So macht man den Kleinen die Schule madig : Der Ernst des Lebens

Zu beneiden sind einige Abc-Schützen nicht. Das fängt mit der Schultüte an. Früher haben Tante Cillie und Oma Hedwig besagte Tüte mit Süßigkeiten vollgestopft. Bis oben hin. Nicht mal ein winziges Schokoriegelchen konnte zwischen all den anderen guten Gaben mehr Platz nehmen, ohne zerquetscht zu werden.

Wegen Überfüllung geschlossen, das war normal. Hat auch einige Jahrzehnte niemanden aufgeregt. Bis dann, weil die Kleinen immer fülliger und unbeweglicher wurden, eine gesündere Ernährung in den Mittelpunkt rückte. In manchen Familien jedenfalls. Und so hört man landauf bis landab in den Geschäften unserer Region den Disput zwischen Eltern und Nachwuchs. Vor den Regalen, deren süße Ware zu rufen scheint: „Verzehr‘ mich, ich zergehe ungemein schmelzend auf der Zunge.“ Jungen und Mädchen gieren nach wie vor nach dem ungesunden Zeug, doch Mutti sagt: „Iiiiih, Lara-Marie, da ist ja INDUSTRIEZUCKER drin. Und so viel FETT!!!!“ So also kommt mittlerweile viel Supergesundes mit nach Hause. Obst, Gemüse, so etwas eben. Nun ja, die mit Süßigkeiten vollgestopfte Schultüte kann nicht schuld sein, wenn die lieben Kleinen aussehen wie Presswürste. Da muss schon länger daraufhin gearbeitet worden sein.

Zu beneiden sind einige Abc-Schützen auch nicht, weil man sie mit einem unsterblichen Gruselmonster konfrontiert: dem „Ernst des Lebens“. Den hat man noch in jeder Generation um die Ohren gehauen und sie damit unterschwellig bedroht. Sehr schade, dass Erwachsene in die Klamottenkiste des Grauens greifen müssen, um ihren lieben Kleinen eine in aller Regel wunderbare Zeit zu vergällen. Der wahre Ernst des Lebens, der stellt sich erst viel später ein. Wenn denn überhaupt.

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