Serie Museen im Saarland: Lothringerhaus in Gerlfangen

Serie Museen im Saarland : Ochsenblut für dunkelrote Läden und Türen

Das Lothringerhaus in Gerlfangen ist ein „lebendiges Museum“, genauso wie es sich Pia und Peter Weber immer gewünscht haben.

„Die Leute waren früher kärglich ausgestattet“, schildert Peter Weber die Lebenssituation in alten Bauernhäusern. Dagegen quillt ihres vor Relikten vergangener Zeiten beinahe über. Unter anderen hängen Bottiche vom Gebälk, in Regalen stehen Kuchenformen, an Wänden finden sich bunte Bilder mit Hinterglasmalerei. „Wir sind das einzige Museum im Saarland, in dem die Räume bewohnt sind“, sagt Pia Weber. Und wie aus der Zeit gefallen steht ihr Lothringerhaus im Lommerweg 18 in Gerlfangen. Vorne an der Straße ist noch der Nussbaum von 1930, ein Weg mit Kalksteinpflaster führt zur Haustür, ein anderer mit Kalksplitt zum Stall und dem davor liegenden Mistplatz.

„Wohnen als Hobby“, bezeichnen Pia und Peter Weber ihren Umgang mit dem historischen Gebäude. Er stammt ursprünglich aus Nalbach, sie aus Pachten. So ein Haus hatten sie gezielt gesucht und sind dann auf dem Saargau hängen geblieben. Das war 1988. Ab da wurde das Gebäude mit viel Aufwand wieder instand gesetzt. „Unser Ziel war immer, so zu leben. Mit alten Sachen.“ Und diese Liebe zur bäuerlichen Welt spiegelt sich auch in der liebevollen Gestaltung.

Seit 2009 ist das Haus ein „lebendiges Museum“. Die hölzernen Läden und Türen sind dunkelrot. „Dafür hat man früher Ochsenblut genommen“, erläutert Peter Weber. Die Fassade ist mit hellem Kalk gestrichen. An ihr ranken sich Efeu und wilder Wein nach oben. Links am Haus führt ein steinerner Zugang in die beiden Kellergewölbe. Direkt unter der Dachtraufe liegen fünf runde Öffnungen, die Luth- oder Spall-Löcher. Über sie wurde der Dachboden belüftet, wo unter anderen Heu und Getreide lagerten. Eingeteilt ist das Haus in den Wohnbereich links, nach rechts hin kommt die Scheune und dann der Stall. 15 Meter breit ist es und 15 Meter tief, mit Backhaus sogar 20 Meter. Dahinter liegt der lange Garten mit gemauertem runden Brunnen nahe dem Hinterhof. Von 1835 stammt das Haus. Die Wände sind etwa 60 Zentimeter dick. „Die haben das doppelwandig gebaut“, sagt Pia Weber. „In der Mitte hatten die alles Mögliche reingemacht, auch als Wärmedämmung.“ Hinter der Haustür liegen noch die alten Fliesen von etwa 1900.

Elf bis 15 Personen waren in so einem Haus keine Seltenheit. Einiges der Ausstattung stammt vom vorherigen Eigentümer, der Familie Genser. Darunter Mobiliar und landwirtschaftliche Geräte. Viele weitere Objekte suchten sich die Webers gezielt auf Flohmärkten zusammen. Richtig interessant wird es, wenn sie über Details erzählen. An einer schönen Truhe von 1760 fallen dann beispielsweise die Tragegriffe auf. „Wenn es mal gebrannt hat“, sagt Peter Weber, „dann konnte man die wichtigen Dinge darin schnell aus dem Haus schaffen.“ An einer Wand im Backhaus hängt das Kerbholz mit den eingeritzten Schulden, die jemand hatte. Das ist der Ursprung für einen immer noch gebräuchlichen Spruch. Um Wasser zu transportieren, gab es ein passend geformtes Brett, das über die Schultern gelegt wurde. An beiden Seiten hingen die Wassereimer. „Das gab es auch für Kinder“, erzählt Peter Weber und zeigt auf die kleinere Version an der Wand.

Mit dem Chaussee-Wänchen schoben Bauern früher ihre Waren kilometerweit zu Marktplätzen. Im Winter wurden die Zähne für Heurechen selbst geschnitzt und eingesetzt. „Der französische Rechen hier bei uns hatte nur eine Reihe, der alemannische Rechen war beidseitig damit bestückt.“ Die offene Feuerstelle, wie sie früher in den Küchen vorhanden war, findet sich im Backhaus. Nach oben verengt sich der Kamin. Darin hingen geräucherte Würste, Schinken und Speck. Damit sich niemand die Finger verbrannte, waren viele Geräte mit langen Stielen versehen. Im Backofen wurde alle zehn bis 14 Tage zuerst das Brot gebacken. Die restliche Hitze nutzten die Bewohner für Kuchen, ganz zum Schluss dörrten sie Obst.

In der heutigen Küche im Wohnbereich steht noch ein alter Ofen. Auf der Oberfläche wurden Wasser, Milch, Waffel- und Bügeleisen erhitzt. Im Herbst dampften Kastanien auf der Herdplatte.

Das „lebendige Museum“ von Pia und Peter Weber vermittelt einen Eindruck vom bäuerlichen Leben von vor 100 und mehr Jahren. Mit originalen Küchengeräten, die viel Zeit erforderten und einem Spülstein, der tatsächlich noch aus Stein ist. Alt-lothringische Möbel stehen in der guten Stube, Teller aus Lothringer Fayencen von 1780 bis 1850 in der Küche und im Schlafzimmer Möbel des 19. Jahrhunderts. „Das sind Floheier“, erzählen die beiden Besitzer. Kunstvoll aus Holz geschnitzte Formen, die an ein Hühnerei erinnern. Allerdings hohl und mit kleinen Löchern übersät. „Die sind konisch. Da konnten Flöhe hinein, aber nicht mehr raus.“ Außerdem war ein Klebstoff drin. Diese Hilfsmittel trugen Männer unter der Perücke und Frauen im Dekolleté, um die Plagegeister einzufangen.

Aus dem 18. Jahrhundert stammt der Webstuhl im Obergeschoss des Backhauses. Drumherum allerlei Geräte zur Verarbeitung von Flachs und Leinen. In einem Schrank die Endergebnisse in Form von Tüchern, Hemden und Röcken. Neben ihrem Bauernhaus unterhalten die Webers auch einen Hausgarten mit altem Baum- und Strauchbestand. Dessen Besichtigung lohnt von Frühjahr bis Herbst.

1990 wurde das Lothringer Bauernhaus von Pia und Peter Weber zum schönsten im ganzen Saarland gekürt. Kein Wunder.

Besichtigungen sind möglich nach telefonischer Vereinbarung unter (0 68 33) 16 51. Die Führung durch Haus und Anwesen kostet fünf Euro, für Gruppen nach Absprache. Erreichbar ist das „lebendige Museum“ über die L 172 von Siersburg aus. Dann quer durch Gerlfangen zum Lommerweg 18.

Alle Serienteile zu den Museen im Saarland finden sich im Internet:

Eine Küche wie Anno-Dazumal. Foto: Johannes Bodwing
Mit dieser Form wurden vermutlich Oblaten für religiöse Zwecke hergestellt. Foto: Johannes Bodwing
Ein noch immer funktionstüchtiger Webstuhl für die Herstellung von Leinen. Foto: Johannes Bodwing
Der ganze Stolz der Hausfrau war solches Geschirr aus Lothringer Fayencen. Foto: Johannes Bodwing
Peter Weber an der Harsch, dem offenen Küchenfeuer früherer Zeiten. Foto: Johannes Bodwing

www.saarbruecker-zeitung.de/­museen-im-saarland