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Handel und Gewerbe in Zeiten des Corona-Virus in St. Ingbert

Kostenpflichtiger Inhalt: Handel und Gewerbe in Zeiten des Corona-Virus in St. Ingbert : Bei vielen Läden geht’s um Existenzen

Wegen der Corona-Krise bleiben seit Mittwoch auch in der St. Ingberter Innenstadt Geschäfte geschlossen. Vertreter von Stadt und HGSI waren am Vormittag auf den Spuren der Allgemeinverfügung.

Die Köpfchen zarter Osterglocken wackeln sanft im lauen Frühlingswind – auf einer begrünten Insel am Straßenrand. Ein tröstlicher Anblick in Zeiten, die für viele jetzt schon untröstlich sind: Treffpunkt an Wendlings Eck. Dort, wo im Verlauf der Kaiserstraße ein Geschäft nach dem anderen zu finden ist. Dann geht es auch noch durch die Fußgängerzone mit ihren vielen Läden und den beliebten gastronomischen Betrieben. Die Außenbestuhlung ist merklich voneinander weggerückt, doch auf der Straße begegnen sich Menschen, die teils nahe beieinander stehen.

Martina Quirin, Stabsstelle Wirtschaft der Stadt St. Ingbert, führt mit Praktikantin Vanessa Pitzius den ungewohnten Tross von Leuten an, die zum freundlichen Gespräch und vor allem auch zur Inspektion erschienen sind: ein Vertreter der Ortspolizeibehörde, der Stadt-Pressestelle, Nico Ganster, Chef von Handel und Gewerbe (HGSI), und sein Mitstreiter Wolfgang Blatt, hinzu gesellt sich vorübergehend Geschäftsfrau Odette Woll. Sie ist auf Raumausstattung spezialisiert und darf noch arbeiten. Weil es ums Handwerk geht. Montage und Auslieferung, da gibt es (bislang) keine Einschränkungen. „Mir blutet das Herz. Ich bin noch nie so durch die Innenstadt gegangen“, sagt Martina Quirin. Bevor die Virus-Krise mit all ihren drastischen Auswirkungen auf den Einzelhandel ausbrach, hatte sie täglich einen höchst erfreulichen Job: Zuständig für Neueröffnungen und Leerstands-Vitalisierung, muss sie jetzt von Laden zu Laden gehen und nachschauen, ob alle Bestimmungen eingehalten sind. Ob Läden geöffnet haben, die das nicht dürfen.

Gerade kommt Oberbürgermeister Ulli Meyer hinzu. Er möchte, wie er gegenüber unserer Zeitung erklärt, den Geschäftsleuten zeigen, dass sie nicht allein dastehen. Wir bleiben an einem Schaufenster mit hochwertiger Damenoberbekleidung stehen. Und lesen auf einer Papiertüte einen handschriftlich verfassten, fast schon flehentlichen Aufruf an die potenziellen Kundinnen, die vor verschlossenen Türen stehen: „Ein Wunsch unsererseits: Wenn Ihr die nächsten Wochen situationsbedingt zu Hause bleibt, wartet, bis alle Einzelhändler, alle regionalen Geschäfte wieder öffnen! Vermeidet Online-Käufe! Helft dem Einzelhandel danach, durch Eure Einkäufe diese Krise gemeinsam zu bewältigen! Danke.“ Eine gemalte kleine Sonne mit lachendem Gesicht ziert die weiße Tüte. Wann eine solche, mit Blusen, Hosen und Röcken wieder gefüllt über die Ladentheke wandert – das weiß heute kein Mensch abzuschätzen. Frühlingsmode, die bleischwer in den Regalen liegen bleibt?

Schwarzmalen will heute morgen niemand. Wenngleich Beklemmungen an und ab zu spüren sind. Es geht um Existenzen, um viele Existenzen. Nico Ganster mit Dutt und im topmodischen Dress, ist Friseurmeister mit eigenem Salon. Es sei das Gebot der Stunde, sagt er, der mit seinem Team ganz ungehindert Kunden verschönern darf, die Leute im Salon „zu verteilen“. Also nicht dicht an dicht verarzten, sondern schön weit auseinander setzen. Auf dem Wochenmarkt am Morgen habe man solch vernünftiges Tun auch schon beobachten können.

Offen ist auch die Änderungsschneiderei von Hakan Nesrin. Seit zehn Jahren betreibt er sein Geschäft in der St. Ingberter City. Offen ist auch der Schlüsseldienst von Gudrun Hohlfeld. Verunsichert ist sie, als wir mit ihr reden. Was geht, was geht nicht? Baumärkte, sagt sie, dürften aufmachen, aber sie? Martina Quirin kann sie beruhigen: „Sie dürfen offen lassen.“ Schließlich haben wir es hier mit Dienstleistungen zu tun.

Schaufenster mit teils wunderschönem Osterschmuck, Häschen und Blümchen-Deko – in einigen Geschäften gerade mal für die Katz: So auch beim „Weltladen. Fair handeln.“ Dicht ist er. Vorübergehend. Bis auf Weiteres ebenfalls zu: ein China-Imbiss, der eigentlich doch aufhaben dürfte. Mittlerweile ist auch eine schriftliche Konkretisierung vom Land frisch eingetroffen. Da steht nun noch mehr dezidiert als bislang drauf, wer von Schließung betroffen ist und wer nicht. Und doch bleiben Fragen.

Was ist mit dem Kosmetik-Studio? Da gab es gestern noch mal Klärungsbedarf. Alle Hände voll zu tun hat der Blumenladen Ramke, seit 35 Jahren am Ort. Helga Ramke und ihr Mann „schaffen den ganzen Tag“. Kränze wollen gewickelt, Sträuße gebunden sein. Telefonisch Aufträge erteilen – das ist auch bei diesen Geschäftsleuten möglich. Es geht hier vor allem auch um Menschen, die aus dem Leben geschieden sind. Um deren würdevolle Bestattung. Um einen letzten Gruß mit Lilien und Rosen.

OB Ulli Meyer und Martina Quirin (vorne von links) sowie SZ-Redakteurin Michèle Hartmann schauten auch bei Gudrun Hohlfeld vom gleichnamigen Schlüsseldienst vorbei. Ihr Geschäft darf geöffnet bleiben. Foto: BeckerBredel
Auch dieser Obstladen darf weiterhin Kunden empfangen. Foto: BeckerBredel

„Wir sind traurig“, lässt unterdessen das Tchibo-Team in der Fußgängerzone wissen. Auch dieser Laden hat vorsorglich dicht gemacht. Doch nicht nur Trauer ziert den Zettel an der Eingangstür, sondern auch ein großer Funken Hoffnung: „Gemeinsam schaffen wir es, die Krise zu überwinden.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ladenschließungen in der Innenstadt von St. Ingbert