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Ex-OB Winfreied Brandenburg bewschreibt Erlebnisse im Kriegsjahr 1945

Die atemberaubende Geschichte des Ex-OB von St. Ingbert von 1945 : Vor Russen geflohen – von Russen gerettet

Der St. Ingberter Ex-Oberbürgermeister Winfried Brandenburg erinnert sich an die Flucht aus dem Osten vor 75 Jahren.

In Erinnerung an die Zeit der Flucht von Neustettin nach St. Ingbert vor 75 Jahren, hat uns der ehemalige Oberbürgermeister Winfried Brandenburg (80) einen Bericht geschickt. Unverändert drucken wir ihn ab. Nachfolgend das, was ihn bewegte und bis heute unvergessen ist.

„2. Januar 1945. Etwa minus 20 Grad Kälte. Ich war fünf Jahre und knapp vier Monate alt und das Großdeutsche Reich auf dem Rückzug. Die sowjetischen Einheiten hatten die Reichsgrenzen überschritten, und die vom Krieg bislang weitgehend verschonten Bewohner Hinterpommerns begriffen, dass der von Deutschland begonnene Krieg nicht in einem Sieg, sondern in einer Niederlage enden würde. Der Gauleiter der NSDAP hatte den Pommern verboten, ihre Heimat zu verlassen, und sich stattdessen den Russen entgegenzustellen.

Mein Vater Kurt Brandenburg, Jahrgang 1896, hatte in Erwartung des Vormarschs der sowjetischen Streitkräfte für einen Teil seiner Landmaschinenfabrik eine Verlagerung nach Stavenhagen in Mecklenburg genehmigt bekommen. „Nährstand ist Wehrstand“ war der Grundgedanke, um die Bevölkerung mit Kartoffeln zu versorgen. Dazu brauchte man Landmaschinen. Ein von drei Pferden gezogener Kastenwagen wurde mit Maschinenteilen zur Produktion von Kartoffelkulturmaschinen beladen. Aber zwischen den Maschinenteilen befanden sich auch Hedwig Brandenburg, die Mutter von Kurt Brandenburg, Jahrgang 1860, seine Ehefrau Hilde aus St. Ingbert, Jahrgang 1902, ich, sein Sohn Winfried, Jahrgang 1939, die aus Elbing im Dezember 1944 angekommene Schwester meines Vaters Lotte, Jahrgang 1901, und deren Tochter Gisela, Jahrgang 1937. Auch dabei: der für den Transport verantwortliche Kutscher zum Lenken der Pferde und seine Familie.

Start war in den frühen Morgenstunden. Der Weg sollte wohl über Tempelburg und Dramburg Richtung Stettin zur Oder-Überquerung Ziel Stavenhagen gehen. Doch soweit kam es nicht. Nach einigen Kilometern auf vereisten Straßen rutschten die Pferde aus, der Wagen geriet außer Kontrolle und stürzte einen Hang hinunter. Die Kisten mit den Maschinenteilen und die im Wagen befindlichen Menschen lagen quer durcheinander. An die nächsten Stunden habe ich nur wenige Erinnerungen.

Fest steht: In der Nähe der Unfallstelle waren Truppen des russischen Generals Wlassow postiert. Diese waren mit der deutschen Wehrmacht verbündet und quasi als deren Hilfstruppen eingesetzt. Über ihr Schicksal berichtet das lesenswerte Buch: „Die Tragödie der Russischen Befreiungsarmee 1944/45“ von Joachim Hoffmann. Es waren Russen und andere Sowjet-Soldaten, die mit Hilfe Hitlerdeutschlands gegen das stalinistische System in der Sowjetunion einen Regimewechsel herbeiführen wollten und dies später meist mit ihrem Leben bezahlten.

Diese Russen gruben uns zwischen den Kisten mit den Maschinenteilen aus und brachten uns zur nächsten Ansiedlung, wahrscheinlich Dramburg. Dort hatte mein Vater einen Landmaschinenhändler, der seine Maschinen vertrieb und natürlich mit ihm bekannt war. Die Familie des Händlers nahm uns auf, verständigte meinen Vater, der in Neustettin geblieben war und schlachtete eine Gans für uns. Dort konnten wir auch übernachten und am nächsten Tag kam Vater mit dem Pkw. Mit dem ging es weiter in Richtung Westen. An die Zugbrücke (sie wurde später durch eine Hochbrücke ersetzt) über die Oder in Stettin erinnerte ich mich, als ich diese im Jahr 1971 auf einer Fahrt nach Szczecinek, wie Neustettin jetzt heißt, diesmal in Richtung Osten überquerte.

Mein Vater musste mit dem Pkw zunächst nach Neustettin zurück und setzte uns in Pasewalk ab, wo wir in einem Barackenlager übernachteten. Da ich nur die Kleider hatte, die ich am Leib trug, musste ich, bis die Wäsche nach dem Waschen wieder getrocknet war, den ganzen Tag im Bett bleiben.

Dann ging es weiter nach Neubrandenburg, wo wir ebenfalls bei einem Kunden meines Vaters, einem Landmaschinenhändler, übernachteten. Von dort ging es weiter nach Stavenhagen, wo wir rund sechs Wochen blieben. Vater hatte dort ein Firmengelände für die verlagerte Produktion der Landmaschinen gekauft und für uns eine Wohnung gemietet. Da vorauszusehen war, dass auch nach Stavenhagen in absehbarer Zeit die Russen kommen würden, wurde beschlossen, meine Mutter und mich mit Hilfe eines Neustettiner Freundes meines Vaters auf einem Fahrzeug der Luftwaffe unterzubringen. Dieses sollte am 17. März 1945 von einem Ort bei Eberswalde, nördlich von Berlin nach Halle an der Saale starten.

Zunächst ging es also in Richtung Berlin. Wie ich in Erinnerung habe und es auch durch eine Postkarte meiner Mutter an meinen Vater vom 19.März 1945 dokumentiert ist, hatten wir kurz vor Berlin eine Fahrzeugpanne. Mehr als 2000 Flugzeuge hatten zum gleichen Zeitpunkt Berlin bombardiert. Die Fahrt durch das brennende Berlin werde ich nie vergessen: Brennende Häuser auf beiden Straßenseiten, das Bild einer auf dem Balkon eines brennenden Hauses um Hilfe rufenden Frau. Die Soldaten, mit denen wir fuhren, konnten angesichts des Feuermeeres nicht helfen, wir mussten weiter. Auf dem Weg nach Halle alliierter Fliegerangriff auf das Wehrmachtsfahrzeug, mit dem wir unterwegs waren. Raus in den Straßengraben, Bordwaffenbeschuss, dann drehte das Flugzeug wieder ab. Vielleicht hatte der Pilot gesehen, dass Frau und Kind sich rettenwollten und hatte Erbarmen.

Schließlich kamen wir in Halle in der Nacht vom 18. auf den 19. März 1945 an. Dort übernachteten wir. Weiter ging es mit dem Zug nach Mühlhausen. Die anschließende Fahrt Richtung Trusen setzte uns wieder Tieffliegerangriffen aus. Doch bevor Mutter und ich aus dem Zug geklettert waren, war der Angriff vorbei. An der Spitze des Zuges und am Ende waren jeweils ein Wagen mit Flak gehängt, die die Tiefflieger vertreiben sollten.

Nach einer Übernachtung in Eisenach trafen wir am 20. März in Trusen/Kreis Schmalkalden ein. Dort hatte meine Mutter eine weitläufige Verwandte mütterlicherseits aus der Pfalz, die uns in Empfang nahm. Über die Zeit in Trusen gibt es mehrere Briefe meiner Mutter an meinen Vater, der in Stavenhagen geblieben war. In den Briefen berichtet sie über Schwierigkeiten, Nahrungsmittel zu bekommen und über das langsame Heranrücken der Front. Ich erinnere mich noch an die Ankunft der Amerikaner. Ich lag damals mit einer Mittelohrentzündung und Fieber im Bett und wollte die mir von den Amerikanern geschenkten Drops nicht essen, weil ich Angst hatte, sie wollten mich vergiften.

Mein Vater kam dann etwa im Mai/Juni mit dem Fahrrad in Trusen an. Das Fahrrad hatte er am 24.4.45 in Uelzen bei Hannover vom dortigen Bürgermeister mit einer Bescheinigung erhalten, die den Wortlaut hatte: „Erhält hiermit die Erlaubnis, ein Fahrrad zu benutzen“, die englische Übersetzung für die Besatzungsmacht war beigefügt.

Mit der Bescheinigung der amerikanischen Militärregierung vom 19.6.1945 wurde meinem Vater, meiner Mutter und mir erlaubt, von Trusen in die saarländische Heimat meiner Mutter auszureisen. Meine Erinnerung an diese Reise beginnt an der Rheinbrücke bei Mainz/Kastell , wo die amerikanische Zone endete und die französische Zone begann. Ein amerikanischer Militärposten auf der Brücke reichte mir aus seinem Schilderhäuschen einen Becher Kakao, den ich in der Hitze gierig trank. Weiter ging es dann in Viehwaggons der Reichsbahn bis Homburg/Saar. Ab dort waren die Brücken gesprengt. Ein Kohlenauto nahm uns mit bis nach St. Ingbert, und am 25. Juni 1945 schlossen mich meine Großmutter Else Pfahler und meine Tante Else Thiery glücklich in die Arme. Endlich war ich in St. Ingbert angekommen.

 So kennen die St. Ingberter den heute 80-Jährigen: Ex-OB Winfried Brandenburg
So kennen die St. Ingberter den heute 80-Jährigen: Ex-OB Winfried Brandenburg Foto: Foto-Atelier 23/land ulrich
 Winfried Brandenburg als Kind mit seiner Mutter.
Winfried Brandenburg als Kind mit seiner Mutter. Foto: privat

Vier Jahrzehnte später durfte ich dieser Stadt für 20 Jahre als Oberbürgermeister dienen.