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Karlheinz Ott las in der Stadtbücherei St. Ingbert

Literaturforum : Karlheinz Ott las in der Stadtbücherei St. Ingbert

Was mit dem luftig leichten Titel „Und jeden Morgen das Meer“ beginnt, erweist sich beim näheren Kennenlernen als subtile Studie über ein Frauenleben mit all seinen Höhen und Tiefen. Dass Karlheinz Ott ein großartiger Erzähler ist, musste er seinem begeisterten saarländischen Publikum nicht erst beweisen.

Schließlich war der Freiburger Autor, Übersetzer, Essayist und Operndramaturg schon zum dritten Mal Gast des St. Ingberter Literaturforums (ILF). Er präsentierte in der bis auf den letzten Platz besetzten Stadtbibliothek seinen aktuellen von der Kritik begeistert aufgenommenen sechsten Roman.

Dreißig Jahre war Sonja Bräuning, 62 Jahre alt, Prinzipalin eines Gourmettempels am Bodensee. Ihr Ehemann Bruno bekam als junger aufstrebender kreativer Koch sogar einen Michelin-Stern. Doch dann beginnt die Geschichte eines unaufhaltsamen Niedergangs und Abstiegs, Bruno stirbt schließlich durch Suizid. Sein Bruder Arno ist bereit, alles und damit auch einen riesigen Berg von Schulden, zu übernehmen – vorausgesetzt, Sonja verschwindet. Aus dem überschuldeten Haus geworfen, reist sie nach Wales und übernimmt dort eine abgetakelte Pension in trostloser Landschaft, mit fragwürdigem Essen, zugigen Fenstern und Türen und herzlich wenig Gästen in solcher Ödnis.

Doch das Meer ist für die Protagonistin des Romans herrlich. Sie empfindet es, losgekoppelt von ihrem bisherigen Leben, als ideales Gegenüber. In Karlheinz Otts brillantem und zugleich auch bösem Roman entfaltet damit sogar das Unglück seinen ironischen, bissigen Reiz. Gekonnt schlüsselt der Autor Sonjas Gedanken und Reflexionen in einer Parallelmontage von ihrem derzeitigen Dasein und den drei Lebensjahrzehnten davor auf. Dabei enthüllt er menschliche Abgründe in scheinbarer Beiläufigkeit und verdichtet in klar konturierter Sprache ein ganzes Leben in präzisen bildkräftigen Details.

Geschickt und kurzweilig trug Karlheinz Ott ausgewählte Passagen aus seinem Werk vor und referierte dazu ebenso nonchalant wie virtuos über dessen Struktur und seinen Schreibprozess. Trotz aller mit der Beschränkung auf 140 Seiten verbundenen Kürze vermittelte er dem begeisterten Auditorium ein Gefühl von Fülle und Komplexität.

In dem von Jürgen Bost moderierten Publikumsgespräch ging es dann vor allem um die hinter dem Text stehenden realen Erfahrungen und um den unvorhergesehenen Einbruch der Sinnfrage in ein zuvor scheinbar wohlgeordnetes Leben. „Das war ein unheimlich sympathischer und bereichernder Abend“, äußerte sich am Ende einer der Zuhörer.

Als nächste ILF-Veranstaltungen kündigte Sprecher Jürgen Bost für Freitag, 14. Juni, eine Kooperationsveranstaltung des ILF mit der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) an. In der Pfarrkirche St. Franziskus kommt es zu einer Künstlerbegegnung des saarländischen Dichters Johannes Kühn und mit dem Musiker und Organisten Christian Brembeck (Berlin).