Erinnerungen an die gemeinsame Zeit

Die Zwillingsbrüder Hein und Oss Kröher waren über 50 Jahre gemeinsam in ganz Europa unterwegs. Nach dem Tod von Hein, im Februar, trat der 88-jährige Oss erstmalig alleine auf. In der Stadtbücherei las er aus seinem aktuellen Buch. „Fahrende Sänger“ handelt von der gemeinsamen Zeit der Brüder.

Wenn jemand bei einer Lesung den Satz "man muss auch über sich selbst lachen können" von sich gibt, zeugt dies von Souveränität und Reife. Man vermutet eine gestandene Persönlichkeit dahinter. Den Pirmasenser Liedermacher und Autor Oss Kröher kann man durchaus so umschreiben. Der 88-Jährige war am Mittwochabend auf Einladung des St. Ingberter Literaturforums (ILF) in der Stadtbücherei zu Gast und las aus seinem aktuellen Werk "Fahrende Sänger ". Es war das erste Mal, dass Oss (Oskar) Kröher nach dem Tod seines Zwillingsbruders öffentlich in der Mittelstadt auftrat. Fünf Jahrzehnte waren er und Hein (Heinrich) das Duo "Hein und Oss".

Sie standen für Arbeiter-, demokratische Volks- sowie Freiheitslieder. Auftritte in Europa und Nordamerika waren Alltag für die beiden Pirmasenser. Durch Heins Tod, am 14. Februar 2016, ist das Duo offiziell Vergangenheit. In den letzten Jahren konnte Hein krankheitsbedingt nicht mehr auftreten.

Bruder Oss las in der Bücherei Abschnitte aus dem aktuellen, 460 Seiten umfassenden, Werk vor. Es ist der dritte Band von Kröhers Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit dem Bruder. Manche würden sagen, es handele sich um Memoiren. Sich so in den Vordergrund zu stellen, ist weniger Oss Kröhers Ding. Es geht ihm immer noch um die Sache. Obgleich der ehemalige Lehrer und Handelsvertreter im Rampenlicht durchaus seine Rolle ausfüllen kann.

Ihm zuzuhören versetzt den Besucher in einen imaginären Film. Interessant, lebendig, klar und präzise klingt selbst Alltägliches, wenn der vitale Autor vorträgt. Kombiniert mit der Eleganz eines Kavaliers alter Schule gerät beispielsweise auch der Bericht über die Kajak-Reise auf der Donau zur spannenden Handlung. Er beschreibt das Erlebnis auf dem Wasser mit zwei Schwänen, die auch die Titelseite des Buches zieren. Es geht auch humorvoll im Kröherschen Werk zu. Etwa bei der Reise in die frühere DDR, wo die Brüder bei der Aufzeichnung einer Rundfunk-Sendung mitwirkten. Beim Abendessen steht Oss auf, wendet sich an die Anwesenden im Café Warschau und philosophiert über das Pilsener und den damaligen Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht . Oss Kröher platziert Bierschaum an seinem Kinn und macht sich damit über den Spitzbart des SED-Funktionärs lustig. Es wird mucksmäuschenstill im Lokal. Die ganze Gesellschaft erstarrt. Doch dann: Brüllendes Gelächter. Ulbricht war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr geachtet.

In einer anderen Situation blieben Hein und Oss Kröher beinahe die Herzen stehen. Am St. Germanshof, an der deutsch-französischen Grenze nach Wissembourg, droht Heins Porsche von französischen Zöllnern gefilzt zu werden. Das Heikle: Im Kofferraum befinden sich 100 unverzollte Langspielplatten. Doch im letzten Moment verblüffte Oss die Grenzbeamten, indem er zur Gitarre - sie lag über den Kartons - greift und einen französischen Schlager zum Besten gab. Musikalische Kostproben gab es auch bei der Lesung.