Jedes Gebäude erzählt Geschichten

Häuser, die auf manchen Betrachter zunächst heruntergekommen wirken, erscheinen in den Augen von Günter Schwan eher historisch-romantisch. Der Hobbyfotograf aus St. Ingbert spürt mit seiner Kamera vergessenen Orten nach – und ist damit Teil einer ganzen Bewegung.

Einer der Orte, der mit der Kamera vor dem Vergessen bewahrt werden soll: Die Aufnahme entstand in einem alten Wohnhaus in der Nähe von Niederwürzbach. Foto: Günter Schwan Foto: Günter Schwan

Mit einer gewaltigen Taschenlampe geht er auf das Haus zu. Vor dem Eingang liegt Müll. Er drückt die Klinke hinunter, die Tür ist nicht verschlossen. Noch mehr Müll, bergeweise Altpapier, teilweise ungeöffnete Briefe, liegen am Boden. Mit seinem festen Schuhwerk bewegt er sich vorsichtig durch die Wohnung. Hier wohnt niemand mehr. Aber auch auf einen gewöhnlichen Auszug schienen die Bewohner verzichtet zu haben.

Im Erdgeschoss gibt es ein Wohnzimmer mit alten Polstermöbeln, einer Biedermeier-Schrankwand, das Bild einer Frau hängt an der Wand. Im Schlafzimmer steht ein Bett, die Matratze ist bezogen und dreckig. Weiter oben hat das Haus dem Wetter nicht standgehalten. Das Dach ist zum Teil heruntergebrochen. Auf der Treppe liegt ein Kinderschuh, so groß wie eine Hand.

Anfassen will der Besucher Günter Schwan hier nichts, er will auch nichts stehlen. Was ihn hierher treibt, ist nur der Moment, den er festhalten kann, wenn er auf den Auslöser seiner Kamera drückt. Schwan besucht viele dieser Orte, ob drinnen oder draußen, in der Stadt oder im Wald, Bunker, Fabriken, Wohnhäuser, Schwimmbäder. Dabei dokumentiert er den Verfall der Gebäude, sieht, wie ein verlassener Ort zum geheimen Treffpunkt von Jugendlichen, Rückzugsort für Obdachlose und Spielplatz für Vandalen wird. "Jedes Gebäude, ob alt oder neu, erzählt seine eigene Geschichte", sagt Schwan, "und diese Geschichten will ich festhalten, denn irgendwann sind sie weg." Abgerissen wurde beispielsweise auch einer seiner Lieblingsorte, ein "Abschiebegefängnis" in Zweibrücken, das er mehrmals besucht hatte.

Den historisch-romantischen Eindruck, den Schwan bei seinen Expeditionen mitnimmt, ist der Grund der Besuche für ihn und andere, die sein Hobby teilen. "Urbex" nennen sie es, eine Abkürzung für "urban exploration", also Stadt-Erkundung. Doch nicht immer betreten "Urbexer" Gebäude mit Genehmigung. Sie begehen Hausfriedensbruch - auch wenn unklar ist, wessen Frieden dort überhaupt gestört wird, wenn doch jemand offensichtlich seit langer Zeit kein Interesse mehr an dem Gebäude hatte. Zwei Mal traf Schwan auf Polizeibeamte, die Verständnis zeigten, ihn aber vom Platz verwiesen. Der Entdecker nimmt es gelassen. Trifft er auf Fremde, erklärt er sein Anliegen. Denn Schwan will weder etwas kaputt machen, noch klauen: "Das gehört zum Hobby. Man nimmt nichts mit, verändert nichts und hinterlässt nichts als seine Fußspuren." Auch Einbrechen ist in der Szene untersagt.

"Zu ist zu und bleibt zu", erklärt Schwan. Da "Urbexer" die entdeckten Orte vor Einbruch und Vandalismus schützen wollen, machen sie in der Regel auch keine Ortsangaben. Lediglich befreundete "Urbexer" tauschen ihre Tipps untereinander aus. Schwan beschreibt es als "kleinen Tauschhandel".

Den Charme des Verfalls hat auch Facebook-Nutzer gepackt. Eine große Fangemeinde stöberte sofort Günter Schwans bizarre Bilder auf, die er im sozialen Netzwerk veröffentlichte. Gleich am ersten Tag, an dem Schwan seine Seite namens "Vergessene Orte Saar" online gestellt hatte, knackte er die 1000-Mitglieder-Marke. Heute, nach nur drei Monaten, folgen der Facebook-Seite nahezu 13 000 Personen.