Kolumne Frage von Korb oder Dach

Wie Menschen, so haben auch Tiere ihre Vorlieben. Meine Kätzin liebt Dächer. Da ist ihr nichts zu hoch, nichts zu steil. Morgens lässt sie sich gerne in der Regenrinne des Scheunendaches im heimischen Wolfersheim von der Sonne bescheinen.

 Ruth Rousselange

Ruth Rousselange

Foto: SZ/Robby Lorenz

Flotten Schritts stolziert sie drauf über die Ziegel bis hin zum First und zu dessen äußerstem Ende, um in Kontemplation versunken ins Land zu schauen. Wir brauchen keinen Wetterhahn, wir haben eine Wetterkatze. Besorgten Nachbarn mussten wir bescheinigen, sie sei keine Suizidgefährdete, bloß eine Höhenlufteuphorikerin. Ihre Brüder sind erdverbundener. Der Schwarze hat sich das allerkleinste Katzenkörbchen, in das er als Winzling gut hineinpasste, zum ständigen Lieblingsort erkoren. Auch wenn sich das Weidengeflecht langsam auflöst und er sich ordentlich zusammenknäulen muss, so dass er aussieht wie ein Haarball mit Ohren. Der Schwarzweiße liegt am liebsten in seiner Kuhle unterm Rosenbusch, die Woche für Woche ein paar Zentimeter tiefer zu werden scheint. Die Uhrzeit können die Katzen auch. Serviere ich Frühstück und Abendessen nicht auf die Minute pünktlich, werden sie sehr ungehalten. Es braucht gar kein Miauen, schon ihr düsterer Klageblick lässt mich erbeben. Und wenn sich jemand mit Lebens- beziehungsweise Futtermittel auskennt, dann sie. Auf die teuren Katzenkörnchen stürzen sie sich so ungestüm als gäbe es kein Morgen. Das ist nicht einfach eine Vorliebe, das ist dezidiert guter Katzengeschmack, ich vertraue da ihrem gourmetgleichen Feingefühl, auch wenn ich die Körnchen nie selbst gekostet habe. Die teure Sorte riecht tatsächlich sogar besser als die preisgünstigere. Die fressen sie zwar auch, aber betont langsam und nur um ihr Mitleid mit mir und meiner Wahl zu demonstrierten. Meine Katzen sind vorurteilsfreie Optimisten: Sie halten mich für lernfähig…

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