Kolumne: Eine stumme Puppe beobachtet uns

Kolumne : Eine stumme Puppe beobachtet uns

Blumen und Kunst, Marketing oder Gesellschaftskritik? Die Puppe hinter dem Fenster eines Ladens in der St. Ingberter Fußgängerzone wirft Fragen auf, animiert zu Gedankenspielen. Bis man die Antwort auf seine Fragen kennt.

Puh! Durchatmen. Denn im ersten Moment ist mir der Schreck wirklich durch die Glieder gefahren, als ich sie bemerkt habe. Stumm. Regungslos. Den Blick starr auf mich gerichtet. Wer sitzt da über dem Geschäft „Kunst und Blumen Steines“ oben am Fenster hinter den Gardinen und beobachtet uns? Gruselig. Nur muss man schon sehr genau hinsehen, um den Kopf einer Schaufensterpuppe zu erkennen, den Blick auf die Fußgängerzone gerichtet. Der Kopf einer Puppe über einem Laden für Kunst und Blumen? Eine Marketingmaßnahme? Um uns zu animieren oder ermahnen, unseren Liebsten doch mal wieder Blumen zu schenken? Nein, denke ich: Wo Kunst drauf steht, darf man doch zu allererst auch Kunst vermuten. Natürlich. Und das bedeutet, es ist alles eine Frage der Interpretation. In der Kunst ist schließlich alles erlaubt.

Irgendwie gefällt der Gedanke auch ganz gut, dass es ein kunstvoll gestaltetes Stück Gesellschaftskritik ist – durch die Blume mitgeteilt. Als mahnende Erinnerung an die Überwachung im öffentlichen Raum, an allgegenwärtige Kameras oder die fast schon in Vergessenheit geratene Datenvorratsspeicherung: Schaufensterpuppe is watching you.

Links unten im Fenster von Blumen Steines in der Fußgängerzone ist die Schaufensterpuppe zu entdecken. Foto: Teresa Bauer

Was aber erfahren wir immer wieder? Die Lösung ist oft viel einfacher: „Mein Sohn ist Friseur“, sagt Inhaber Christoph Steines. „Das war seine Übungspuppe. Jetzt braucht er sie nicht mehr und ich fand es einfach „glor“, sie ins Fenster zu stellen.“ Desillusioniert, aber lächelnd, kehre ich zurück in die Redaktion. Keine Kunst also - jedenfalls nicht bewusst. Keine Gesellschaftskritik. Einfach nur aus Spaß steht die Puppe hinter dem Fenster. Wenigstens weiß ich jetzt, dass sie - eben noch beim Friseur - beinahe menschliche Züge hat. Völlig unnötig, mich zu erschrecken.