Sehr feiner, lyrischer Sopran

St. Ingbert. Weltliches und "gefühliges" Volksliedgut der Romantik und evangelisches Kantoreiwesen, wie geht das sinnvoller Weise zusammen? Dies mochte sich mancher angesichts des ganz und gar weltlichen Programms beim Auftritt der Evangelischen Kantorei St. Ingbert in der überfüllten Christuskirche am vergangenen Sonntag gefragt haben

St. Ingbert. Weltliches und "gefühliges" Volksliedgut der Romantik und evangelisches Kantoreiwesen, wie geht das sinnvoller Weise zusammen? Dies mochte sich mancher angesichts des ganz und gar weltlichen Programms beim Auftritt der Evangelischen Kantorei St. Ingbert in der überfüllten Christuskirche am vergangenen Sonntag gefragt haben. Dabei hat Martin Luther als glühender Freund und Anwalt der Musik selbst niemals von "Kirchenmusik" geredet, sondern in einem umfassenden Sinn stets das Ganze der ungeteilten Musik im Blick gehabt, die er poesievoll als "Frau Musica" anredete. Und schließlich waren es die Wittenberger Reformatoren, die das allgemeine Singen und Musizieren in die Lehrpläne insbesondere auch der säkularen Schulen integrierten.Insofern passte das stimmungsvolle Motto "...und abends spät die Liebe weht" durchaus stimmig zum Auftritt der Kantorei unter der Leitung von Helmut Haag mit romantischer Chormusik sowie Klavier- und Volksliedern von Brahms, Schumann, Herzogenberg und Peter Cornelius. Zudem vereinte das Programm Elemente biedermeierlicher Innerlichkeit mit den kulturellen Anliegen der bürgerlichen Singbewegung, beides musikgeschichtliche Kennzeichen des vorvergangenen "romantischen" Jahrhunderts. Als einfühlsam gestaltender Solist in "Von fremden Ländern uns Menschen" aus in Schumanns "Kinderszenen" op. 15 und ebenso als versierter und bei aller gebotenen Virtuosität stets umsichtiger Begleiter am Flügel erwies sich den ganzen Abend hindurch Christian von Blohn.

Gemeinsam mit Sabine von Blohn, die einen sehr feinen, lyrischen Sopran gestaltete, interpretierte er die 1853 übrigens im saarländischen Wallerfangen entstandenen "Sechs Lieder" des romantischen "Dichterkomponisten" Peter Cornelius. In Johannes Brahms' "Lieber Gott, du weißt" aus den "Zigeunerliedern" op. 103 bestach die Solistin erneut mit ihrer jugendlich-agil und lupenrein geführten Stimme. Die Kantorei präsentierte sich gesanglich und klanglich an diesem Abend dagegen indifferent: neben strahlkräftigen Höhepunkten in den "Zigeunerliedern" ("Brauner Bursche..."), zum Teil auch alternierend mit Solosopran ("Röslein dreie..."), schlugen in Herzogenbergs "Sehnsucht" aus den "Sechs Mädchenliedern" für dreistimmigen Frauenchor und Klavier op. 98 Intonationsschwächen hörbar zu Buche. Die ausgedünnte, fast gläsern anmutende Dreistimmigkeit des Frauenstimmenregisters verlangt in gesteigertem Maße nach glockenklarer Intonation, was in der Nr. 1 ("Der Traum") der "Mädchenlieder" dann weitaus überzeugender gelang.

Angesichts uncharakteristisch-verhaucht vorgetragener Introduktion der Männerstimmen mangelte es dem ersten der Brahms'schen Zigeunerlieder "He, Zigeuner, greife in die Seiten ein" spürbar an Verve und nötigem sängerischem Temperament.

In guter romantischer Hausmusiktradition war schließlich das ganze Publikum dazu eingeladen, sich an mehreren Stellen des Programms aktiv am gemeinschaftlichen Volksliedgesang zu beteiligen ("Lustig ist das Zigeunerleben", "Am Brunnen vor dem Tore" etc.), nachdem die Kantorei jeweils die erste Strophe in vierstimmigen Originalsätzen intoniert hatte. Martin Luther, der die Musik zu Recht "eine mächtige Regiererin der menschlichen Gefühle" nannte, wusste sich in diesem Punkt fraglos mit der Romantik eins, die auch ihrerseits dem "Gefühl" in der Musik eine Vorrangstellung zugestand. Ein gutes Stück eben dieses "romantischen Gefühls" vermochte dieser nicht alltägliche Konzertabend den Anwesenden auf angenehm unterhaltsame und zugleich qualitätvolle Weise zu vermitteln.