Ein Abend zur lothringischen Mundart

Irgendwie verständlich, aber doch ungewohnt klingt der lothringische Dialekt für die Saarländer. Dennoch kamen viele Besucher in die St. Ingberter Stadtbibliothek, um sich mit der lothringischen Mundartdichtung zu befassen.

Ungewohnte Klänge waren am Mittwochabend in der Stadtbibliothek zu hören. Die Lesung des St. Ingberter Literaturforums (ILF) und von Melusine - Literarische Gesellschaft Saar-Lor-Lux-Elsass stand dieses Mal unter dem Motto "Von Bitche nach Thionville". Das ist gleichzeitig der Titel des von Hervé Atamaniuk und Günter Scholdt herausgegebenen Buchs, welches sich mit lothringischer Mundartdichtung der Gegenwart beschäftigt. Obwohl der Dialekt des Nachbarlandes für die meisten Ohren der Mittelstadt ungewohnt sein dürfte, scheint dieses Genre auch hier seine Anhänger zu haben. Die Veranstaltung war recht gut besucht.

Das im St. Ingberter Röhrig Universitätsverlag erschienene Werk ist der 14. Band in der Reihe "Sammlung Bücherturm". Wer zu Beginn dachte, es handele sich um eine ganz konventionelle Lesung, befand sich - im positiven Sinne - schnell auf dem Holzweg. Es handele sich vielmehr "um eine multimediale Performance", wie Mitherausgeber Prof. Günter Scholdt in seiner Einführung meinte. Auch, wenn Scholdt Anglizismen hasst, traf diese Beschreibung auf die von Volker Schütz zusammengestellte Präsentation durchaus den Nerv der Literaturfans. Das zeigte sich an den vielen Lachern und der hohen Aufmerksamkeit.

Man kennt "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry . Das Ganze auf Lothringer Platt mit einem nicht unerheblichen Spielraum für Interpretationen aus Kindersicht, das hatte was. Marianne Haas-Heckel hat aus dem Klassiker nämlich "De klääne Prinz" gemacht. Lucien Schmitthäuslers Version von Goethes Erlkönig gab es als "De Erlekinich" genauso erstmals von CD zu Gehör wie "Die Gehingte" nach Vilon. Auch die vorgespielte Musik von "Zottel Kèniche" mit "S'arme Dorfschulmeisterlein" hatte dadurch ihre besondere Note. Das dieser Teil des Abends aus der Konserve war, tat den Worten keinen Abbruch. So lauschte man noch genauer. Immer lustig, aber meist mit einem gewissen Tiefgang, gab Jean-Louis Kieffer seine Erzählungen und Gedichte zum Besten.

Meist handeln sie von Kindheitserinnerungen. Dabei geht es oft um den Zwang, in der Schule Französisch reden zu müssen. Ein aus Südfrankreich stammender Lehrer erteilte Strafen, wenn man Lothringer Platt in der Schule sprach. Celine Sänger, Alphonse Walter und Michélle Huwer vom "Lothringer Theater" aus Meisenthal hatten da ganz andere Sorgen: Sie mussten mit dem eingebildeten Kranken (Molière ) klarkommen. Das Stück hieß an diesem Abend zwar "D'Inbildungskranke" und war natürlich auf Lothringer Platt. Es trieb aber auch denjenigen, die es anders kennen, die Tränen in die Augen. Es sei "eine starke Anthologie über 135 Kilometer", meinte ILF-Chef Jürgen Bost.

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