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Gastbeitrag von Teresina Moscatiello für St. Ingbert

Gastbeitrag zur Corona-Krise : Muss es auch hier bei uns soweit kommen?

Die „St. Ingberter Italienerin“ Teresina Moscatiello, zu Gast bei ihren Eltern in Ommersheim, verweist auf ihr Heimatland.

Meine Eltern sind vor mehr als 40 Jahren aus einem kleinen Bergdorf in Italien ins Saarland migriert, sind Teil der sogenannten Generation der „Gastarbeiter“, die hart für ihr Leben und ihre Integration kämpfen mussten. Viele von Ihnen haben Rassismus und Diskriminierung am eigenen Leib erfahren. Meine Eltern, wie auch viele andere „Gastarbeiter“, haben nun länger hier gelebt und gearbeitet als in ihrer ersten Heimat Italien. Sie fühlen sich im Saarland sehr wohl. Meine Mutter kann sogar die „beschde geheirade mache in´de ganz stros“.

Ich bin in St. Ingbert geboren und habe dort mein Abitur gemacht. Viele meiner Freunde und Bekannte leben in St. Ingbert. Als die erste Gastarbeiterwelle der Italiener ins Saarland kam, stand an einigen Kneipen hierzulande am Eingang noch in Frakturschrift geschrieben: „Für Hunde, Frauen und Italiener keinen Zutritt!“. Das hat meine Generation zwar nicht mehr erlebt, denn ich selber gehöre nur noch zu den Menschen „mit Migrationshintergrund“. Ich kann mich erinnern, dass man mich zu Schulzeiten oft gelobt hat, wie toll ich denn Deutsch sprechen würde, sogar ganz ohne Akzent! Bis vor kurzem konnte ich nur über meine Kindheitsgeschichte schmunzeln. Als mich vor kurzem jedoch ein italienischer Freund anrief und mir schilderte, dass er bei der Anmietung eines Autos in Berlin von einem deutschen Mitarbeiter zu hören bekam, dass sein italienischer Ausweis voller Viren sei und dass er doch bitte damit in Italien bleiben solle, war ich sprachlos. Als mir dann noch meine italienische Putzhilfe in Berlin erzählte, dass sie ihre Arbeit bei vielen ihrer Kunden aufgrund ihrer Nationalität verloren hat, überfällt mich ein gemischtes Gefühl der Besorgtheit und der Wut zugleich.

Wir Italiener sind untereinander stark vernetzt und alle, die ich kenne, haben viele Kontakte in ihrer Heimat, zu ihrer Familie und ihren Bekannten. Da die meisten der Generation meiner Eltern zur Risikogruppe der über 60-Jährigen gehören, sind sie bereits in großer Sorge um viele ihrer Freunde und Bekannte in Italien. Die meisten der Italiener, die hier leben, verfolgen die dramatische Entwicklung in ihrer ersten Heimat tagtäglich in den ausländischen Medien.

In Italien sterben im Moment etwa 600 Menschen pro Tag (Stand 20. März). In zwei Tagen wäre also die St. Ingberter Stadthalle voll mit Covid-19-Leichen. Die Zahl der Erkrankten, die Intensivbetreuung brauchen, steigt täglich noch exponentiell. Basierend auf den veröffentlichten Daten des „Corriere della Sera“, erklärt der italienische Epidemieforscher Lopolco, dass es sich bei fünf Prozent der Erkrankten, die Intensivbetreuung brauchen (Stand vom 11. März) um 424 Menschen unter 30 Jahren handele. Das Coronavirus trifft auch Kinder. Unter den Erkrankten, die eine Intensivbehandlung brauchten, befanden sich 43 Kinder unter neun Jahren und 85 unter 19 Jahre.

Trotz Ausgangssperre in ganz Italien steigen die Zahlen weiter, da Maßnahmen mindesten zwei Wochen brauchen, um Wirkung zu zeigen, so die Aussage mehrerer namhafter Virologen. Es gibt jetzt schon in vielen Gebieten in Italien keine ausreichende Intensivversorgung mehr. In der Lombardei, einer der reichsten Regionen Italiens, gibt es zurzeit keinen einzigen freien Intensivplatz. Die Krankenhäuser sind überfüllt.

Ich kenne leider persönlich auch einige dieser tragischen Schicksale. Ein Freund meines Vaters erlitt einen Herzinfarkt und konnte aufgrund der fehlenden medizinischen Versorgung nicht rechtzeitig behandelt werden und starb an den Folgen. So ging es auch dem Freund einer Bekannten aus Parma. Er hatte einen schweren Autounfall und hätte nach Einschätzung der Ärzte vor Ort bei normaler Auslastung der Krankenhäuser eine gute Überlebenschance gehabt, doch so hat der Verkehrsunfall für den 28-Jährigen zum Tod geführt.

Vor allem ältere Menschen sterben an Covid-19, aber die Kollateralfälle gehen durch alle Altersklassen. Es ist ein Schwiegervater oder ein Freund. Aber auch eine Tochter oder ein Kind. Die schweren Covid-19 Fälle sind isoliert untergebracht und ersticken letztendlich alleine in ihrem Bett. In den letzten Augenblicken ihres Lebens kann ihnen daher nicht einmal die vertraute und beruhigende Hand eines Familienangehörigen Trost spenden, da aufgrund von Corona Körperkontakt strengstens verboten ist. Vor allem die Familienmitglieder und Angehörigen dieser Menschen sind damit überfordert. Sie können nicht einmal ihren Vater, Großvater oder Freund ein letztes Mal in den Arm nehmen.

Die Zeitungen in Italien sind voller Todesanzeigen und die Stimmung ist alles andere als, dass man in dem Land „wo die Zitronen blühn“, so kennt. Die von den Deutschen so geliebte „dolce vita“ ist passé. Italien ist nun ein Land umzogen von dunkler Trauer und Angst. Genau das gleiche Szenario kündigt sich zeitversetzt nun im Elsass an. Die Krankenhäuser sind auch dort an ihre Belastungsgrenze gekommen und die Ärzte stehen vor dramatischen Entscheidungen, welches Leben sie retten sollen.

Jetzt bin ich bei meiner Familie im Bliesgau. Ich kümmere mich im Moment um meine Eltern. Beide sind schon seit mehreren Wochen zu Hause und haben schweren Herzens ihre Sozialkontakte eingeschränkt. Ich kaufe für sie ein, auch wenn das meiner Mutter besonders schwerfällt, denn das ist normalerweise ihr Ding. Trotz penibler Einkaufsliste bringe ich ihrer Meinung nach nicht die von ihr gewünschten Produkte nach Hause. Mein Hausfrauenkompetenz wird angezweifelt. Aber gut. Aufgrund der zeitversetzten Ereignisse in Italien, habe ich meinen Sohn bereits zwei Wochen früher aus der Kita genommen. Viele Eltern konnten das damals noch nicht nachvollziehen.

Als Deutsche oder als Italienerin habe ich mich nie gefühlt. Das sehe ich heute als Riesenvorteil. Das Europa, in dem ich aufgewachsen bin, wird auf die härteste Probe seit den römischen Verträgen gestellt. Wir sollten gemeinsam handeln und denken und es sollte doch bei dem Ganzen nicht in erster Linie um Wirtschaftlichkeit gehen. Aber wenn ich mit anderen Eltern hier aus der Kita spreche, können die meisten nicht von zu Hause arbeiten. Es scheint das wichtigste hier im Lande zu sein, dass die Wirtschaft weiterlaufen muss. Aber was ist mit den Menschen? Sollte nicht der Schutz der Menschen in einer Gesellschaft das höchste Gut sein? Unsere Eltern haben uns ihre Zeit und Lebensenergie geschenkt und sollten wir nicht nun auch im Gegenzug alles dafür tun, sie zu schützen und dafür unsere Gewohnheiten drastisch verändern. Sollten nicht die Unternehmen auch alles Mögliche tun, um ihre Arbeitnehmer zu schützen? Ein Mitarbeiter einer Bank im Saarland hat mir gesagt, dass bei einem positiven Corona-Fall in einer Filiale der Mitarbeiter zwar nach Hause geschickt worden sei, aber die Kollegen, mit denen der Mitarbeiter in den letzten zwei Wochen Kontakt hatte, im Kundenkontakt weiterarbeiten und sie sich nicht in Quarantäne befänden. Nach Aussage des Chefs können Mitarbeiter, die keine Symptome aufweisen zur Arbeit kommen.

Meine Tante ist Krankenschwester in Italien. 80 Prozent der Infektionen werden von asymptomischen Infizierten verursacht, so die Aussagen der italienischen Ärzte. Wenn diese Kollegen also keine Symptome haben, aber das Virus übertragen, ohne es zu wissen, wird sich die Zahl der Infizierten in kürzester Zeit stark erhöhen. Wir müssen also im Saarland auch davon ausgehen, dass die Dunkelziffer der infizierten Menschen viel höher ist als angenommen, da es auch ganz schwierig ist, überhaupt getestet zu werden.

Jetzt geht es um verantwortliches Handeln. Es geht um Menschenleben. Die Situation in Italien ist zeitlich weiter fortgeschritten. Wenn wir nicht verantwortlich handeln, könnten bald auch bei uns „italienische Verhältnisse“ herrschen. In vielen überfüllten Krankenhäuser in Italien geht es jetzt darum, dass man nur noch die Covid-19 Patienten annimmt, bei denen die Erfolgschancen am Größten sind, das heißt im Klartext: wenn es einen Intensivplatz gibt. Und die Ärzte müssen dann entscheiden, wen man versorgt, einen 55-Jährigen oder einen 75-Jährigen oder einen Asthmatiker oder einen Herzinfarktpatienten oder oder oder... Ich will nicht, dass es hier bei uns im Saarland dazukommt, daher mein eindringlicher Appell an jeden Einzelnen, an die Unternehmen und an diejenigen, die jetzt politische Entscheidungen treffen müssen: Handelt schnell und geeint, das ist sicherlich nicht einfach, aber nur so können Leben gerettet werden. Diese Entscheidungen sollten in erster Linie dem Wohl der Menschen in unserer Gemeinschaft dienen und nicht an der momentanen Wirtschaftlichkeit gemessen werden. Würden Eltern an Wirtschaftlichkeit denken, hätten sie bestimmt keine Kinder. Unsere Eltern haben sich für unser Leben eingesetzt – und das sollten wir jetzt auch für sie tun.

Aber die grundsätzliche Frage, die man sich in Deutschland stellen muss, geht an unserer gesellschaftlichen Grundwerte: Sind wir eine Gesellschaft, die sich auch für Alte, Kranke und Schwächere einsetzt und weiterhin gegen Rassismus und Diskriminierung Flagge zeigt, und schaffen wir es, dafür unsere persönlichen Freiheiten zeitweise einzuschränken? Ich glaube fest daran, wenn jeder Einzelne jetzt mithilft.

#Bleibdehemm

Teresina Moscatiello lebt als Autorin und Regisseurin in der Bundeshauptstadt und pendelt seit einiger Zeit zwischen Berlin und dem Bliesgau.