„Haltet die Demokratie hoch“

Walter Löb war ein zehnjähriger Junge, als die Nazis seinen Vater in der Reichspogromnacht in Saarlouis verschleppten. Über das Schicksal einer katholisch-jüdischen Familie sprach er gestern vor St. Ingberter Schülern.

Nein, so etwas könne sich bei uns nicht wieder ereignen, sind sich die jungen Damen einig. Es habe doch keiner mehr alleine das Sagen, meint Merle Wagner. Und Jessica Theis gibt zu bedenken, in unserer Gesellschaft werde viel mehr getan, die Gleichheit aller Menschen zu achten. Mit Alina Herrmann sind sich die 15-Jährigen einig, dass die eineinhalb Stunden im Sitzungssaal des Rathauses an diesem Vormittag spannend waren.

Judenverfolgung, Pogromnacht, Nazi-Diktatur - auch wenn das nicht unbedingt Themen sind, die die Befindlichkeiten von Teenagern treffen, haben die neunten und zehnten Klassen der Albertus-Magnus-Realschule doch sehr konzentriert den Worten von Walter Löb gelauscht, der gestern in St. Ingbert über seine Erinnerungen an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte des 20. Jahrhundert gesprochen hat. Zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht zeigt das Rathaus im Kuppelsaal derzeit eine Ausstellung zum 9. November 1938. Das Stadtarchiv hat in Zusammenarbeit mit dem Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel das Zeitzeugengespräch arrangiert. Zum direkten Austausch zwischen den Schülern und Löb kam es gestern allerdings nicht. Nach dem von Willi Portz (Adolf-Bender-Zentrum) moderierten Vortrag war die Zeit offensichtlich schon zu weit fortgeschritten. Die Klassen traten den Rückweg zur Schule an. Löb hatte sie mit einem klaren Appell verabschiedet: "Lasst Euch nicht verführen. Haltet die Demokratie hoch. Das ist das Wichtigste, was ein Volk haben kann." Oberbürgermeister Hans Wagner, der die Schüler im Rathaus begrüßt hatte, geht auch auf das unfassbare Ausmaß des Unrechts im Dritten Reich ein. Es gelte Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu verteidigen. Wagner spricht auch den SZ-Artikel an, der am 9. November einen Einblick in Löbs Leben gegeben hatte. Das habe ihn hochemotional berührt.

Löbs Geschichte wirkt denn auch auf die Realschüler, wie die Stille im Saal zeigt. 1928 in Mühlheim an der Ruhr geboren, kam die Familie schon ein Jahr später ins Saarland, zunächst nach Quierschied. Die Mutter war katholisch, der Vater jüdischen Glaubens. Die Kinder mussten nach der Abstimmung 1935, als das Saarland wieder Deutschland zugeschlagen wurde, als "Halbjuden" an ihrem neuen Wohnort Saarlouis leiden. Walter Löb schwante schon 1935 bei dem ersten Fackelzug der Nazis durch die Stadt böses: "Die Art und Weise, wie sie marschiert sind, hat mich gestört." Adolf Hitler sah er 1937 keine zehn Meter von sich entfernt, wie er den Schülern berichtet: "Ich habe nur die Augen und den Mantel gesehen. Daheim habe ich zu meiner Mutter gesagt: Mensch, hat der böse Augen." Die Mutter beschwor ihn, solche Gedanken nicht laut zu äußern. Geholfen hat das nichts. Ausführlich erzählt der alte Mann, wie sein Vater und viele andere in der Pogromnacht zusammengetrieben und im Morgengrauen deportiert wurden. Wie Jugendliche schrien: "Hängt sie auf, schlagt sie tot." Während der Vater das KZ Dachau überlebte, starb ein jüngerer Bruder, weil ihm medizinische Hilfe versagt blieb. Löbs Schwester Marlies fand den Tod im hessischen Hadamar - im Euthanasieprogramm der Nazis.

"Man kennt das nur aus Büchern oder Filmen", sagt Jonas Zell (16) später. Und der gleichaltrige Florian Gries fügt hinzu: "Wir machen das gerade in Geschichte. Das war interessant zu hören." Sie sind beeindruckt.