Pflege mit Wohlfühl-Faktor

St. Ingbert. Der Prozess begann schleichend. "Lange Zeit haben wir gar nicht gemerkt, dass etwas nicht stimmt", erinnert sich Karin Stalter. Seit etwa einem Jahr hat die 52-Jährige nun Gewissheit: Ihr Vater ist an Demenz erkrankt

St. Ingbert. Der Prozess begann schleichend. "Lange Zeit haben wir gar nicht gemerkt, dass etwas nicht stimmt", erinnert sich Karin Stalter. Seit etwa einem Jahr hat die 52-Jährige nun Gewissheit: Ihr Vater ist an Demenz erkrankt. Täglich verbringt die dreifache Mutter seitdem bis zu zehn Stunden im Haus ihrer Eltern und unterstützt ihre Mutter bei der gemeinsamen Pflege ihres Vaters, den sie jetzt noch einmal ganz neu kennenlernt. "Er hat immer einen starken Sinn für Gerechtigkeit gehabt, war bei allen Aufgaben stets engagiert. Jetzt ist er sehr ruhig und in sich gekehrt."Mutter und Tochter geraten zwar oft an die Grenzen der psychischen und physischen Belastbarkeit, doch wenn es ganz eng wird, kann sich Karin Stalter auf ihren Bruder verlassen. Auch er hat eine eigene Familie - mit fünf Kindern. "Trotzdem ist er für spontane Einsätze immer bereit", lobt sie. Das gilt auch für ihre Kinder, die zwar auswärts studieren, aber trotzdem zur Verfügung stehen, wenn es daheim einmal eng wird.

Trotz der immensen familiären Unterstützung ist es um Karin Stalter einsam geworden, die Kontakte zu einem Teil des Freundeskreises sind rar. Umso mehr genießt sie es, wenn das Zeitfenster mal ein Treffen mit der besten Freundin zulässt. "Es ist sehr wichtig, auch mal über andere Dinge zu sprechen." Doch das stellt sie freiwillig hinten an. "Es ist mir vollkommen klar, dass es nicht selbstverständlich ist, die Eltern in ihrer häuslichen Umgebung zu pflegen. Aber ich bin sehr dankbar dafür, dass ich das für meinen Vater tun kann." Das beruht auf Gegenseitigkeit. Kommt sie am nächsten Morgen wieder zu ihrem Vater, sieht er sie mit seinen alten aber glücklichen Augen an und sagt: "Schön, dass Du mich wieder besuchst." Das hinterlässt bleibende Eindrücke. "Ich werde Zeit meines Lebens die Augen nicht vergessen und solange ich es kann meine Aufgabe wahrnehmen."

Damit beginnt der Tag. Seinen Ablauf zu beschreiben, fällt Karin Stalter aber schwer. "Kein Tag ist wie der andere", sagt sie während des Gesprächs immer wieder. Trotzdem gibt es gewisse Routinen - nämlich jenen Dingen nachzugehen, die ihr Vater schon immer gerne getan hat. Dazu zählen tägliche Spaziergänge, Ausflüge, Besuche im Konzert oder im Theater. Ganz wichtig sind Kirchenbesuche. "Die sind für meine Eltern praktisch das Lebenselixier." Den Heiligen Rock haben sie sich kürzlich auch aus nächster Nähe angeschaut. "Er bekommt alles mit, auch wenn er es später wieder vergessen hat", sagt sie. Alles andere wäre aus ihrer Sicht der falsche Weg. "Man darf nie etwas ausfallen lassen, weil man denkt, dass es am nächsten Tag wieder vergessen ist." Auch gemeinsames Singen gehört dazu. Als Karin Stalter das Lied "Uns geht's gut, wir haben keine Sorgen" anstimmt, setzt ihr 81-jähriger Vater ungefragt den Text fort: "Uns geht's gut, wir denken nicht an morgen."

Regelmäßig besucht der ehemalige Leiter einer Sulzbacher Firma das Malteser-Café Malta im Altenheim St. Barbara. "Dort wird er von Sabine Kayser und ihrem Team wunderbar umsorgt. Auch für mich und meine Fragen haben die Betreuer immer ein offenes Ohr."

Karin Stalters Mutter hat einen Tag in der Woche, an dem sie mal durchatmen kann. Sie traf die Pflegebedürftigkeit ihres Mannes besonders hart. Denn nun muss sie sich nicht nur rund um die Uhr um ihn kümmern, sondern auch um die Dinge, die er zuvor erledigt hat - Arbeit im Garten oder das Haushaltsbüro führen.

Trotzdem: Eine Alternative zur häuslichen Pflege sieht sie nicht, eine Heimeinweisung ist kein Thema. "Ich weiß, dass es auch ganz tolle gibt", sagt Karin Stalter. "Aber bevor ich zusammenbreche, kommt erst ein einmal die Tagespflege." Die Augen ihres Vaters würde sie dann nicht mehr jeden Morgen sehen - und das ist schließlich unbezahlbar. "Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich das für meinen Vater tun kann."

Karin Stalter

Hintergrund

Ohne die Hilfe Erfahrener geht es nicht. Das hat Karin Stalter früh festgestellt. "Man hat ja auch gar keine Zeit um sich zu erkundigen." Inzwischen weiß sie aber ganz genau, wo vor allem dem System der Schuh drückt. "Die Pflegegelderhöhung muss kommen", fordert sie und nennt ein Beispiel: "Ich wohne 15 Kilometer von meinen Eltern entfernt, oft fahre ich diese Strecke mehrmals täglich, aber erstattet werden mir die entstehenden Kosten nicht." Kritisch verfolgt sie die Diskussion um die Pflegezeiten. "Menschen mit der Diagnose Demenz brauchen nicht irgendwelche Zeiten, sondern 24 Stunden." Hier fordert Sie die Gesellschaft zum Umdenken auf. "Die Demenzkrankheit sollte nicht tabuisiert werden. Sie ist nicht ansteckend." Im Gegenteil: Jedes noch so kleine Gespräch mit Nachbarn oder alten Freunden tut gut - nicht nur den Betroffenen. obe