Ein Sündenbock ist schon gefunden

Mehr Emotionen als die Müllentsorgung weckt kein anderes kommunalpolitisches Thema. Dieser Satz stand vor gut fünf Jahren an dieser Stelle. Damals wurde in St. Ingbert das Verwiegen des Mülls eingeführt.

Die Umstellung im Rahmen des Entsorgungsverbandes Saar (EVS) war begleitet von wochenlangen Infos und Diskussionen zu nahezu jedem Detail, ja sogar Bürgerversammlungen wurden eigens einberufen. Jetzt steht mit Jahresbeginn in der Mittelstadt mit dem EVS-Austritt wieder ein Einschnitt in Sachen Müll an. Doch der wurde vergleichsweise geräuschlos beschlossen und verkündet. Statt der Stammtische debattierte bisher fast ausschließlich der Stadtrat über das neue Abfall-Konzept. Doch das könnte sich schnell ändern.

Spätestens, wenn die St. Ingberter Haushalte demnächst den ersten Vorausleistungsbescheid vom Abfall-Bewirtschaftungs-Betrieb (ABBS) erhalten, werden die privaten Abfall-Kosten am Küchentisch ein Thema sein. Denn dann beginnt das Nachrechnen und Vergleichen bei den Müllgebühren. Und da wird der als Preistreiber verdächtigte EVS zunächst einmal besser dastehen als der kostenbewusste ABBS, der nun die Biotonnen wieder wiegen lässt. Und wenn die Bürger dann fragen, wer ihnen die neuen Gebühren eingebrockt hat, ist absehbar, dass sie nicht lange nach einem Sündenbock suchen müssen. Mit dem Beigeordneten Adam Schmitt ist er schon gefunden. Der Grüne hat stets am vehementesten den Austritt aus der Abfallentsorgung des EVS gefordert und diesen wohl auch in der Mehrheitskoalition im Stadtrat durchgesetzt. Doch Schmitts Argumente für den Austritt bemühten mehr eine langfristige abfallökologische Gesamtschau als den kurzfristigen Blick in den Geldbeutel derer, die ihre Mülltonnen vierzehntäglich an die Straße stellen. Die den Bürgern versprochenen "finanziellen Vorteile" werden sich frühestens ab 2017 einstellen. Das wird vielen wohl zu lange dauern. Aktuell gilt: Der EVS erscheint urplötzlich in einem günstigen Licht, und St. Ingberts Abfall-Experten haben Erklärungsbedarf.