St. Ingbert: Anwohnerin will gegen neues Bürogebäude klagen

Kostenpflichtiger Inhalt: Betroffene Anwohnerin will klagen : Pläne für neues IT-Gebäude sorgen für Unmut

Am Donnerstag berät der Stadtrat in einer Sondersitzung über das neue Bürogebäude am Beckerturm. Anwohner fühlen sich bei der geplanten Dimension des Bauvorhabens derweil „bewusst getäuscht“.

Raum für bis zu 200 Arbeitsplätze soll das neue geplante Bürogebäude des Software-Unternehmens abat+ im Innovationspark Beckerturm bieten. Zusammen mit der Firma Daimler Protics will man an der sogenannten „Industrie 4.0“, der Digitalisierung von Industrieabläufen, arbeiten und das berühmte „Silicon-Valley-Flair“ nach St. Ingbert bringen, wie abat+-Geschäftsführer Peter Grendel erklärte. Rückhalt genießt das ehrgeizige Ziel durch Oberbürgermeister Ulli Meyer, der erst vor kurzem verdeutlichte, dass er St. Ingbert als IT-Standort etablieren will.

Doch gegen den Neubau regt sich auch Protest. Anliegenden Anwohner der Pfarrer-Lauer-Straße auf dem Hobels haben eine Online-Petition gestartet, die sich gegen das Projekt in seiner jetzigen Planung richtet.

In einem gemeinsamen Treffen vor Ort versicherten die betroffenen Anwohner, dass man nicht grundsätzlich gegen den Neubau im Steinbruch sei und die Ansiedlung innovativer Arbeitsplätze in der Mittelstadt begrüße. Jedoch sehe man sich seitens der abat+-Geschäftsführung „bewusst getäuscht“, was die Dimensionen des neuen Bürogebäudes betrifft. In einer Informationsveranstaltung am 12. Dezember sei den Anwohnern der Entwurf eines Vier-Etagen-Gebäudes präsentiert wurden, statt eines mit fünf, wie sie ein aktueller Entwurf zeigt. Diesen hätte man erstmals in der Saarbrücker Zeitung gesehen, so die Anwohner.

Der aktuelle Entwurf für das neue Bürogebäude im Steinbruch. Hier wollen in Zukunft die Firmen abat+ und Daimler Protics zusammen an der Digitalisierung von Industrie- und Produktionsabläufen arbeiten. Foto: dt+p Architekten und Ingenieure GmbH

Abat+-Geschäftsführer Peter Grendel versicherte auf Nachfrage, dass den Anwohnern damals kein anderes Bild gezeigt worden sei. Dies hätte man auch auf einem späteren gemeinsamen Treffen mit dem OB und Bürgermeister Markus Schmitt nochmals betont. Alle Drei hatten zuletzt Verständnis für die Situation der Anwohner geäußert, das Projekt aber verteidigt. „Ich möchte das größtmögliche Wohlbefinden für alle Seiten“, erklärte Grendel damals. Und auch jetzt wolle er weiterhin gesprächsoffen und „lösungsorientiert“ bleiben, wie er betont. Zudem sei das Ganze „nicht so dramatisch, wie es manche Anwohner darstellen.“

Michaela Mann, deren Grundstück am stärksten von den Neubau betroffen wäre, zeigte sich dagegen sichtbar erschüttert. „Wir haben uns hier unser Traumhaus gebaut“, schildert Mann. Sollte das Bürogebäude in den momentan geplanten Dimensionen errichtet werden, überlege man das eigene Haus notfalls zu verkaufen.

Die Anwohner kritisieren zudem die Art und Weise, wie das Projekt bisher mit ihnen kommuniziert wurde. Bereits beim ersten Treffen im Dezember hätte es von der abat+ geheißen, dass seitens der Stadt St. Ingbert eine entsprechende Baugenehmigung mündlich zugesichert wurde und man mit den Bauarbeiten schon Ende Januar beginnen würde. Dadurch bestehe nicht ausreichend Zeit für eine Diskussion mit den Anwohnern, kritisiert Mann. Sie und die anderen Anwohner seien verärgert, dass man sie mehr oder weniger „vor vollendete Tatsachen“ gestellt habe.

Angesichts der raschen Entwicklung bei diesem Thema hatte der OB zuletzt Verständnis gezeigt und zugegeben, dass manche Anwohner sich etwas vor den Kopf gestoßen fühlen könnten. Auch Irene Kaiser, Ortsvorsteherin von St. Ingbert-Mitte zeigte Verständnis. Wie die Anwohner sei sie zunächst „überrascht über die Ausmaße“ des geplanten Gebäudes gewesen. Jedoch sieht sie in dem Neubau auch eine „einmalige Chance“ für St. Ingbert.

Dabei hat das Projekt durchaus eine etwas längere Vorgeschichte. Bereits März 2016 war das geplante Bürogebäude im Stadtrat einmal Thema gewesen. Anlass war damals allerdings das neue Pflegewohnstift, das zurzeit im vorderen Teil des ehemaligen Steinbruchs errichtet werden soll. Zur Bewältigung möglicher Konflikte beschloss der damalige Stadtrat, dass für bauliche Erweiterungen auf dem Gelände ein Bebauungsplan von Nöten ist, der auch die schriftliche Zustimmung der angrenzenden Anwohner fordert.

Ein neues Rechtsgutachten, welches seitens der Stadtverwaltung bei der Kanzlei Rapräger Rechtsanwälte aus Saarbrücken in Auftrag gegeben wurde, kommt nun jedoch zu dem Schluss, dass sich das geplante Bürogebäude der abat+ nach Art und Maß der baulichen Nutzung in die Umgebung des Innovationsparks einfüge und nach Paragraph 34 Baugesetzbuch daher auch ohne einen entsprechenden Bebauungsplan genehmigt werden könne. Somit sei der Grundsatzbeschluss von 2016 obsolet und könne formal aufgehoben werden, wie es in der entsprechenden Beschlussvorlage der Stadtverwaltung für die Sondersitzung des Stadtrates am kommenden Donnerstag, 16. Januar, heißt.

Michaela Mann zeigt auf die Stelle hinter ihrem Haus, wo das neue Firmengebäude von abat+ entstehen soll. Die Anwohner der Pfarrer-Lauer-Straße sind der Ansicht, dass der Neubau das Gesamtbild des Gebietes um den Beckerturm und der Beckervilla negativ beeinflussen könnte. Foto: Tom Peterson

Weiterhin wird ein gemeinsames Grünflächenkonzept mit den Anwohnern in der Beschlussvorlage gefordert. Für Irene Kaiser stellt dies einen wesentlichen Punkt zur Findung eines „Minimalkonsens“ mit den betroffenen Anwohnern in der Pfarrer-Lauer-Straße dar, wie sie auf SZ-Anfrage schildert.

Michaela Mann und die anderen Anwohner sehen das anders. Ihrer Ansicht nach fügt sich das Bürogebäude nicht in die Umgebung zwischen Beckerturm und dem Wohngebiet auf dem Hobels ein. Auch würden wichtige Aspekte wie Natur, Emissions- und Denkmalschutz durch einen fehlenden Bebauungsplan nicht genug gewürdigt werden. Sollte der Beschluss am Donnerstag im Stadtrat durchgehen und die Baugenehmigung erteilt werden, würde sie gegen diese klagen, versicherte Mann. Große Hoffnung auf Erfolg mache sie sich jedoch nicht. Allerdings: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, verdeutlicht die 58-Jährige ihren Standpunkt.