Frühlingsbote mit Kultfaktor

Jedes Kind kennt die Geschichte vom Hasen, der zu Ostern die Eier und Geschenke bringt. Aber warum übernimmt diesen Job ausgerechnet das Langohr? Volkskundler Gunter Altenkirch bemüht zur Erklärung eine germanische Göttin.

Große und kleine Hasenfiguren, aus Holz, Stroh oder Keramik gefertigt. Die sind dieser Tage Trend. Ob als Dekoration in Schaufenstern oder auf den heimischen Fensterbänken, Tischen oder Regalen. In den Geschäften locken zudem schokoladige Versuchungen in Hasenform. Wie jedes Jahr. Ganz selbstverständlich? Aber warum gehört für uns der Hase so zwingend zu Ostern dazu? Woher kommt dieser Brauch? Wir haben uns auf Spurensuche begeben.

Im Neuen Testament spielt das Nagetier mit den Löffelohren keine Rolle. Aus der heiligen Schrift kann die Verbindung von Hase, Ostern und der Auferstehung Jesu also nicht kommen. Volkskundler Gunter Altenkirch , der in Rubenheim das Museum für dörfliche Alltagskultur betreibt, bringt die germanische Göttin Holda ins Spiel. Zu ihren Symbolen zählten der Hase und das Ei. Holda galt unter anderem als Frühlingsgöttin. "Ostern ist nicht nur das Fest der christlichen Auferstehung, sondern auch eine Auferstehung der Natur", sagt Altenkirch. Der Hase wird auch Meister Lampe genannt. Das ließe sich laut Altenkirch von dem althochdeutschen Namen Lamprecht ableiten. "Das ist ein Bote." Somit wird der Hase zum Frühlingsboten. Gleichzeitig gilt der Hoppler als Sinnbild für Fruchtbarkeit, da der Nager relativ früh und auch viele Junge zur Welt bringe.

Und wie passt das Ei dazu? Auch dieses gelte als Zeichen für Fruchtbarkeit und Gesundheit. So bringt also der Frühlingsbote zum Fest der Auferstehung ein Symbol der Fruchtbarkeit. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war Göttin Holda vor allem bei Frauen noch bekannt. "Seit 1400 wurde sie von der christlichen Kirche bekämpft, erfuhr aber seit dem Biedermeier eine kleine Renaissance und verschwand seit 1900 mehr und mehr", berichtet der Volkskundler . Bräuche und Erinnerungen an Holda lebten aber in der katholischen Gesellschaft als Attribute Marias fort bis in jüngste Zeit. Früher wie heute freuen sich besonders die Kinder aufs Osterfest. Größere Geschenke sind eine moderne Entwicklung. Früher stand tatsächlich das Ei im Mittelpunkt. Kinder bekamen von ihren Paten ein gelbes oder rotes Ei geschenkt. Die rote Farbe stand für die Wintersonne, die gelbe für die Sommersonne. Genau kann Altenkirch diesen Brauch zeitlich nicht einordnen. "Der Brauch ist sehr alt, er verschwand, besonders in der Arbeiterkultur, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts", so der Volkskundler .

Mit den gelben und roten Eiern entstand auch ein spaßiger Brauch: das Ostereiertucken. "Nach der Messe wurden die Eier gegeneinander geschlagen. So sollte die Wintersonne weggetuckt werden", erinnert sich der 73-jährige Altenkirch. In St. Ingbert war das Ostereiertucken noch nach dem Zweiten Weltkrieg Tradition.

Kaum wegzudenken in den Osternestern heutzutage sind Schokoladenhasen und -eier. Altenkirch hat mit vielen Zeitzeugen gesprochen. Sie erinnern sich erst seit den 1930er-Jahren an Hasen aus Schokolade . "Diese waren kaum so groß wie eine Zigarettenschachtel, meist war es Schaumzucker mit Schokoladenüberzug", berichtet Altenkirch. Was die Schokoladeneier betrifft, so gab es diese bereits vor dem Ersten Weltkrieg. "In den 1930er-Jahren bis in die 1950er-Jahre gossen Hausfrauen auf den Dörfern Schokolade in kleine ausgeblasene Hühnereier. Das habe ich als Kind noch einige Male selbst erlebt", erinnert sich Altenkirch. Der Vorteil: Damals sei noch richtig viel Schokolade in den Eiern gewesen. Heute sind viele hohl. "Seit den 1930er-Jahren setzten sich industriell hergestellte Schoko-Eier immer mehr durch", so Altenkirch. Dass Wohnung und Garten vor dem Osterfest mit niedlichen Hasenfiguren dekoriert werden, ist übrigens eine relativ moderne Tradition.