Offener Brief an Stadtverwaltung Streit um Ausbau der St. Ingberter Kohlenstraße geht weiter – Mobilitätsforum fordert Tempo 30

St. Ingbert · In der Diskussion um den Ausbau der Kohlenstraße wendet sich das St. Ingberter Mobilitätsforum an Verantwortliche im Rathaus: „Sie können die Kurve in Richtung Verkehrswende noch kriegen“, heißt es. Die Forderung: Tempo 30 in der Kohlenstraße.

Das ehemalige Gasthaus Edelweiß in der Kohlenstraße in St. Ingbert (Bildmitte) wird abgerissen. Die Kohlenstraße soll dort breiter werden.

Das ehemalige Gasthaus Edelweiß in der Kohlenstraße in St. Ingbert (Bildmitte) wird abgerissen. Die Kohlenstraße soll dort breiter werden.

Foto: Michael Beer

Diese Ausschusssitzung des Stadtrates von St. Ingbert dürfte manche Bürgerin und manchen Bürgern aufhorchen lassen: Wenn das Gremium für Stadtentwicklung, Biosphäre, Umwelt- und Demografie an diesem Donnerstagabend um 18 Uhr im großen Sitzungssaal des Rathauses zusammenkommt, steht auf der Tagesordnung der Punkt „Umfeld Kohlenstraße – Sachstand und weitere Vorgehensweise“.

In der Innenstadt stehen im kommenden Jahr mit der Verkehrsänderung in Post- und Kohlenstraße wichtige Veränderungen an. Die Poststraße wird in Bezug auf den motorisierten Verkehr entlastet. Anstelle von heute zwei Spuren in Richtung Gustav-Clauss-Anlage wird es nur noch eine Autospur geben. Radfahrer bekommen dafür einen Streifen in Richtung Rathaus. Autos und Lkw sollen dafür in der Kohlenstraße künftig durchgängig in beide Richtungen fahren. Um dafür Platz zu schaffen, möchte die Stadt das Edelweiss-Gebäude abreißen. Zwischen den beiden Straßen ist auf dem ehemaligen Druckerei-Gelände ein neues Wohnquartier geplant, das sogenannnte Cispa-Village.

Kohlenstraße: offener Brief an Stadt St. Ingbert

Die Stadt verändert mithin in dieser zentralen Lage grundlegend ihr Gesicht. Dafür gibt es neben Zustimmung auch Kritik, die sich an den Plänen für die Kohlenstraße entzündet. Mit einem offenen Brief an Oberbürgermeister Ulli Meyer und den für Verkehr zuständigen Abteilungsleiter Thomas Diederichs versucht jetzt das Mobilitätsforum St. Ingbert, die Pläne für eine ausgebaute Verkehrsachse zwischen Josefstaler und Rickertstraße zu hinterfragen. Das Forum beschreibt sich selbst als „lockeren Zusammenschluss von Akteurinnen und Akteuren aus Politik und Zivilgesellschaft, die sich für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung in St. Ingbert einsetzen“. Auch der ehrenamtliche St. Ingberter Nachhaltigkeitsbeauftragte Claus Günther gehört ihm an.

In ihrem Brief gehen die Akteure auf den Protest aus der Kohlenstraße ein, den Anlieger Wolfgang Leinenbach zuletzt zusammengetragen hatte (wir berichteten). Seine Idee: Weniger Autoverkehr durch die Kohlenstraße, indem die Geschwindigkeit auf Tempo 30 reduziert wird und die Straße wie die Poststraße einen Radweg bekommt. Mit dieser Variante soll der überortliche Verkehr zwischen dem Neunkircher und Saarbrücker Raum aus der Mittelstadt herausgehalten und auf die Autobahn verlagert werden. Das Mobilitätsforum schließt sich dem Gedankengang an.

 Der Nachhaltigkeitsbeauftragte der Stadtverwaltung St. Ingbert, Claus Günther.

Der Nachhaltigkeitsbeauftragte der Stadtverwaltung St. Ingbert, Claus Günther.

Foto: Michael Beer

In dem offenen Brief heißt es an die Adresse des OB und seines Abteilungsleiters gerichtet: „Wir finden es offen gesagt skandalös, dass Sie die berechtigten Anliegen von engagierten Bürgern wie Herr Dr. Leinenbach so wenig ernst nehmen. Sie reden doch immer von Bürgerbeteiligung. Wann und wo hat diese zum Thema Kohlenstraße stattgefunden?“ Auf die Protestunterschriften der Anwohner sei das Rathaus nicht eingegangen. Weiter schreibt das Forum: „Und es würde gewiss noch viel mehr Menschen in St. Ingbert interessieren, warum Tempo 30 hier nicht machbar sein soll, wo doch Kirkel und Saarbrücken (siehe Ortsdurchfahrt Schafbrücke) genau dies auf derselben Achse bereits erfolgreich umsetzen.“

Mit den aktuellen Planungen solle die Verwaltung die Weichen für eine zukunftsfähige Stadt stellen. Kinder, die tagtäglich mit dem Rad oder zu Fuß sicher zur Schule kommen möchten, hätten es bei Tempo 30 und einem Radstreifen leichter. Aber auch erwachsene Menschen, die sich ohne Auto fortbewegten und die Anwohner der Straße profitierten von einer Verkehrsberuhigung. In ihrem Schreiben führen die Mitglieder des Forums weiter aus, Ziel müsse es sein, insgesamt weniger motorisierten Verkehr in der Stadt zu haben. Hohe Dezibelwerte auf der Lärmkartierung stellten schon heute eine Beeinträchtigung der betroffenen Anwohner dar. Auch an das künftige neue Quartier zwischen Post- und Kohlenstraße sowie den Bau des Biosphärenhotels in der Otto-Toussaint-Straße erinnern sie.

Stadtverwaltung hält dagegen

Tempo 30 auf einer wichtigen Verkehrsachse? Dazu gibt es im Rathaus eine eindeutige Haltung, die sowohl der Verwaltungschef als auch der Leiter der Verkehrsabteilung schon mehrfach geäußert haben: Mit einer solchen Reduzierung trage man den Verkehr in die kleineren Straßen hinein, weil sich die Menschen hinterm Steuer dann Schleichwege suchten. Das Mobilitätsforum spricht in diesem Zusammenhang von einer „abstrusen Ausweichtheorie“: „Wir können die Befürchtung, dass Pendler sich bei Tempo 30 verstärkt durch umliegende Wohnviertel bewegen würden, nicht nachvollziehen. Wir fordern die Nennung konkreter Routen und belastbarer Quellen für diese Annahme.“

Abteilungsleiter Diederichs hat jüngst bekräftigt: Die Pläne für die Umgestaltung Kohlenstraße/Poststraße stehen. Unter den aktuellen Gegebenheiten solle es keine Veränderungen daran geben. Das Forum hält indes dagegen: „Das Vorhaben Kohlenstraße ist noch nicht umgesetzt, Sie können die Kurve in Richtung Verkehrswende noch kriegen. Falls nicht, werden kommende Generationen die Kröte schlucken müssen, Ihre Fehlplanung für viel Geld wieder auszubügeln.“

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