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Ein Streifzug durch das Leben der Mundartpäpstin

Ein Streifzug durch das Leben der Mundartpäpstin

„Erlebtes und Erdichtetes aus neun Jahrzehnten ihres Lebens“ gab Edith Braun bei einer Lesung in der St. Ingberter Stadtbücherei preis. Zahlreiche Anekdoten aus ihren Schubladen kamen dabei zutage. 2017 soll ihr nächstes Buch erscheinen.

. Wenn eine Lesung der saarländischen "Mundartpäpstin" stattfindet, dann ist dies meist ein Garant für ein volles Haus. Auch am Mittwochabend, als in der St. Ingberter Stadtbücherei Edith Braun auf Einladung des St. Ingberter Literaturforums (ILF) zu Gast war und aus ihrem neuesten Werk "In Alters Frische" vorlas, war dies nicht anders.

Das vor einem Jahr erschienene Werk der 94-Jährigen ist eine Zusammenfassung ihrer Geschichte. So lautet auch der Untertitel "Erlebtes und Erdichtetes aus neun Jahrzehnten meines Lebens". Dieses Mal in Hochdeutsch, wenn Braun aber doch ein Kapitel in Mundart beigesteuert hat. "Wer über 90 ist, kann sich nicht mehr an alles erinnern", meinte sie in der Bücherei. Das klang fast ein wenig entschuldigend. Wenn man sich aber alleine die wenigen Auszüge, die Edith Braun an diesem Abend vortrug, betrachtete, kann die Autorin sich an enorm viel erinnern.

Gedichte und Prosa, gleichsam Mosaike ihres Lebens, hat sie im Buch verewigt. Unveröffentlichte Texte und Fotos sowie das ein oder andere "Beweisstück", welches den Text belegt, und natürlich auch das ein oder andere bereits Bekannte in überarbeiteter Form. Sie habe etliches in ihren Schubladen gefunden, was in das Werk hineingehörte, meinte sie mit dem für sie bekannten dezenten Lächeln. Das Werk sei einfach ein Streifzug durch ihr Leben. Eine Vita, die in der Parallelstraße von Saarbrücken-Malstatt begann. Im Schatten des Rußes der Burbacher Hütte konfiszierte etwa die Polizei auch mal Klein-Ediths Ball.

Ab 1936 lebte Edith Brauns Familie in Hassel. Der Vater war mit dem St. Ingberter Karl Uhl befreundet. Erst Jahre später habe sie erfahren, dass es sich dabei um den bekannten Mundartdichter handelte. Erfahren konnten die Besucher der Lesung auch, dass ihr Onkel als Musiker und Komponist ins Weiße Haus einzog. Georg Drumm , ehemals Straßenmusiker aus Erdesbach bei Kusel, komponierte 1917 "Hail America". Das Stück wird seit den 50er Jahren etwa bei offiziellen Anlässen und den Amtseinführungen des neuen amerikanischen Präsidenten gespielt.

Es wurde aber auch richtig ernst an diesem Mittwochabend. Etwa als Edith Braun von ihrem Fluchtversuch 1945 aus dem russischen Sektor vorlas. Ein Soldat bedrohte sie mit der Waffe und sie versuchte, ihn mit ihrem überschaubaren Russisch ins Gespräch zu verwickeln. "Ich freue mich, dass sie wieder lachen können", meinte sie später zu den Besuchern, als diese auf die lustig beschriebenen Hausmittelchen reagierten. Ob der Hering im Wollstrumpf wirklich gegen Halsschmerzen hilft, muss man erst einmal ausprobieren. Dem ehemaligen Rastplatz "Silbersandquelle" auf der A 6 widmete sie ein Gedicht.

Edith Braun kann einen schon faszinieren: Seit einem Jahr lernt sie Spanisch. 2017 erscheint ihr nächstes Buch, in dem sie aus ihrem "dritten Leben" berichten wird. Dabei soll es um ihre Erlebnisse in Moskau von 1970 gehen. Vielleicht ist das ja auch das Rezept für das reife Alter: Einfach weitermachen und sich nicht zur Ruhe setzen, wenn andere sich schon seit Jahrzehnten ausruhen.