Graffit-Küstler Clemens Schmauch malt in St. Ingbert

Graffiti : Kunst statt unschöner Schmierereien

Ehepaar Buhmann lässt einen jungen Graffiti-Künstler seine Mauer in der Kirchengasse bunt bemalen.

„Ist das Kunst oder kann das weg?“ Diese Frage wird sich das St. Ingberter Ehepaar Hildegard und Peter Buhmann nicht mehr gestellt haben beim Anblick der hässlichen Schmiererei auf ihrer frisch geweißelten Mauer in der Kirchengasse. Als Eigentümer des Hauses an der Ecke zur Poststraße mussten sie sich an dieser Stelle schon oft über gesprühtes Gekritzel ärgern und ihnen war klar: „Das muss weg!“. Die Mauer hatte das Ehepaar Ende Mai neu streichen lassen. „Dieses Mal hat es keine zwei Wochen gedauert“, sagt Hildegard Buhmann verärgert. Das Ordnungsamt hatte man bereits in der Vergangenheit eingeschaltet und Anzeige erstattet.

Schmiereien oder dumme und ordinäre Sprüche auf Fassaden stellen ein großes Problem im öffentlichen Raum dar. Aber: Gut gemachte Graffiti können durchaus auch Kunst sein. So kam Clemens Schmauch, ein junger St. Ingberter Graffiti-Künstler, mit einer cleveren Idee auf die Hausbesitzer zu, die diese mit Begeisterung aufgriffen. „Nach einem mit uns abgestimmten Motiv gestaltet er unsere Mauer in den nächsten Tagen farbenfroh mit seinem Kunstwerk.“ Das Clevere dabei ist ein ungeschriebenes Gesetz unter den Sprühern: Gemäß eines Ehrenkodex in der Graffiti-Szene übermalen sich Sprüher nicht gegenseitig – und schon gar nicht über Auftragsarbeiten. An diese Regel hat man sich zu halten, wenn man in der Szene respektiert werden will.

Peter Buhmann, der früher dem St. Ingberter Stadtrat angehörte und lange Zeit Mitglied des Kriminalitätsbeirats war, verspricht sich davon, dass das nun gut gemachte Graffiti zunächst schön aussieht und eine Hemmschwelle gegen künftige Schmierereien darstellt. Dem schließt sich auch Christoph Scheurer an, der das St. Ingberter Ordnungsamt leitet und der auch das St. Ingberter Sicherheits-Netzwerk verwaltungsseitig betreut. Gemeinsam mit der SZ traf er sich mit dem Ehepaar Buhmann und Peter Gaschott, dem Pressesprecher der Stadt ,vor Ort, um dem jungen Künstler bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.

Der 26-jährige Industriekaufmann ist in der Szene als „Boykasi“ bekannt. Nachdem er die Umrisse seines Werks, das er zuvor am PC entwickelt hatte, grob an der Wand vorgezeichnet hat, entstehen nun stilisierte Buchstaben und geometrische Linien und Kreise in leuchtenden Farben. Auf dem Boden hat er ein Malervlies ausgebreitet, damit keine Farbe auf den Bürgersteig tropft. Aber Schmauch arbeitet äußerst präzise, Farbspritzer oder -nasen sind fast keine erkennbar. Die anfallenden Kosten für die Farbe und das Material haben die Buhmanns übernommen. „Das ist vergleichsweise gering, wenn man die Kosten für die Entfernung der Schmierereien betrachtet.“

Gerade mischt Schmauch mit behandschuhten Händen aus roter und schwarzer Farbe mit wenig Blau ein brombeerfarbenes Rot im Farbeimer an. „Ich habe als 14-jähriger Teenager im Keller meiner Eltern angefangen, Graffiti zu malen. Da ich eine Unverträglichkeit gegen bestimmte Lösungsmittel habe, spraye ich nicht, sondern male mit Wandfarbe und Rollen“, erklärt er. „Leider gibt es nur wenig legale Flächen in der Stadt, darum hatte ich die Idee, bei der Familie Buhmann nachzufragen und ihnen meine Kunst anzubieten.“

Passanten bleiben stehen und bewundern das entstehende Bild. „Das ist ja toll – endlich mal Farbe auf der ollen leeren Wand, das gefällt mir“, rutscht es spontan aus Brigitte Börner heraus, die gerade vorbei kommt. Auch Andrea Scherschel aus St. Ingbert freut sich. „Ich komme jeden Tag hier vorbei und bin jedes Mal gespannt, wie es am nächsten Tag aussieht“, sagt sie fröhlich. „Hallo Rembrandt!“ grüßt jemand beim Vorbeigehen.

„Es wäre toll, wenn diese Aktion ein Beitrag zur Prävention sein könnte und sich weitere Hauseigentümer und vielleicht auch die Stadt selbst für ähnliche Maßnahmen an ihrem Eigentum entscheiden würden“, regt Buhmann an. Dem stimmt Clemens Schmauch zu. „Es gibt ein Gelände am Pottaschwald, wo Graffiti-Kunst geduldet wird. Hier kamen schon viele Künstler aus der Region her, um zu malen und zu sprayen. Aber leider wird das alte Firmengelände demnächst abgerissen. Aber es gibt noch viele weitere geeignete Flächen in der Stadt, die man für legale Graffiti freigeben könnte“, meint er. Zum Beispiel an Brücken oder die lange Betonmauer am Ortseingang von Sengscheid. Oder an der Baumwollspinnerei.

„Darüber sollte man sich im neu gewählten Stadtrat einmal beraten“, findet auch Irene Kaiser vom Ortsrat, die die Anregung toll findet. In vielen Städten Deutschlands findet man mittlerweile legale Graffiti-Flächen, die ausschließlich nach Anmeldung bemalt werden können. Im kleinen Rahmen könnte sich Schmauch das auch in St. Ingbert gut vorstellen. „Die Graffiti-Maler im Saarland sind gut vernetzt, da ist eine Organisation eines solchen Happenings oder Wettbewerbs sehr gut planbar“, bemerkt er, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwendet.

So sah die Mauer vorher aus. Foto: Petra Pabst/Peter Buhmann

Wer Interesse hat, selbst in ähnlicher Weise eine Wand gestalten zu lassen, darf sich gerne an „Boykasi“ wenden unter Tel. (0176) 61 96 52 90.

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