Hurra! Das Papier ist wieder da. : Ein „ganz normaler“ Einkauf

Was derzeit im Supermarkt erlebt werden kann, wirkt wie Szenen aus einem Film: Leere Regale und ein Gefühl, als sei man unsichtbar.

Die guten Nachrichten zuerst: Der Frühjahrsputz ist nicht gefährdet. Alles ist noch zu haben, auch das flüssige Mittelchen, das die Gardinen aufhellt. Und, oh riesengroßes Wunder, zu Anfang der Woche: Es ist wieder da, das Toilettenpapier. Jedenfalls am Morgen, kurz nach 8 Uhr. Ein paar Leute, ganz schön flott unterwegs, haben bereits die Kasse passiert. Auch in ihren Einkaufswagen sieht man nicht ein einziges Röllchen. Der Markt ist diesbezüglich wohl vorerst gesättigt, so scheint’s jedenfalls. Maggi ist auch noch da, in großen wie in kleinen Flaschen, wenigstens da scheint die Welt des ein oder anderen Saarländers noch sehr in Ordnung.

Einkauf in einem großen Geschäft in St. Ingbert. Für eine Freundin, die ein gutes Stück älter ist, damit zur Risikogruppe zählt und deren Familie weit weg entfernt ist im Osten der Republik. Ostern fällt diesmal aus, jeder bleibt, wo er ist aus den bekannten Gründen. Befremdlich die auf unterkühlt gedimmte Atmosphäre zwischen fröhlichen Schokolade-Hasen und Schinkenwürfeln, wenngleich die Verkäuferinnen eine gute Portion Freundlichkeit versprühen. Schließlich hat vor langen Gesichtern auch noch keine Krise gekuscht.

Da hinten steht ein junger Mann mit schwarzem Mundschutz und prüft die Ware: Erst erschrickt man ein bisschen, weil es nach bevorstehendem Raubdelikt riecht. Doch eigentlich hat der Kunde recht und geht jedem Risiko vollkommen aus dem Weg.

Alle, wirklich alle Kunden, die wir bei unserem Aufenthalt im Laden antreffen, umschiffen sich gegenseitig im großen Abstand. Ganz plötzlich beschleicht einen das Gefühl, man sei unsichtbar: Kaum jemand blickt einem in die Augen. Das ist ungewohnt, aber verständlich. Augenkontakt zog in Vor-Erreger-Zeiten gelegentlich ein Gespräch nach sich, doch darauf ist heutzutage niemand mehr erpicht.

Mehl soll ich mitbringen, hat mir die Freundin aufgetragen, schon zwei Mal habe sie in den letzten Tagen keines bekommen. Aber auch in diesem Regal werden wir fündig, es ist alles noch da. Nur die Nudeln, die haben sich leider schon verdünnisiert. Zwei Meter Abstand zum nächsten Kunden, das kann auch der Kriminalstatistik zugute kommen: Die Taschendiebstähle gehen unter solchen Umständen gegen Null.

Ach, und was haben wir denn da, in Zeiten der Furcht und der vielen Sorgen? Jede Menge Spirituosen: „Kleiner Feigling“ und „Kleine Früchtchen“ mit dem Zusatz „Wilder Willi“. Das steht aber nicht auf dem Einkaufszettel, sondern Einweghandschuhe. Dreimal nachgeschaut, doch die sind weg. Und morgen sind sie vielleicht wieder da? Ohne solche Handschuhe arbeitet hier niemand im Laden. Man selbst hätte sie auch besser angezogen, denn es ist gerade kein gutes Gefühl, den Einkaufswagen mit bloßen Händen anzufassen.

Wieder im Pkw kommt etwas Schönes aus dem Lautsprecher des Radios: „I can see clearly now the rain has gone“. Tolle Musik, ein ehemals ganz großer Hit. „.Ich kann jetzt klar sehen, der Regen ist weg.“ So fängt er an, der Song. Und am Ende die Zeilen, die man am liebsten festhalten möchte: „Vorbei sind die dunklen Wolken, die mich niedergeschlagen haben. Es wird ein strahlend heller Tag mit strahlender Sonne.“
Und dann die Fahrt zurück, die an einer Tankstelle vorbeiführt. Erfreulich niedrig bleibt der Benzinpreis. Und die Sonne lacht vom beeindruckend blauen Himmel herab. Es folgt die weithin ungewohnte und noch ungeübte Warenübergabe bei der Freundin. Sie huscht ins Bad, man selbst in die Küche, um die beiden Tüten abzustellen. Abstand halten, es ist so wichtig. Geschwind noch die Hände mit Seife waschen und dann ein nicht eben fröhliches Adieu.

Wird man sich in Nach-Erreger-Zeiten eigentlich noch ein freundschaftliches Küsschen geben? Oder noch die Hand? Fragen über Fragen, die manchmal das Denken überfordern. Und vorerst keine Antworten finden.