Auftragsarbeit blieb schon mal bis in Frühjahr liegen. „Die meisten hatten Verständnis dafür. Andere waren auch verärgert. Aber was soll man machen, wenn nicht genügend Leute da sind“, klagt Jakobs. Studiert hat auch Janosch Baris. Er steht gerade am Rand des Steildachs, stanzt Löcher in eine Abdeckung zum Nachbarhaus. „In Mainz, Bauingenieurswesen. Ich war im fünften Semester, als ich nach Saarbrücken gewechselt habe. Dort wollten sie mich ins erste Semester zurückstufen.“ Das hat dem damals 22-Jährigen nicht gepasst. In den Semesterferien hat er immer schon ausgeholfen in dem Betrieb in dem auch sein Vater schon seit 40 Jahren arbeitet. Schließlich hat er sich 2014 dazu entschlossen eine Ausbildung zu machen. Und jetzt soll noch der Meister folgen. Dass der Beruf so abwechslungsreich ist, gefällt ihm am meisten. „Und die Kameradschaft. Man hat hier immer was zu lachen“, sagt Baris. „Man sieht am Ende des Tages was man geschafft hat“, ergänzt sein Chef. Und so erfreut sich Jakobs, noch regelmäßig an der Südschule in St. Ingbert vorbeizufahren. „Die Südschule mit den verschiedenen Grün- und Rottönen. Das war unser schönster Auftrag.“