Nach dramatischer Geburt Paul aus St. Ingbert kämpfte sich ins Leben – jetzt steht seine Familie vor neuen Herausforderungen

St Ingbert · Nach einer schwierigen Geburt mit Sauerstoffmangel ist der dreijährige Paul Kalski schwer mehrfachbehindert. Die negativsten Einschätzungen zu seiner Lebenserwartung hat er schon lange widerlegt. Er will in den Kindergarten. Ohne Mama.

 Peter Kalski mit seinem Sohn Paul Uwe.

Peter Kalski mit seinem Sohn Paul Uwe.

Foto: Michael Beer

Katja Kalski legt eine Hand auf den Arm ihres Sohnes. „Paul braucht schon jemand Robusten“, sagt sie und lächelt. Was der Dreijährige dazu denkt, ist für einen Fremden schwer auszumachen. Der Junge schaut an allen, die am Tisch sitzen, vorbei und rührt sich zunächst einmal nicht. Neben seinen Eltern Katja und Peter sind das noch Karina Wagner vom „Ambulanten Pflegedienst Plus“ aus Schiffweiler und der Mann von der Zeitung. Paul muss einen Fremden erst mal kennenlernen, so wie es aussieht. Zum Abschied eine gute Stunde später ist der Dreijährige viel munterer, hebt die Arme und schaut den Gast auch mal an.

Pauls Start ins Leben war dramatisch

Paul will in den Kindergarten. Für einen Jungen seines Alters nichts Ungewöhnliches. Doch Paul ist kein gewöhnliches Kind. Er ist schwer mehrfachbehindert und entwicklungsverzögert, für die Stunden in der Kita muss ihn jemand begleiten. Dies für den Fall, dass er mal Sauerstoff braucht oder abgesaugt werden muss. Doch diese Person ist gar nicht so einfach zu finden. Selbst mit Unterstützung durch den Pflegedienst nicht.

Pauls Start ins Leben war ein dramatisches und traumatisches Erlebnis für die Familie. „Er wollte nicht aus mir raus“, erzählt Katja Kalski. Während des Geburtsvorgangs sei er immer wieder ins Becken zurückgerutscht. Die Sauerstoffversorgung war schließlich nicht mehr ausreichend, es kam zum Notkaiserschnitt, Paul erlitt ein Multiorganversagen. Der Fachbegriff dafür lautet Asphyxie. Für die Mutter wurde die Geburt zum „Blutbad“, wie die 37-Jährige erzählt. Ein Horrorfilm, der in mehreren Operationen endete, weil die Tortur dieses Geburtsvorgangs ihre inneren Organe massiv geschädigt hatte. „Wir haben beide um unser Leben gekämpft“, sagt sie.

Auch nach drei Jahren ist den Kalskis anzumerken, wie sehr sich diese Zeit eingebrannt hat. Er sei damals von den Ärzten heimgeschickt worden, sagt Peter Kalski (39), und das mit dem Satz, er müsse sich auf einen Anruf und die Frage gefasst machen, ob bei seinem Sohn die Beatmung abgestellt werden solle. „Ich bin in der Wohnung auf und ab gelaufen. Der Anruf blieb aus.

Karina Wagner vom Pflegedienst-Unternehmen „Ambulanter Pflegedienst Plus“.

Karina Wagner vom Pflegedienst-Unternehmen „Ambulanter Pflegedienst Plus“.

Foto: Karina Wagner

Kalskis blieben immer positiv

Die Familie war auf dem Neunkircher Kohlhof zur Entbindung. Und hat dabei im Kontakt mit dem Fachpersonal ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Von der Ansage, Paul würde sein erstes Lebensjahr wohl kaum überleben, bis hin zu den aufbauenden Worten, es ließe sich in den ersten Tagen nicht sicher sagen, wie sich der Kleine entwickeln werde. Auch der Satz sei gefallen, es wäre vielleicht besser, das Baby würde sterben. Das hat die jungen Eltern sehr getroffen. Die Kalskis haben sich an den positiveren Einschätzungen festgehalten.

Zehn Tage, erzählt Katja Kalski weiter, sei Paul intubiert gewesen. Die Asphyxie hat schwerste Schädigungen bei ihm hinterlassen, er leidet unter epileptischen Anfällen, sein Schluckreflex ist schwach ausgeprägt. Aber Paul lebt. Sein Vater: „Für seine Verhältnisse ist er quietschfidel.“ Er greife nach Leuten, schaue sie an, setzt die Mutter hinterher: „Paul macht das krasse Gegenteil von dem, was die Intensivmediziner vermutet haben.“ Pauls Papa arbeitet als Koch, die Mama hat mit dem Kleinen einen „24-Stunden-Job“. Immer mal wieder streicht sie Paul über den Kopf während des Gesprächs: „Wir rocken das ganz gut.“

Familie ist auf der Suche nach einer Fachpflegekraft für die Kita-Zeit

Bleibt die Sache mit dem Kindergarten. Im vergangenen September, berichten die Kalskis, hat Pauls Kita-Zeit in der Fördereinrichtung Kunterbunt in Homburg begonnen. Die Mutter ist dabei zunächst immer mitgefahren. Der Gedanke war, eine Eingewöhnung hinzubekommen. Katja Kalski: „Das Problem dabei ist, dass die Mitarbeiterinnen bestimmte Dinge wie Sauerstoff geben und Absaugen nicht machen dürfen.“ Dazu bedürfe es einer Fachkraft. Und Paul wolle natürlich auch ein richtiges Kindergarten-Kind sein, nicht immer mit seiner Mama im Hintergrund.

Auf der Suche nach einem entsprechend qualifizierten Menschen, der Pauls Pflege in der Kita übernehmen kann, haben die Kalskis neben einem privaten Aufruf in den sozialen Medien den „Ambulanten Pflegedienst Plus“ aus Schiffweiler mit ins Boot genommen. Karina Wagner ist dort stellvertretende Pflegedienstleiterin. Sie habe selbst 20 Jahre im Klinikum Winterberg in Saarbrücken gearbeitet, erzählt sie. Der Pflegedienst betreut Intensivpatienten, Erwachsene wie Kinder. Auf letzteren liege ihr persönliches Augenmerk. Und wenn der Pflegedienst auch rund 130 Menschen, überwiegend Frauen, beschäftigt, stehe für den kleinen Paul im Moment niemand zur Verfügung: „Die Familie Kalski ist auf der Warteliste.“ Die Personalnot ist dabei das eine. Ein noch junges Gesetz für die „außerklinische Intensivpflege“ sei ein weiterer Faktor, der es mit seinen speziellen Regularien nicht einfach mache, Familien wie die Kalskis zu unterstützen. Wer sich für die Aufgabe interessierte, Paul in die Kita zu begleiten, müsse dabei lediglich das Ausbildungsprofil „Pflegefachkraft“ erfüllen.

Paul blüht in der Kita auf

Katja und Peter Kalski hoffen sehr, dass sich möglichst schnell jemand für Pauls Kita-Stunden findet. Katja Kalski erzählt, in der Kindertagesstätte blühe ihr Sohn unter anderen Kindern richtig auf. Sie sei dann fehl am Platz. Und natürlich, räumt sie ein, brauche sie auch selbst mal ein wenig Abstand, ein bisschen Zeit für sich. Paul hebt die Arme, artikuliert sich zunehmend zum Ende des Gesprächs. Er ist warm geworden mit der fremden Situation. Und vielleicht will er die Worte seiner Mama bekräftigen.

Kontakt zum Pflegedienst Plus: Tel. (0 68 21) 2 94 96 00 oder Tel. (0160) 2 48 76 96.