Mit Goethe Deutsch lernen

Erbach. Schochsanam Kurbanowa breitet entschlossen die Arme aus. "Stopp" schreit sie. Alle anderen Jugendlichen im Raum hinter ihr bleiben stehen. "Woher sind wir geboren?", fragt sie in Richtung eines imaginären Publikums. Hinter ihr entsteht ein unüberhörbares Stimmengewirr auf der Suche nach Antwort. Und wieder wird Schochsanam laut

Erbach. Schochsanam Kurbanowa breitet entschlossen die Arme aus. "Stopp" schreit sie. Alle anderen Jugendlichen im Raum hinter ihr bleiben stehen. "Woher sind wir geboren?", fragt sie in Richtung eines imaginären Publikums. Hinter ihr entsteht ein unüberhörbares Stimmengewirr auf der Suche nach Antwort. Und wieder wird Schochsanam laut. "Stopp!", schreit sie ein zweites Mal. Und sie beantwortet ihre Frage selbst: "Aus Liebe!"Tatsächlich, es sind Goethes Verse, die an diesem Montagnachmittag durch einen leergeräumten Saal der Erweiterten Realschule Homburg II in Erbach schallen. Der Raum: eine Bühne. Die Schauspieler: Schüler der sogenannten Sommerschule, eines landesweiten Programms des saarländischen Ministeriums für Bildung und Kultur. Und mitten drin: der in Saarbrücken geborene Profischauspieler Jaschar Sarabtchian. Mit ihm zusammen studieren Schochsanam Kurbanowa und ihre 13 Mitschülerinnen und Mitschüler seit dem 25. Juni ein kleines Theaterstück ein - als Teil eines besonderen Förderprogramms für Kinder mit Migrationshintergrund, aber auch für deutsche Muttersprachler. Und wenn nicht Theaterspielen auf dem "Stundenplan", dann gibt es gezielten Förderunterricht in Deutsch. Ergänzt wird der freiwillige Schulalltag mit einem Freizeitprogramm.

Seit dem Jahr 2007 gibt es dieses Förder-Programm. "Damals haben wir uns gesagt, dass es ganz wichtig ist, dass Kinder mit Migrationshintergrund bessere Chancen bekommen", erinnert sich Birgit Spengler, Projektleiterin der Sommerschule vom Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM), an die Anfänge der Sommerschule. "Und das nicht nur im Umgang mit der deutschen Sprache, sondern auch, um sich hier besser zu Hause zu fühlen." Zu Beginn gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung, nun mit 60 000 Euro pro Jahr fester Bestandteil des Landeshaushaltes, haben seit 2007 rund 600 Kinder die Sommerschule absolviert. Das Programm ist mit den Jahren zu einer echten Marke geworden.

Das Ziel: Kindern mehr Lernfreude, mehr Motivation zu geben und kontinuierliches Lernen mit Spaß zu verbinden. So kam der Entschluss, Deutsch als Förderunterricht und das Theaterspielen als lebendige Form der Sprache eng zu verzahnen.

An fünf Standorten und unter Beteiligung von elf Schulen läuft die Sommerschule, über das Ganze Saarland verteilt. An der ERS II ist es neben Schauspiel-Lehrer Jaschar Sarabtchian und den Betreuerinnen Anna Traub und Sabine Grunnert, auch Marina Traub, Förderschullehrerin an der ERS I, die den Tagesablauf der Schüler prägt. Die gebürtige Georgierin meistert die Herausforderung, ihren Schülern mit verschiedenen Vorausssetzungen vor allem Grammatik und Kommunikation mittels jugendgerechter Themen zu vermitteln.

Und Jaschar Sarabtchian? Er gibt der Sprache mit Theater Leben. "Mir geht es darum, dass die Jugendlichen verstehen, dass Theater, wie vieles andere auch, ein ,Mannschaftssport' ist. Und die Kinder sollen sich einfach mal trauen, sich auf die Bühne stellen und auch einen Fehler in der Sprache riskieren. Denn je schneller sie Hemmungen abbauen, umso schneller können sie auch lernen." thw