Hörbuch-Kritik: "Leb Wohl, Berlin" von Christopher Isherwood

Hörbuch-Kritik : Schnappschüsse einer zerfasernden Gesellschaft

Das Berlin der Weimarer Republik vor der Nazi-Machtergreifung steht im Mittelpunkt des atmosphärischen Hörspiels „Leb Wohl, Berlin“ nach den Romanen von Christopher Isherwood. Der Stoff, aus dem auch das Musical „Cabaret“ entstand, ist sehr hörenswert umgesetzt.

Das Berlin zu Zeiten der Weimarer Republik mit Ausschweifungen und dem parallelen Erstarken der Nationalsozialisten – das war zuletzt für Serienfans ein gefundenes Fressen bei „Babylon Berlin“. Die TV-Serie in Kooperation zwischen ARD und Bezahlsender Sky erzählte in bisher zwei Staffeln, eine dritte startet bald, die Ermittlungen eines Polizisten im Berlin der Weimarer Republik.

In genau dieser Epoche ist auch „Leb Wohl, Berlin“ angesiedelt, die Hörspielaufarbeitung von Christopher Isherwoods (1904-1986) autobiographischen Erfahrungen. Der englische Schriftsteller verarbeitete seine Zeit im Berlin der späten 1920er und frühen dreißiger Jahre in den zwei kurzen Romanen „Mr Norris steigt um“ (1935) und „Goodbye to Berlin“ (1939), die später unter dem Titel „The Berlin Stories“ veröffentlicht wurden. 1951 hatte am Broadway ein darauf basierendes Theaterstück Premiere, das die Grundlage für das Musical „Cabaret“ war, das sich bis heute auf den Bühnen der Welt behauptet.

Auch die darin von Liza Minelli verkörperte Sally Bowles spielt im Hörspiel eine Rolle, allerdings ist sie anders als Minellis Darstellung nicht immer nur sympathisch. Sprecherin Laura Marie setzt diese Figur, an der Isherwood ein mehr als nur freundschaftliches Interesse zu haben scheint (später bekannte er sich allerdings zu seiner Homosexualität), hervorragend in Szene als egozentrische Femme fatale, die irgendwo doch stets oberflächlich bleibt, es darauf anlegt, ältere Verehrer (nach Bettgeschichten) auszunehmen.

Isherwood, in seiner Zurückhaltung glänzend gemimt von Christopher Nell, beschreibt, wie er in einer Pension in der Nollendorfstraße in Berlin wohnt, die die liebenswerte und etwas schrullige Fräulein Schröder („Herr Ischihwuuh“) leitet. Die Menschen in der Stadt verschließen die Augen vor der drohenden Katastrophe und feiern sich um den Verstand, während im Hintergrund der Szenerie bereits die Nazis aufmarschieren. Immer wieder werden Szenen geschildert, in denen ihre Schläger Passanten niederprügeln – und keiner einschreitet. Außer seinen Erfahrungen mit Bowles beschreibt Isherwood auch seine Beziehungen zur reichen jüdischen Erbin Natalia Landauer und deren Cousin Bernhard Landauer. Für ihn stand Wilfrid Israel Pate, der ein Traditionskaufhaus in Berlin leitete.

Isherwoods Romane wirken auch in der Hörspielbearbeitung sehr gut als Gesellschaftspanorama, als Schnappschüsse des Berlins jener Zeit. Für diesen Umstand hatte auch das Time-Mazagin Isherwoods „The Berlin Stories“ zu den besten 100 englischsprachigen Romanen zwischen 1923 und 2005 gezählt.

Dass das Hörspiel aus der Feder von Heinz Sommer und unter der Regie von Leonhard Koppelmann so gut in die vergangene Zeit zurückversetzt, gelingt auch durch die eingeflochtenen Originaltöne aus der Zeit.

Darüber hinaus werden auch verschiedene Lieder eingearbeitet, auf einer Zusatz-CD finden sich noch 27 Musikstücke als Soundtrack, für den die hr-Big-Band verantwortlich zeichnet.

Christopher Isherwood: Leb wohl, Berlin; Hörspiel, 287 Minuten, Der Hörverlag; 4 CDs, ISBN: 978-3-8445-3631-7