Serie Museen im Saarland: Der Keltenpark in Otzenhausen

Serie Museen im Saarland : Die Kelten sind wieder da

In einem Dorf in Otzenhausen wird Geschichte lebendig: Besucher können dort sehen, wie die Menschen vor 2000 Jahren ihren Alltag gemeistert haben.

Ein Geisterdorf mitten im Hochwald. Einsam und verlassen liegt es da, umgeben von dichten Wäldern. Ein leises Pfeifen ist zu hören, als der Wind an diesem Morgen zwischen den Häusern hindurch bläst. Es scheint, als seien deren Bewohner gerade erst verschwunden. Die Tür einer Hütte steht sperrangelweit offen. Im Inneren baumelt gefärbte Wolle zum Trocknen von der Decke herab. Auf einem Webstuhl sind Fäden eingespannt und auf dem Esstisch steht ein großer, schwarzer Kessel. Auch das Feuer in der Dorfmitte dürfte noch nicht lange erloschen sein. Asche deutet darauf hin, dass dort erst vor Kurzem Flammen loderten.

„Das gehört hier doch gar nicht hin“, durchschneidet plötzlich eine Männerstimme die Stille. Im nächsten Augenblick stapft Michael Koch aus einem teilweise offenen Häuschen heraus. In der Hand hält er eine Art Grillrost, der normalerweise als Kochstelle über dem Feuer dient. „Die Hochwaldkelten sind manchmal etwas unordentlich“, sagt der 45-Jährige und grinst. Er ist Vorsitzender des Freundeskreises keltischer Ringwall, dessen Mitglieder das Geisterdorf regelmäßig zum Leben erwecken. Rund 20 Kinder und Erwachsene ziehen dann in die Häuser ein. Sie backen Brot, gießen Bronze, schmieden, töpfern, färben Wolle, weben und erzählen den Besuchern von der keltischen Kultur. Nach solch einem Aktionstag ist für Koch meist Aufräumen angesagt – bevor schon wieder die nächsten Gäste im Keltenpark von Otzenhausen vorbeischauen.

Dieser hat im Mai 2016 eröffnet und befindet sich zurzeit in der Aufbauphase. Er besteht aus drei Elementen: Einer Naturarena, die bis zu 500 Zuschauern Platz bietet. Einer freien Fläche, auf der in den nächsten Jahren das Eingangstor zum Nationalpark Hunsrück-Hochwald entstehen soll. Und dem zirka 1900 Quadratmeter großen Keltendorf am Fuße des Ringwalls. Es zeigt, wie die Menschen vor 2000 Jahren innerhalb der gewaltigen Festungsanlage auf dem Dollberg gelebt haben. Die insgesamt zehn Gebäude orientieren sich in Architektur und Bauweise an den historischen Funden und Vorbildern.

„Ein Haus zu rekonstruieren, kostet zwischen 50 000 und 60 000 Euro“, erläutert der Altertumswissenschaftler bei einem Rundgang durch die Siedlung. Eine Firma aus Baden-Württemberg, die auf Baudenkmalpflege spezialisiert ist, habe diese Aufgabe übernommen. Die Statik der keltischen Hütten basierte vor allem auf Standpfosten, die im Boden verankert waren und bis zu einem Meter in die Erde hinabreichen konnten. „Die dafür notwendigen Baugruben haben wir bei Ausgrabungen im Ringwall sehr häufig gefunden“, berichtet Koch. Diese Pfosten seien durch ein Holzgerüst aus Balken miteinander verbunden gewesen und hätten den Dachstuhl getragen. Die Wände bestanden aus einem Flechtwerk von gewundenen Zweigen und waren mit Lehm verputzt oder mit Kalk getüncht. Das Dach sei mit Stroh oder Holzschindeln gedeckt gewesen. „Die Kelten hatten schon einen Schönheitssinn“, ist Koch überzeugt, der selbst Archäologe ist und die Grabungen bei Otzenhausen sieben Jahre lang geleitet hat.

Im Otzenhausener Keltendorf gibt es vier verschiedene Gebäude-Typen zu sehen. Die auf Stelzen stehenden Speicherhäuser dienten vermutlich als Vorratskammer für Speisen und Waren. Da das Handwerk in der antiken Gesellschaft einen großen Stellenwert einnahm, gab es mehrere teilweise offene Werkstätten. Die Menschen arbeiteten etwa als Schmiede, Töpfer, Wagner, Weberinnen, Zimmermänner oder Korbmacher. Das Dorfoberhaupt residierte im sogenannten Langhaus, dem größten Gebäude der Siedlung. Die restlichen Wohnhäuser waren für das einfache Volk bestimmt. Koch geht davon aus, dass in einem Dorf dieser Größe einst etwa 20 bis 30 Menschen gewohnt haben.

Die Kelten im nördlichen Saarland gehörten zum Stamm der Treverer. Sie waren für ihre Pferdezucht berühmt und konnten bereits Eisen verarbeiten. „Dadurch sind sie reich geworden“, weiß der Archäologe. In der Nähe des Ringwalls hätten seine Kollegen Gräber mit sehr kostbaren Gegenständen aus Gold und Bronze gefunden. „Die keltische Gesellschaft war hierarchisch aufgebaut“, erklärt der Experte weiter. An der Spitze eines Stammes stand der Fürst oder die Fürstin. Sehr einflussreich waren auch die Druiden. Denn nur sie hatten eine Schulbildung und übernahmen daher Aufgaben als Priester, Richter, Lehrer und Ärzte. Die nächste Gesellschaftsschicht waren die Krieger, gefolgt von Handwerkern, Bauern und Sklaven.

Das Leben unserer keltischen Vorfahren sei gut getaktet gewesen. „Das ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass die Umstände hart waren. Kleine Schwankungen im Klima oder der sozialen Konstruktion hatten schon große Auswirkungen“, sagt Koch. Hochzeiten, Geburtstage und Zeremonien seien für die Gesellschaft daher enorm wichtig gewesen. An Feiertagen oder besonderen Versammlungen trafen sich die Adeligen am Ringwall von Otzenhausen. Dort opferten sie den Göttern. Doch die riesige Mauer bot auch Schutz vor Angreifern.

Noch heute sind die Reste des Walles, der im Volksmund auch Hunnenring genannt wird, zu sehen. Er zählt zu den größten vorgeschichtlichen Steinbauwerken in der Großregion und ist wegen seiner Dimensionen eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten aus der keltischen Epoche. Erbaut im ersten Jahrhundert vor Christus ragt die Mauer heute noch zehn Meter empor. Sie ist zweieinhalb Kilometer lang und die Innenfläche umfasst mehr als 18 Hektar. Wer sich den Ringwall in Ruhe ansehen möchte, sollte daher genügend Zeit einplanen. „Alleine der Fußmarsch vom Keltendorf zur Mauer nimmt etwa 20 Minuten in Anspruch“, sagt Koch.

Er rät allen, die tiefere Einblicke in die Zeit der Kelten erhalten möchten, sich einer Führung anzuschließen. Die längste und intensivste Tour dauert sechs Stunden und ist auch für Archäologen, Studenten und Fachleute geeignet. Darüber hinaus bietet das Team vom Keltenpark jede Menge Seminare und Workshops an, etwa zu den Themen Keltenküche, Textiles Arbeiten oder Eisenschmieden.

Die nächste große Veranstaltung steht am Samstag und Sonntag, 6. und 7. Juli, an. Dann werden die Römer von der Mosel die Hochwaldkelten besuchen. „Bei Hermeskeil haben Archäologen das älteste Legionslager Deutschlands entdeckt“, erzählt Koch dazu. Etwa 10 000 Soldaten hätten darin Platz gehabt. Im Jahr 52 vor Christus griffen sie im Auftrag Caesars die Bewohner des Hochwalds an und vertrieben sie aus ihren Siedlungen. „So kam es“, erläutert der Wissenschaftler, „dass es mit den Kelten hier zu Ende ging.“ Zumindest vorübergehend. Denn mittlerweile kehren die Hochwaldkelten ja wieder jeden ersten Samstag im Monat zurück und erwecken ihr Dorf zu neuem Leben.

Einmal pro Monat ziehen die Hochwaldkelten in das Dorf am Fuße des Ringwalles ein. Sie zeigen den Besuchern, wie die Menschen vor 2000 Jahren kochten, backten, töpferten, webten oder schmiedeten. Foto: Bonenberger & Klos/Bonenberger
Am Fuße des Ringwalles Otzenhausen steht dieses nachgebaute keltische Dorf. Es zeigt, wie es vor 2000 Jahren innerhalb der Festungsanlage auf dem Dollberg ausgesehen haben könnte. Foto: Sarah Konrad
Blick auf den keltischen Ringwall, der schon im Nationalpark Hunsrück-Hochwald liegt. Im Hintergrund ist der Nonnweiler Stausee zu sehen. Foto: Bonenberger & Klos/B&K
Michael Koch, Vorsitzender des Freundeskreises keltischer Ringwall. Foto: Koch

Alle Teile, die in der Serie „Museen im Saarland“ bisher erschienen sind, gibt es im Internet auf der Webseite:
www.saarbruecker-zeitung.de/
museen-im-saarland

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