Elf Tafeln erinnern an Verfolgte

Elf weitere Stolpersteine hat der Kölner Bildhauer Gunter Demnig gestern in St. Ingbert verlegt. Unter anderem findet sich jetzt auch eine Erinnerungstafel zu Johannes Hoffmann, erster Ministerpräsident des Saarlandes, in der Ensheimer Straße.

Unbeeindruckt von der Menschentraube um ihn herum macht Gunter Demnig ruhig und präzise seinen Job. Im schon ausgehobenen Pflaster noch ein bisschen Platz rausmeißeln an den Rändern, die quadratischen Steine probeweise in die Öffnung hineinhalten, mit gezielten Schlägen auf der Rückseite das harte Material so anschlagen, dass es passt. Dann kommt trockener Mörtel in das Loch, mit dem Gummihammer bearbeitet er die Steine, bis sie bündig mit der Plattenhöhe des Fußgängerweges abschließen. Wasser auf den Klebemörtel, Fugen füllen, dann die Oberfläche der Messing-Täfelchen säubern. Um Demnig herum ist es dabei größtenteils ruhig. Diejenigen seiner Zuschauer, die sich unterhalten, machen dies mit gedämpfter Stimme.

Start in Rickertstraße

Elf Stolpersteine hat der Kölner Bildhauer Demnig gestern in St. Ingbert verlegt. Steine, die das Gedenken wach halten sollen an die Menschen, die während der Nazi-Diktatur in Deutschland verfolgt worden waren. Mit dabei an diesem frühlingswarmen Morgen Mitarbeiter der Stadt, Kommunalpolitiker, interessierte Bürger.

Als es um neun Uhr in der Rickertstraße losgeht, wird es dort so eng, dass Passanten kaum durchkommen. Ein paar irritierte Blicke, während die städtische Abteilungsleiterin Marika Flierl einige Worte sagt zu den beiden Stolpersteinen, deren goldene Oberfläche mit den Namen von Otto und Lucy Karoline Beer jetzt in der Sonne funkelt. Sie spricht von der großen Resonanz, die die Aktion gefunden habe. Und sie erklärt, dass an diesem Vormittag elf Erinnerungstafeln in das Pflaster von St. Ingberter Straßen kommen. Von der Rickert- geht es in die Kaiserstraße, in die Fußgängerzone. Als Demnig vor dem Modegeschäft Stegner vier Steine verlegt, tritt ein älterer Mann vor. Das Datum sei ja hervorragend ausgewählt, sagt er abschätzig. Hitlers Geburtstag. "Ja und? Meine Mutter hat auch am 20. April Geburtstag", erwidert der Bildhauer nüchtern.

Sein Projekt hat nicht nur Freunde. Kritische Stimmen wie etwa die der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland , Charlotte Knobloch , sprechen davon, auf den Namen der Verfolgten trampelten die Fußgänger mit Füßen herum. Demnig wiederum hat dies als Verharmlosung der Nazi-Verbrechen bezeichnet, da die Täter nicht nur auf Menschen herumgetrampelt seien, sondern gemordet hätten. Die Stolpersteine werden über private Spenden finanziert. Sie kommen dort ins Trottoir, wo Verfolgte einmal gelebt haben. Demnig war schon im vergangenen Sommer in St. Ingbert . Die Idee der Stolpersteine bringt ihn überall in Deutschland, aber auch in vielen Ländern Europas auf die Straßen. Seit 20 Jahren läuft das Projekt. Von 52 000 Steinen spricht er, alle in Handarbeit gefertigt. Die Geschichte sei zu seinem Lebenswerk geworden. Ein Team von neun Leuten beschäftigt sich damit. Wenn er vor Ort Steine verlege, seien auch immer wieder Angehörige dabei. Bei denen komme Trauer hoch, durch das gemeinsame Erinnern bleibe aber Freude übrig. Demnig: "Für mich ist das eine Erfüllung und eine schöne Arbeit."

Stolperstein für "Joho"

In der Ensheimer Straße fügt Demnig einen Stolperstein für Johannes Hoffmann ein. Der einstige saarländische Ministerpräsident lebte ein Jahr lang in St. Ingbert . Mit dabei sind dort Hoffmanns Tochter Regina Welsch und ihre Nichte Brigitte Steinle. Welsch, 87 Jahre alt, greift der Termin sichtbar an. "Meine Mutter ist in der Nacht von hier mit uns geflüchtet", erzählt sie mit feuchten Augen. Und sie findet es gut, dass man ihrem Vater in dieser Form gedenkt. Zu Hoffmann spricht auch dessen Biograph Professor Heinrich Küppers. Die Kritik an "Joho", wie der Politiker und Journalist gerne genannt wurde, sei verfehlt: "Er war ganz bestimmt kein Vaterlandsverräter und ich freue mich über diesen Stolperstein." Hoffmann floh vor den Nazis 1935. Stadtarchivar Dieter Wirth hat für das kommende Jahr weitere Stolpersteine im Blick. Geld steht schon bereit, aber oft fehlen genaue Daten zu den Menschen, an die erinnert werden soll. Weitere Spenden nimmt das Rathaus entgegen.

Zum Thema:

Auf einen Blick Elf Stolpersteine hat der Kölner Künstler und Bildhauer Gunter Demnig gestern in St. Ingbert verlegt. Sie erinnern an Otto Beer, Lucy Karoline Beer, Jakob Stern, Helene Stern, Edgar Friedberg , Erna Wolfermann, Artur Wolfermann, Edith Hedwig Wolfermann, Johannes Hoffmann, Eva Heimann und Erich Ochs. mbe