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Querungshilfen für Blinde: Orientierungshilfen, die so keine sind

Querungshilfen für Blinde : Orientierungshilfen, die so keine sind

Blinde und Sehbehinderte kritisieren die neuen Querungshilfen. Eine Ampel und ein Kanaldeckel sind im Weg.

Der Landesbetrieb für Straßenbau (LfS) wollte im Rahmen der Abstufung der Bundesstraße 40 zu einer Landstraße, die mit einer Errichtung neuer Lichtsignalanlagen, abgesenkter Gehwege für Behinderte und Querungshilfen für Blinde und Sehbehinderte einherging, alles richtig machen. Und doch hagelte es jetzt Kritik von Betroffenen und dem Blinden- und Sehbehindertenverein Saar.

Es wurde wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass hier etwas für gehandicapte Menschen geschah, doch an der Ausführung haperte es. Woran stören sich der Sehbehindertenverein und Betroffene? Es gibt Querungshilfen mit sogenannten Achtung-Feldern und Auffindestreifen auf dem Bürgersteig, die den Hilfebedürftigen signalisieren, dass sie gleich an den Fahrbahnrand kommen. Diese fühl- und sichtbaren Elemente sind mit Noppen gekennzeichnet. Dann gibt es Gehen-Felder, ebenfalls helle Elemente mit Längsstreifen, die Richtung Fahrbahn führen. Sind diese als „Nullabsenkung“ gestaltet, also auf gleichem Niveau wie die Straße, ist das für Blinde das Zeichen, dass sie ohne Gefahr weitergehen können. Es ist also, als würde sich ein Sehender trotz Verkehrs und roter Ampel auf die Straße stürzen.

Deshalb muss an solch ein Richtungsfeld ein Bord in Höhe von empfohlenen sechs Zentimetern, als Achtungssignal, dass es gleich auf die Straße geht. Für Rollstuhlfahrer ist solch ein Bord aber unüberwindbar, weshalb empfohlen wird, ein separat angelegtes Halt- oder Sperrfeld mit einer Nullabsenkung zu errichten. Damit nicht aus Versehen ein Blinder das barrierefreie Feld für die Rolli-Fahrer betritt, weisen ihn Querrillen auf die Situation hin.

In St. Ingbert sei kein Platz für getrennte Felder gewesen, teilten Mitarbeiter des LfS jetzt in der Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung mit. Trotzdem mussten sie sich die Frage gefallen lassen, warum man mitten auf die so wichtigen Richtungsfelder, auf denen sich blinde Menschen bewegen und an denen sie sich orientieren sollen, die Ampelanlagen gesetzt hat. Antwort wollten sowohl der Blinden- und Sehbehindertenverein Saar als auch Jürgen Berthold von Bündnis 90/ Die Grünen.

„Grundsätzlich vorweg: Was hier passiert ist, ist in Abstimmung mit der Stadt passiert“, sagte LfS-Direktor Michael Hoppstädter. Oberbürgermeister Hans Wagner wollte sich den Schwarzen Peter nicht zuschieben lassen und sagte, dass er bei einer Auftragsvergabe darauf vertraue, dass man sich an die Normen halte. „Wir haben uns auf die Herstellervorgaben der Firma Easycross verlassen, die das System vertreibt“, so die beim LfS für Verkehrsplanung Verantwortliche, Kathrin Klingler, „wir waren damals der Meinung, dass es DIN-konform ist.“ Auch in der letzten Fassung der Einbauempfehlung von Ende 2016 sei es noch so angegeben. Das solle keine Entschuldigung, lediglich eine Erklärung sein, so Hoppstädter. „Wir sind uns alle bewusst, dass es dem widerspricht, was man machen sollte und dass man darüber nachdenkt, ob man da nachbessert.“

Viele der Ausschussmitglieder äußerten ihr Unverständnis darüber, dass man auf die Aussagen einer Firma vertraue, sich aber nicht über die geltenden rechtlichen Vorgaben informiert habe. Klaus Güttes (SPD) stellte die Frage nach der Haftung, falls durch die nicht ordnungsgemäße Ausführung etwas passiere. „Die liegt bei dem, der die Straßenlast hat. Das sind dann wohl wir“, antwortete der LfS-Chef, „das ist ein ernstes Thema für uns. Das System gibt es ja nicht erst seit gestern und wird bundesweit verbaut. Wir werden uns die betroffenen Punkte angucken und entsprechend umbauen.“ Er fügte noch hinzu, dass der LfS solche Maßnahmen in dieser Form nicht mehr machen werde.