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Installationen von Johannes Becher in Kirchen in St. Ingbert

Kunst statt Gottesdienst : Kirchenkunst entwickelt sich täglich weiter

Mindestens bis an Pfingsten sind Installationen in St. Engelbert und Herz Mariae noch zu sehen.

In der Alten Kirche und in der Pfarrkirche Herz Mariae ist seit der Vorosterzeit eine Besonderheit vorzufinden. Der St. Ingberter Künstler Johannes Becher hat dort mit seinem Team eine unkonventionelle Installation erstellt (wir berichteten). Wegen der positiven Resonanz wurde das Ganze nun bis mindestens Pfingsten verlängert. Das Kunstwerk wird nahezu täglich weiterentwickelt. So befanden sich in der Engelbertskirche bislang in Plastikfolie eingewickelte Tücher an einem Gitter im Altarraum. Nun liegen sie ohne Verpackung als Fahnen auf einem Tisch. Das Metallgestänge mit den Karten ist auch noch da. Nur: Es ist wesentlich voller geworden.

„Ich liebe Worte und spiele gerne damit“, sagt Johannes Becher im Gespräch mit unserer Zeitung und strahlt dabei. Er schaffe mit seinem Werk Räume zum Improvisieren, betont er. „Die Leute können ihre Eindrücke, Ideen und Gedanken sammeln, diese auf den Karten zu Papier bringen und an das Gestänge heften“, fasst der Künstler die Situation in der Alten Kirche zusammen. Die Beteiligung überraschte. Mittlerweile sind es weit über 170 Beiträge geworden. Vor allem in der Karwoche habe sich die Installation immer wieder stark verändert, blickt Becher auf Ostern zurück.

Auch in Herz Mariae, wo Kinder den Altar mit Playmobil-Figuren auf einem schiefen Tisch gestaltet haben. An Karfreitag standen dort zudem symbolisch Schuhe und Stühle als Symbol für die Fußwaschung. Im Gotteshaus in der Rockentalstraße ist die Installation ruhiger und gediegene, so Becher. In der Alten Kirche ist die Installation alles andere als unnahbar. So kann das Kartengestänge durchaus betreten werden. Eine Bank dazwischen lädt zum Verweilen ein. Auch finden sich zahlreichen Sprachen in den Sprüchen wieder: Holländisch, Spanisch, Französisch und Italienisch sind neben Deutsch auszumachen.

Die Osterkerze, die sonst nur an den Sonntagen beim Gottesdienst angezündet wird, stellt eine Besonderheit dar. „Sie brennt jetzt jeden Tag statt nur sonntags“, freut sich Pfarrer Daniel Zamilski. „Ohne sie ist alles nichts. Die Kerze braucht den Sauerstoff wie wir alle“, ergänzt Johannes Becher. Zamilski berichtet von Telefonanrufen. „Da ist das ganze Spektrum der Frömmigkeit dabei. Von Empörung bis Begeisterung. Von Sakrileg bis Wohltat“, meint Zamilski mit einem zwinkernden Auge. Dennoch freut er sich, dass die Installation zum Nachdenken anregt. Er ist für die Rückmeldung dankbar und verweist die Kritiker auf die positiven Reaktionen. Die Installation wirke in der Alten Kirche wegen des Barocken extremer, glaubt Johannes Becher. Das Werk sei nach wie vor offen angelegt. Negative Reaktionen wären nichts Schlimmes, so der Künstler, der mit dieser Art der Rückmeldungen gerechnet habe. „Das macht Kunst auch aus“, pflichtet der Pfarrer bei. Es sei auch entscheidend, in welcher Stimmung man die Kirche betritt. Auch spielten die Lichtverhältnisse genau zu diesem Augenblick eine Rolle.

So sieht die Installation des Künstlers Johannes Becher derzeit in der Pfarrkirche Herz Mariae aus. Foto: Jörg Martin

Jeder Tag erziele eine andere Wirkung auf die Besucher. Manchmal wirke die Installation erst Stunden oder Tage nach, habe Becher bemerkt. „Stamm“-Kritiker gibt s auch: Jemand demontiert beinahe täglich die bunten Holzstäbe auf den Bänken. Die an den Hölzern hängenden Stoffreste, die von Becher immer wieder neu arrangiert werden (Motto: „Bunt im Leben, bunt im Glauben“), stören offenbar jemanden. Die Person gestaltet das Ganze sogar um. Becher arrangiert sie wieder neu und schreibt auch was dazu. Eine Art Katz und Maus-Spiel. „Wann kommen die Fetzen endlich weg?“, sei eine Frage, mit der er konfrontiert worden sei, sagt Pfarrer Zamilski. Die Installation sei auch für die Nach-Corona-Zeit denkbar, blickt Johannes Becher in die Zukunft. „Wenn ich hier arbeite, habe ich das Gefühl, Gott ist mir nahe. Eingesperrt sein in Corona-Zeiten macht frei für Kreativität.“ Vielleicht geht es den Gläubigen beim Besuch der Installation ja auch so.