Südviertel: Gemeinsam schmeckt es besonders gut

Südviertel : Gemeinsam schmeckt es besonders gut

Das Quartierprojekt „Bei uns im Südviertel“ der Arbeiterwohlfahrt hat vor allem ein Ziel: Menschen zusammen zu bringen.

Als die Initiative, die bei der Arbeiterwohlfahrt angesiedelt ist, ins Leben gerufen wurde, wollten Elke Müller und ihr Team erreichen, dass das „Bruder-Konrad-Haus“ sich öffnet und zur Begegnungsstätte für Leute aus dem Südviertel wird. Die Hemmschwelle, sich ohne Not ins Seniorenzentrum zu begeben, sei anfänglich groß gewesen. Doch im vergangenen halben Jahr hat sich das gewandelt, wie Elke Müller erzählt. Die Resonanz sei „toll“ und das Quartiersprojekt habe sich positiv entwickelt, auch weil es mit vielen Aktivitäten gefüllt wird. In ihm sei viel Energie gebündelt, die von der Awo, vom Seniorenbeirat der Stadt, dem Caritaskreis St. Franziskus und der Pfarrgemeinde St. Konrad sowie vom Ortsrat geliefert werde. Mittlerweile waren Mundartautoren im Bruder-Konrad-Haus zu Gast, es gab Bilder- und Fotoausstellungen.

Zehn Ehrenamtliche engagieren sich dort. Für viele Themenbereiche gebe es spezielle Ansprechpartner, die Hilfe leisten können. Anfang April kam noch „Auf Rädern zum Essen“ hinzu, ein Angebot, dass einschlug „wie eine Bombe“. Die Idee: Gemeinsam essen und sich dabei kennenlernen. Die Dienstleistung fängt mit einem kostenlosen Abhol- und Fahrdienst bereits vor dem Essen an der Haustür der Teilnehmer an. Im Bruder-Konrad-Haus angekommen, werden die Besucher, die meisten von ihnen sind um die 80 Jahre alt, freundlich von den Ehrenamtlichen zu ihren Tischen geleitet. Für vier Euro gibt es ein Mittagessen, inklusive Kaffee und Kuchen. Eine Woche vorher muss die Bestellung für das Mittagessen, das in der Großküche der Awo in Sulzbach extra für diesen Zweck zubereitet wird, eingegangen sein. Elke Müller muss sich um Rückmeldungen nicht sorgen, denn die meisten Leute tragen sich direkt für das nächste Mal ein. Ist mal jemand krank oder kann sich partout nicht mit dem angebotenen Gericht anfreunden, rückt jemand von der immer weiter wachsenden Warteliste nach.

Die Plätze an den Tischen in der Caféteria sind heiß begehrt. Das Essen, bisher gab es Tafelspitz mit Meerrettichsoße, Hoorische mit Sauerkraut oder auch Spießbraten, schmeckt den Besuchern. Diese kommen, wie gewünscht, miteinander ins Gespräch, und es gefällt ihnen so gut, dass sie am liebsten gar nicht mehr gehen wollen, wie eine der Helferinnen, Lieselotte Bur, einige Male erlebt hat. Die Ehrenamtlichen bekommen viel Lob, auch für den selbst gebackenen Kuchen. Einmal monatlich finden diese Treffen statt, und „es gibt Leute, die kommen ohne diese ,Geschichte`gar nicht mehr aus dem Haus“, weiß sie aus Gesprächen. Ihr Mann Hans übernimmt den Fahrdienst und freut sich über den Zuspruch: „Wichtig ist auch, dass durch diese Aktionen, die wir in der Caféteria gestartet haben, immer was los ist.“ Teilweise kommen dann auch die Bewohner des Hauses hinzu. Ehemalige Nachbarn begegnen sich so nach Jahren wieder oder aber alte Arbeitskollegen und Schulkameraden. Schon manche verloren gegangene Bekanntschaft wurde so wieder aufgefrischt. Die Idee kam Elke Müller bei einem Treffen des Netzwerkes „Lokale Allianz für Demenzkranke“ im Saarpfalz-Kreis. Meist böten im Saarland Pfarrgemeinden oder andere Gruppierungen Kaffeenachmittage oder auch ein gemeinsames Frühstück an, aber mit dem Mittagessen, das schon mal mit kulturellen Angeboten kombiniert wird, habe man in St. Ingbert ein Alleinstellungsmerkmal.

Im August 2018 habe dann im Viertel eine Bedarfsermittlung stattgefunden: Was gibt es schon? Und was können sich Senioren zur Weiterentwicklung der Kontakte im Südviertel vorstellen? Neben einem angedachten Stammtisch habe es eine eindeutige Tendenz zum gemeinsamen Mittagstisch gegeben. Zuerst galt es laut Elke Müller, einen Kooperationspartner zu finden, dann die Logistik abzuklären. Nun ist die Leiterin des Quartiersprojekts stolz, dass es gelungen ist. „Es gibt im täglichen Leben für manche unserer Besucher kaum noch soziale Kontakte in der Nachbarschaft. Und hier kommt man zusammen und isst miteinander.“ 50 Gäste bilden die Kapazitätsgrenze, die wegen des postiven Feedbacks schon einmal nach oben korrigiert wurde. „Das ist das absolute Maximum, damit wir den Service dauerhaft leisten können und auch die Lautstärke im Rahmen bleibt. Wir wollen, dass der hohe Standard, den unsere Senioren so schätzen, bestehen bleibt“, so Müller. Schließlich soll es auch gemütlich sein. Das Juli-Essen wurde der Jahreszeit entsprechend als Grillfest gestaltet. Gertraud Krämer kommt gern zum Essen und für die Gespräche ins Bruder-Konrad-Haus. „Das Konzept ist gut umgesetzt. Die machen sich hier so viel Mühe. Das ist ein Aufwand, den bewundere ich,“ so die 80-Jährige. Mit am Tisch saß Rita Haberer, die sich normalerweise ihr Essen zuhause selbst zubereitet. „Aber da sitze ich allein. Gemeinsam schmeckt es einfach besser“, so die 82-Jährige, die noch selbst in die Karl-August-Woll-Straße läuft. Und werden sie beim nächsten Mal Anfang August wieder dabei sein? „Natürlich“, lautet die Antwort der beiden und sie lassen keinen Zweifel daran, dass nur Krankheit sie davon abhalten kann.

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