Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen geht mit Schulklassen in den Wald

GGSNK macht Unterricht im Wald : Wenn der Wald zum Klassenzimmer wird

Neunkircher Fünftklässler pflanzten Bäume. Die Schule setzt ein neues Konzept mit St. Ingberts ehemaligem Förster Bodo Marschall um.

Nasskalt ist es an diesem Mittag im Kasbruch-Wald. Der erste Schnee des nahenden Winters hat sich auf kleine Inseln zurückgezogen. Wässrige Hauben auf Minitannen und Moos. Ein Polter Holz liegt am Weg, Fichtenstämme, die in diesem Areal dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen sind. Trotz der unfreundlichen Witterung ist hier im Wald richtig was los. Eine fünfte Klasse der Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen (GGSNK) mit ihrem Klassenlehrer Timo Peter und Schulsozialarbeiterin Andrea Ohl kommt den Waldweg entlang. Sie werden empfangen von Revierförster Thomas Brill und Bodo Marschall, ebenfalls Förster aus dem nahen St. Ingbert, aber seit diesem Sommer im Ruhestand. Theoretisch zumindest. Marschall, mit waldpädagogischen Projekten seit Jahrzehnten unterwegs, stellt sich etwas erhöht, einen Setzling in der Hand. Und erklärt, wie die Fünftklässler gleich auf dem abgeholzten Areal für Zukunftswald sorgen werden.

Die GGSNK hat in diesem Herbst ein neues Projekt begonnen. „Wald trifft Schule“, nennt Marschall das. Die Fünferklassen gehen regelmäßig mit ihm in den Wald, erfahren Zusammenhänge, sammeln Eicheln, pflanzen Bäume, sehen, wie Stämme gefällt und zu Brettern werden. Unterricht zum Anfassen, Riechen, mit allen Sinnen erfahren. „Mit diesem Konzept bin ich schon viele Jahre im Kopf schwanger gegangen“, sagt Marschall. Seine Idee war es, der eher virtuellen Lernwelt der Schule die realen Erfahrungen zwischen Eichen und Buchen, Fichten und Ahorn hinzuzufügen. „Im praktischen Feldversuch vertiefen“, erläutert er und schiebt hinterher: „Ich bin der Meinung, Wald ist ein ganz fundamentaler Lernort.“ Alle globalen Themen ließen sich herunterbrechen und über die Zusammenhänge in der Lebensgemeinschaft Wald vermitteln. Insbesondere der heute so wichtige Begriff der Nachhaltigkeit.

Die Fünftklässler machen erst mal Radau. Klassenlehrer Peter findet deutliche Worte, und insbesondere die Jungs werden wieder etwas ruhiger. Marschall hebt den Mini-Baum hoch. Etwa ein Meter lang, ein fingerdickes Stämmchen mit einem Wurzelballen unten dran. „Hier soll nochmal Wald hin“, sagt der Förster und deutet hinter sich auf die kleine Lichtung mit niedrigen Tannen. „Was ist unsere Aufgabe?“ Einige Kinder melden sich, andere rufen schon mal was. Ein Junge mit Brille: „Wir pflanzen neue Bäume ein.“ Marschall nickt. Vier bis fünf Jahre sei der kleine Ahorn in seiner Hand schon alt, 150 bis 200 Jahre könne er werden, wenn alles gut geht. Und damit es gut geht, müssen die GGSNK-Schüler jetzt genau zuhören.

Es ist ein Projekt, das wachsen soll wie der Neunkircher Wald. Schulleiter Clemens Wilhelm berichtet, ihn habe die Sache schon lange beschäftigt. Und als Förster Marschall aus dem Saarforst-Landesbetrieb ausgeschieden sei, habe er wieder Kontakt zu ihm aufgenommen. „Ich bin ihm über ein Jahr hinterhergerannt, damit er zu uns kommt. Jetzt ist der Funke übergesprungen.“ Im September ging es los. Derzeit mit allen Fünferklassen der Schule. Das sind immerhin 150 Kinder, die maximal einmal in der Woche im Wald sind. Im kommenden Schuljahr, erläutert Wilhelm, will er drei der fünf neuen Klassen zu „Waldklassen“ machen, daneben wird es eine Theater- und eine Sportklasse geben. Bäume pflanzen, Eichen sammeln, mathematische Zusammenhänge mithilfe des Waldbodens und der Baumwipfel erklären - Schulleiter Wilhelm ist Feuer und Flamme.

„Die Wurzeln sind ganz empfindlich“, erklärt Marschall der Schulklasse, „ihr müsst beim Pflanzen aufpassen, dass ihr sie nicht verletzt“. Er erklärt, wie sie die Bäumchen gleich in die Erde bringen, erläutert, warum sie mit einer Wuchshülle ummantelt werden. Die wird die jungen Bäume nicht nur vor Rehen schützen, sondern durch das Kleinklima in der Hülle auch für schnelleren Wuchs sorgen. Klassenlehrer Peter fragt nochmal Details ab, ehe sich die 24 jungen Menschen in Dreiergruppen aufteilen. Eine Weile herrscht buntes Chaos, aber als sich die Gruppen gefunden haben und hinter dem Förster auf die Lichtung stapfen, weicht dies einer ruhigen Geschäftigkeit.

Das Projekt bringe seinen Zöglingen Wald und Natur näher, sagt Lehrer Peter. Wenn er höre, was die Kinder so erzählten von den Stunden draußen, erkenne er, dass viel mehr hängenbleibe, als auf den ersten Blick zu erwarten wäre. Über das, was sie im Wald tun, sollen seine Mädchen und Jungs auch Berichte schreiben. Aber das sei nur ein kleiner Teil dessen, was den Wald als Klassenzimmer ausmache. Manches sei auch nicht zu messen, etwa das Stärken der Klassengemeinschaft. Doch, er sei sehr angetan, sagt Timo Peter. Der Lehrer, die Schulsozialarbeiterin, Förster Brill und Bodo Marschall helfen den Kindern, Löcher zu graben, Bäumchen zu setzen, vorsichtig die Erde wieder zurückzuschaufeln. Arthur, 11, gibt den Spaten gerade weiter. „Draußen ist auf jeden Fall besser“, sagt er zum Unterricht im Wald, „da sehen wir mehr.“ Der gleichaltrige Jan pflichtet bei: „Man muss nicht so viel am Stift sein. Das ist viel besser als im Klassensaal.“ Samantha, Gian Luca und Leonie sind ein paar Meter weiter auch schon fast fertig mit ihrem ersten Bäumchen an diesem Mittag. Samantha ist bei den Pfadfindern und hat schon Bäume gepflanzt. Die Tage war sie an einem zugefrorenen Weiher. Da lagen Flaschen drauf. „Das finde ich nicht okay“, sagt sie resolut.

Schon um die 100 Bäume haben die Schüler im Kasbruch gepflanzt, sagt Bodo Marschall. Auf der abgeholzten Fläche sind sie bald fertig. Was dann kommt, weiß er noch nicht genau. Der Wald bietet ständig Neues, das Programm darf sich durchaus entwickeln.

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