Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt Radler sind Außenseiter in St. Ingbert

St. Ingbert · Planungsbüro stellt Konzepte zur Zukunftsmobilität und zum Radverkehr in der Mittelstadt vor.

 So wie hier in der Rickertstraße wurde kürzlich die Markierung der Radwege erneuert. Ob solche Maßnahmen alleine ausreichen, den Radverkehr attraktiver zu machen, ist fraglich.

So wie hier in der Rickertstraße wurde kürzlich die Markierung der Radwege erneuert. Ob solche Maßnahmen alleine ausreichen, den Radverkehr attraktiver zu machen, ist fraglich.

Foto: Manfred Schetting

Es ist mehrere Hundert Seiten stark und voll gepackt mit Informationen über das Verkehrsverhalten der St. Ingberter Bürgerinnen und Bürger. Und es umfasst zahlreiche kostengünstige Einzelmaßnahmen auf rund 100 Straßen im gesamten Stadtgebiet und Vorschläge, wie eine nachhaltige Zukunftsmobilität in der Stadt St. Ingbert aussehen kann. Die Rede ist vom Klimaschutzteilkonzept „Zukunftsmobilität in der Stadt St. Ingbert“ und einem Radverkehrskonzept.

2018 beauftragte die Stadtverwaltung das Verkehrsplanungsbüro planersocietät aus Karlsruhe mit der Erarbeitung des Mobilitätskonzepts, im November 2019 kam das Thema Radverkehr hinzu. Jetzt liegt Beides vor. In der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung stellten die Gutachter Philipp Hölderich und Johannes Lensch die wichtigsten Ergebnisse vor. Dabei wurde deutlich, dass es sich um sehr komplexe und ineinander greifende Themenbereiche handelt.

Vorangegangen war ein intensiver Beteiligungsprozess mit der Bevölkerung über Fragebögen und Online-Formate sowie Verkehrszählungen an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet. Daraus erstellte planersocietät eine umfangreiche Analyse der Rahmenbedingungen und eine detaillierte Bestandsaufnahme der örtlichen Verhältnisse im Verkehrsbereich. Das Fazit der Gutachter: „Die Einwohner in St. Ingbert legen ihre Wege zu knapp drei Vierteln mit dem Pkw zurück.“ Dieser Anteil sei im Verhältnis zu anderen Mobilitätsuntersuchungen hoch und spiegle die Autoaffinität wider.

Mit fünf Prozent sei hingegen der Radverkehrsanteil besonders niedrig. Der Fußverkehr sei mit 17 Prozent das dominante Verkehrsmittel im Bereich der aktiven und emissionsfreien Mobilität. Die Nutzung von Bus und Bahn befinde sich gesamtstädtisch auf einem ähnlich niedrigen Niveau. Eine kombinierte Verkehrsmittelnutzung innerhalb eines Weges (intermodal), wie beispielsweise Rad und Bahn, spiele nur eine sehr geringe Rolle.

Nach Angaben von Hölderich wurden in Absprache mit einem Beirat, bestehend aus Vertretern und Vertreterinnen des Stadtrats, der Stadtverwaltung sowie aus Vereinen und Verbänden fünf Oberziele definiert. Dabei geht es um die Stärkung der aktiven Mobilitätsformen, die Verbesserung der Information und Kommunikation dazu, die Minimierung der Umweltbelastungen und die stadtverträgliche Abwicklung des Kfz-Verkehrs, die Sicherung der gleichberechtigten Verkehrsteilhabe sowie die Förderung der Nahmobilität unter dem Motto „Stadt der kurzen Wege“.

Die Analyse des Radverkehrskonzeptes zeigt eine systematische Vernachlässigung des Verkehrsmittels Fahrrad im Stadtgebiet von St. Ingbert. So seien von den vorangegangenen Planungen des Radverkehrskonzeptes 2004 im Stadtgebiet zu wenige umgesetzt worden, so dass das Fahrrad als Verkehrsmittel weiterhin unwichtig sei. Aktuell gebe es in St. Ingbert kein zusammenhängendes ausgebautes Netz aus einer guten Fahrradwege-Infrastruktur, keine systematische, flächendeckende Ausrüstung mit Parkmöglichkeiten für das Fahrrad und nur wenige Serviceleistungen, wie beispielsweise Fahrradkarten. Aktuelle Entwicklungen, wie das Aufkommen von Lastenfahrrädern und weitere Formen der Mikromobilität, wie Leih-Roller oder Leih-Scooter, träfen die Stadt unvorbereitet.

Allerdings gab es auch einige positive Dinge. Gutachter Thomas Lensch sprach von guten Ansätzen im Alltags-Radwegenetz, beispielsweise in der Gustav-Clauss-Anlage sowie nach Rentrisch und Rohrbach. Zudem gebe es viele Tempo-30-Zonen und geöffnete Einbahnstraßen sowie gute Mountainbike-Strecken.

Oberbürgermeister Uli Meyer wertete die Gutachten als gute Grundlage für die Weiterentwicklung des Fahrradverkehrs. St. Ingbert müsse endlich eine fahrradfreundliche Stadt werden. Als ersten Schwerpunkt nannte der Oberbürgermeister die Verbesserung der Radstrecke „Homburg-St. Ingbert-Saarbrücken/Uni“. Daher sollen beispielsweise auf der Poststraße künftig Fahrradfahrer „grünes Licht“ durch eine eigene Fahrspur bekommen. Parallel dazu werde die Kohlenstraße gegenläufig befahrbar gemacht.

Bis St. Ingbert eine Fahrradstadt wird, bleibt noch viel zu tun.