1. Saarland
  2. Saarpfalz-Kreis
  3. St. Ingbert

Neubaugebiet St. Ingbert: Bürgerinitiative kämpft um 10 Hektar Land

Neue Bürgerinitiatitive gründet sich : Warum Bürger in St. Ingbert um zehn Hektar Land kämpfen

Grün- und Waldflächen an „Oberer Rischbachstraße“ und „Nassauer Graben“ sind als potentielles Wohngebiet ausgewiesen. Anwohner wollen nicht, dass diese Grüne Lunge verschwindet und werden aktiv. Nach der Bürgerversammlung am Samstag soll nun eine Bürgerinitiative gegründet werden.

Es war ein Zufallsfund im Internet, der die Anwohner der Gehnbach auf den Plan rief und nun in die Gründung einer Bürgerinitiative (BI) mündet. Was war passiert? Ein St.Ingberter las Veröffentlichungen der Stadt, die ihn hellhörig machten. Unter dem Motto „Lebendiges und grünes St. Ingbert“ wurden die Wohnbauentwicklungsflächen „Obere Rischbachstraße“ und „Nördlich Zum Nassauer Graben“ ausgewiesen. Es betrifft Grün- und Waldflächen von rund 110 000 Quadratmetern und unter anderem das Areal, auf dem Schafe weiden und Bienenvölker stehen. Dort also, wo Kita- und Schulkinder erste Erfahrungen mit Nutztieren machen. Um dieses Gebiet, das für rund 180 Wohneinheiten geeignet scheint, bewohnbar zu machen, müsste Wald gerodet werden. Ein Umstand, den die St. Ingberter, die in diesem Viertel leben, nicht einfach so hinnehmen wollen. Der dortige Wald braucht nach Meinung der Initiatoren der BI Fürsprecher, nicht nur im Nordwesten der Stadt. Anfang November ging eine eigene Internetseite an den Start, und ein Flyer mit den Fakten und einem Lageplan wurden gedruckt, um zu einer Bürgerversammlung einzuladen, die am vergangenen Samstagmorgen unter widrigen Umständen stattfand. Trotz Dauerregen und Überprüfung von 2G kamen rund 100 Interessierte, denen diese Grüne Lunge am Herzen liegt. Pierre Zimmermann, Anwohner und Kopf der zu gründenden BI, moderierte die in aller Sachlichkeit abgehaltene Zusammenkunft. Argumente gegen ein Neubaugebiet gab es viele. Es sei ein Naherholungsgebiet für Spiel, Sport, Spaziergänge und Lebensraum für Bäume, die im Sommer für Kühlung sorgen, und natürlich Tiere. Wohnbebauung an dieser Stelle bedeute den Verlust an Sickerflächen, mehr Verkehrsaufkommen sowie weitere Abwertung von stadtnahem Wohnraum. „Dass die Stadt das zubetonieren will, können wir nicht verstehen“, so eine Anwohnerin.

Zimmermann verwies auf die Internetseite der BI und warb dafür, sich dort als Unterstützer zu registrieren und Kommentare zu hinterlassen. „Das können auch Leute aus der ganzen Welt sein“, so sein Wunsch, eine Bebauung mit vielen Mitstreitern verhindern zu können. Noch sei die Initiative in der Gründungsphase und dabei, sich Struktur zu geben. Gegenwärtig werden noch Argumente pro Naturraum gesammelt, ebenso fotografische Beweise der Vielfalt von Fauna und Flora. „Im letzten Jahr hat sich sogar ein Feuersalamander hierher verirrt“, sagte Zimmermann. Auf jeden Fall wolle man lautstark auf die Interessen an diesem grünen Stück Land in der Biosphäre aufmerksam machen, wenn schon die Stadt diesen Bereich St. Ingberts eher „unauffällig“ als Neubaugebiet bewarb.

 Schafe gehören zum Naturraum an der Gehnbach und werden im Rahmen vom „grünen Klassenzimmer“ immer wieder von Kitas und Schulen besucht. Auch sie sind ein Argument dafür, die grüne Lunge zu erhalten.
Schafe gehören zum Naturraum an der Gehnbach und werden im Rahmen vom „grünen Klassenzimmer“ immer wieder von Kitas und Schulen besucht. Auch sie sind ein Argument dafür, die grüne Lunge zu erhalten. Foto: Cornelia Jung

Wahrscheinlich haben sich die Anwohner noch nie so intensiv mit ihrer näheren Umgebung auseinandergesetzt wie in den letzten Wochen. Und die Beschäftigung mit drei aktuellen Gutachten mache zuversichtlich, dass es nicht zur Bebauung kommen wird. Lieferten die Niederschriften laut Zimmermann doch die Gegen-Argumente und seien „auf unserer Seite“. Der Flächennutzungsplan von Anfang der 1970er Jahre, der das Gebiet zur potentiellen Bebauung ausweise, sei unter heutigen klimaneutralen Gesichtspunkten nicht mehr up to date. Man habe einfach anders gedacht. Dahingegen basierten Stadtentwicklungs-, Klimaanpassungskonzept und Landschaftsplan, alle veröffentlicht in den letzten zwei Jahren, auf wissenschaftlichen Überprüfungen. Aus ihnen gehe hervor, dass erschlossene Flächen Vorrang bei der Bebauung gegenüber jenen im städtischen Randbereich haben sollen. Außerdem seien diese Flächen in der Gehnbach im Sinne des Naturschutzes ausdrücklich aus der Bebauung herausgenommen worden. Eine Ausweisung als Baugebiet widerspreche also nicht nur dem von der Stadt ausgerufenen Slogan „Grünes St. Ingbert“ sondern auch den Empfehlungen der Gutachter. Angst mache, dass OB Ulli Meyer den Fokus zu sehr auf einen Wirtschaftsstandort lege, und dass man nicht gehört werde, weil andere Initiativen wie im Schmelzerwald bisher offensiver gewesen seien. Mut machen Beispiele wie Fidelis- und Pfuhlwiese, deren Status als Erholungsfläche wohl nicht mehr angezweifelt werde. „Da wohnt ja der OB auch“, warf eine Besucherin der Veranstaltung ein. Es wird also in naher Zukunft die Aufgabe der BI sein, mit Aktionen auf sich und diese 11 Hektar Land aufmerksam zu machen, die, genau wie andere städtische Grünflächen, eine Daseinsberechtigung in der Biosphären-Hauptstadt haben. Jetzt schon können sich die Parteien im Stadtrat vorbereiten, darauf angesprochen zu werden, „damit die persönlich Stellung beziehen müssen“.