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Katrin Gödtel aus St. Ingbert züchtet alte Tomatensorten

Mit grünem Daumen : Alte Sorten erhalten durch Aufessen

Die St. Ingberter Gärtnermeisterin Katrin Gödtel tut eigentlich Verbotenes: Sie züchtet mehr als 100 alte Tomatensorten.

Dass die sogenannte Urtomate gerade johannisbeergroß war, aber einen überwältigenden Geschmack hatte, daran mag man eigentlich nicht glauben, wenn man die industriell gezüchteten holländischen oder spanischen Prachtexemplare im Supermarktregal sieht. Spätestens beim herzhaften Biss in die unerwartet fade Discount-Tomate kann man sich vorstellen, dass damit die Tomate nicht zum Lieblingsgemüse der Deutschen geworden wäre. Katrin Gödtel weiß eine Menge darüber zu erzählen.

Draußen am Haus weht eine Tomatenfahne. Weithin macht die Gärtnerin auf sich aufmerksam. Im Neunkircher Weg wohnt sie, im Garten steht ein riesiges Gewächshaus. Dort wachsen sie, die Tomaten, die nach Tomaten schmecken. Gödtel züchtet alte Sorten. Sorten, die teils ernsthaft vom Aussterben bedroht sind. Von der schon erwähnten Johannisbeertomate bis zum „grünen Zebra“, einer gestreiften Riesentomate, die bis zu zwei Kilo schwer wird.

„Erhalten durch Aufessen – das ist mein Motto. Gibt man den alten Sorten wieder Platz, erkennen die Menschen, wie fein diese Frucht schmeckt. Und was gerne gegessen wird, das hat Zukunft“, erklärt die Gärtnermeisterin ihre Philosophie. Vormittags arbeitet sie in der Umweltabteilung des Rathauses, den Rest des Tages widmet sie sich ihren Tomaten. Hundert verschiedene Pflanzen hat sie in ihrem Gewächshaus angepflanzt. Sie bezieht die Samen von Erhaltungsvereinen. Davon gibt es nur noch recht wenige. Deshalb gewinnt Katrin Gödtel auch Saatgut von ihren eigenen Pflanzen. „Das Saatgut muss man unbedingt innerhalb von fünf Jahren anbauen, sonst wird das nichts mehr. Deshalb muss man am Ball bleiben, will man das genetische Erbe dieser faszinierenden Pflanze erhalten.“

In St. Ingbert steht es bestens um Gödtels Tomaten. Die Setzlinge gedeihen prächtig, und ab Mitte Juni wird es die ersten Erträge geben. „Tomaten lieben die Sonne und den Wind. Sie wollen Trockenheit von oben, denn Wasser, das länger die Blätter benetzt, sorgt für Braunfäule. Deshalb sollte man sie nur so gießen, dass nicht die ganze Pflanze nass wird. Ausgeizen ist ein weiteres Thema für Tomatenliebhaber. Seitentriebe entfernt man, damit mehr Kraft für die Früchte übrigbleibt.

Von schrill grün bis dunkelbraun, von knackig rund bis zerklüftet, oft sogar mit feinen Härchen wie Pfirsiche – Farben und Formen sind vielfältig. Gödtel hat zu jeder Tomate ihre Geschichte parat. Die erzählt sie den Kunden, die zu ihr kommen, auf Märkte und zu Veranstaltungen, bei denen es um alte Pflanzensorten geht. Bei Obst- und Gartenbauvereinen hält sie Vorträge und gibt Kurse, veranstaltet Testessen. Und oft genug kommen auch Tomatenliebhaber zu ihr nach Hause in den Neunkircher Weg. Wie die Speyerer Professorin Gisela Färber. „Ich nehme den Weg in Saarland auf mich, um hier Setzlinge zu kaufen. Sonstwo bekomme ich die kaum noch.“ Und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Und irgendwann, Frau Gödtel, irgendwann verklagen wir beide die EU.“ Was die Wirtschaftswissenschaftlerin damit sagen will, hat einen sehr ernsten Hintergrund.

Man begibt sich nämlich ganz schnell in die Illegalität, wenn man versucht, alte Tomaten- oder auch Kartoffelsorten zu erhalten. Das deutsche Saatgutverkehrsgesetz im Einklang mit den europäischen Vorschriften, die die Beschaffenheit von Obst und Gemüse regeln, lässt es nicht zu, Samen oder Setzlinge von Sorten weiterzugeben, die nicht in der Liste der zugelassenen Pflanzen stehen.

In dieser Liste stehen die schönen faden Tomaten aus dem Supermarkt. Aber nicht die Vielfalt, die in Jahrhunderten erhalten wurde. Die darf man offiziell nicht verbreiten. Nun ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass, mit Zornesröte im Gesicht, Klöckner und Von der Leyen an der Tür klingeln und nach den Tomaten fragen.

Eine Überarbeitung der EU-Normen steht seit langem an, und die Züchter alter Sorten hoffen auf Unterstützung. Andererseits verkaufen sie alle – auch Katrin Gödtel – ihre Pflanzen ausdrücklich als Zierpflanzen. Und erzählen dabei die wirre Geschichte um die EU-Normen.

Tomatenvielfalt.com ist die Internetseite von Katrin Gödtel. Mit viele interessanten Tipps und Hintergründen.