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Ohne Corona-Beschränkungen: Freude bei Läden in St. Ingbert und Blieskastel

SZ-Umfrage in St. Ingbert und Blieskastel : Ladenbesitzer zeigen verhaltenen Optimismus

Dass sie nach dem OVG-Urteil ihre Geschäfte wieder öffnen durften, freut viele Händler in St. Ingbert und Blieskastel. Die Kunden suchen aber noch ihren Umgang mit dem Wegfall einiger Corona-Beschränkungen.

Der große Ansturm blieb aus. Auch nachdem die Geschäfte im Saarland wieder ohne Terminvergabe öffnen durften, war das Kundenaufkommen eher verhalten. Viele Menschen trauen der neugewonnen Freiheit noch nicht, andere fürchten die dritte Infektionswelle. Trotzdem, Einzelhändler freuen sich durch die Bank, dass sie wieder Kunden ohne umständliche Terminvergabe in ihren Räumen empfangen dürfen.

Allerdings räumt Dieter Gerling, Inhaber eines Schuhgeschäftes in der St. Ingberter Innenstadt, ein, dass das Geschäft während der Zeit mit festen Terminen besser ging. „Die Kunden hatten Zeit, keiner hat in der Tür gestanden und gewartet, das Personal war ganz für den Kunden da.“ Trotzdem kann er auch dem Ende der strengen Restriktionen einiges abgewinnen. „Insbesondere für Kinder ist es höchste Zeit, neue Schuhe zu kaufen, wenn sie aus den alten rausgewachsen sind. Da gibt es schon Eltern, die heilfroh sind, dass sie wieder zu uns kommen können.“ Wobei die Lieferanten jetzt im Hintertreffen sind – Gerling wartet auf neue Ware. Dennoch: „Kein Kind muss barfuß laufen.“

Asli Goldschmidt betreibt ein paar Meter weiter ein Schmuck- und Uhrengeschäft. „Was soll bei uns los sein – schauen Sie auf die Straße, da ist fast niemand“, klagt die Inhaberin. Die Menschen haben nach ihrer Meinung noch nicht realisiert, dass die Geschäfte wieder offen sind. „Aber ich finde es toll, dass wir wieder öffnen dürfen. Es war allerhöchste Zeit.“ Sie ärgert sich über die Ungleichbehandlung der Geschäfte: „Was macht mein Geschäft in Corona-Zeiten problematischer als eine Buchhandlung oder ein Friseurgeschäft?“

Auch bei Sport Rech ist man glücklich mit den neuen Corona-Regeln. „Wenn wir auch mit Terminvergabe ganz viele zufriedene Kunden hatten“, sagt Christina Dörr. Termine wurden flexibel per Telefon oder auch an der Eingangstür vergeben. Jetzt kommen wieder viele Kunden, die sich mit viel Zeit beraten lassen wollen. „Laufen und Wandern sind gerade total angesagt“, berichtet Christina Dörr. Wenn auch der Internet-Handel gerade in Corona-Zeiten immer ein Thema ist, so genießen es die Kunden, die Ware anprobieren oder sie auch nur in die Hand nehmen zu können, bevor sie kaufen.

Gabi Klein vom Modegeschäft Gavonne erzählt, dass sie sofort gemerkt hat, dass das OVG-Urteil da war. „Wir hatten spontan Betrieb. Wir haben sofort geöffnet, und unsere Kunden waren richtig glücklich. Man hat den Eindruck, die Menschen sind regelrecht ausgehungert, wieder gemütlich zu shoppen. Was fehlt, ist, dass man dazwischen auch mal in Ruhe eine Tasse Kaffee trinken kann.“ Sehr positiv sei durchweg die Resonanz bei ihrer Kundschaft. Gemeinsam mit Yvonne Heil betreibt Gabi Klein die Boutique. „Wir haben 80 Prozent Stammkundschaft. Die haben wir auch vor der aktuellen Freigabe gut versorgt, zumal wir sehr gewissenhaft unsere Termine vergeben haben und die Kunden sich daran gehalten haben. Es ist nur schade, dass ein Gerichtsurteil nötig war, um zu diesem Zustand zu kommen.“

Von richtiger Kauflust spricht Marliese Schmadel bei Möbel Herzer. „Viele Menschen scheuen sich vor Terminvereinbarungen, weil sie nicht wissen, ob sie in der vorgegebenen Zeit etwas finden, was ihnen gefällt. Und dann wieder zu gehen, ohne etwas gekauft zu haben, davor scheuen viele zurück.“ Sehr zufrieden ist sie, weil sie glaubt, dass viele Kunden Kaufentscheidungen zurückgestellt haben, bis wieder ein normaler Einkauf möglich ist. Wenige seien nach ihrer Einschätzung zu online-Käufen gewechselt. Sie ärgert sich über „die praxisferne Behandlung“ von Geschäften ihrer Größe. „Wir haben 1400 Quadratmeter. Außerdem ein hervorragendes Hygienekonzept. Da wäre es überhaupt kein Problem gewesen, eine gewisse Zahl von Kunden auch in der strengen Corona-Zeit ins Geschäft zu lassen.“

Wie in St. Ingbert sind auch in Blieskastel die Straßen eher leer. Kauflust sieht anders aus. „Die Menschen sind immer noch in Angst und Schrecken“, sagt Ulla Delle, Inhaberin der Boutique Klamotte. Sie hat in den vergangenen Wochen ihre Ware in Mailings und in Facebook offensiv präsentiert. Dazu hat sie ihren Kundinnen bestellte Kleidung an die Haustür geliefert. Das hat gut funktioniert, ihre Stammkundinnen sind ihr treu geblieben. Trotzdem, „Shoppen ist Kultur, die die Menschen brauchen“, sagt sie uns. Was ihr fehlt: „Die Leute müssen auch geöffnete Gastronomie vorfinden, damit es Spaß macht, in die Stadt zu gehen!“

„Wir verkaufen Luxus, und viele Menschen sind in Kurzarbeit“ – Christiane Müller, die in der Parfümerie Charlotte beschäftigt ist, sieht die derzeitige Situation sehr differenziert. Es sei klar, dass der riesige Ansturm noch nicht stattfinde, dazu seien die Menschen noch zu verunsichert. Trotzdem seien es schon eine Menge Kundinnen, die die neue Einkaufsfreiheit genossen hätten. „Man braucht es einfach, sich mal wieder etwas Gutes zu tun.“

 Gabi Klein in der Boutique Gavonne in St. Ingbert.
Gabi Klein in der Boutique Gavonne in St. Ingbert. Foto: Peter Gaschott
 Alexander Stopp vor seinem Fahrradladen „Puls-Sport“ in Blieskastel.
Alexander Stopp vor seinem Fahrradladen „Puls-Sport“ in Blieskastel. Foto: Peter Gaschott
 Marliese Schmadel bei Möbel Herzer in St. Ingbert.
Marliese Schmadel bei Möbel Herzer in St. Ingbert. Foto: Peter Gaschott

„Wir gehören zu denen, die von Corona profitiert haben“, erzählt Alexander Stopp. Der Fahrradladen „Puls Sport“ sei angesagt wie nie. „Die Leute haben Zeit. Können trotzdem nicht in Urlaub. Da kaufen sich halt viele ein E-Bike statt der Urlaubsreise.“ Dicht an dicht stehen im Geschäft Pakete. „Einfacher Grund: manche Ersatzteile für Fahrräder sind praktisch nicht mehr erhältlich. Liefertermin im Dezember. Da habe ich ziemlich frühzeitig vorgesorgt, um meine Kunden versorgen zu können.“ Alexander Stopp ist Fan der Terminvergabe. „Ein Fahrrad zu kaufen, dazu braucht man Zeit.“ Deshalb rufen seine Kunden das ganze Jahr über normalerweise vorher an, wenn sie beratungsintensive Projekte verfolgen. „Ganz geschlossen hatten wir ohnehin nicht, denn die Werkstatt ist immer geöffnet gewesen“, erzählt er uns. Während vor der Tür schon wieder drei Kunden warten. Fahrräder sind halt im Trend.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Neue Freiheit: Ladenbesitzer in St. Ingbert und Blieskastel atmen auf