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Die schwierige Kindheit einer betagten Frau aus Hassel

Eine Seniorin aus Hassel erinnert sich : „Die Menschen sollen zusammenhalten“

Eine betagte Hasselerin, selbst von einer Corona-Infektion betroffen, erinnert sich in Corona-Zeiten an ihre eigene, nicht leichte Kindheit.

Reinhild F. (Name von der Redaktion geändert) hat sich bei uns gemeldet. Sie versteht nicht, dass sich alle Welt über Schulschließungen, Corona-Einschränkungen und andere Unannehmlichkeiten des Lockdown aufregt. Die 81-Jährige hat den Krieg und die Nachkriegsjahre erlebt und - wie viele andere Menschen – dabei viel Leid durchgemacht. Evakuierungen und Tote waren an der Tagesordnung. Damals war der Schulausfall noch das geringste Problem. Die Frau aus Hassel will diese schlimme Zeit in Erinnerung rufen, ehe alles vergessen wird.

„Ich kam 1939 auf die Welt. Meine Familie wohnte damals in der Beethovenstraße in St. Ingbert in einer Erdgeschoss-Wohnung“, berichtet Reinhild F. Sie weiß noch gut, wie es war, als Fliegeralarm war. Damals kamen die Kriegsflugzeuge meist nachts aus Paris. „Das war früher alles sehr schlimm. Die Häuser waren verriegelt“, sagt Reinhild F. und bringt die Zeit im Luftschutzbunker in Erinnerung. Als dreijähriges Kind sei sie aus dem Bett gestürmt, wenn die Sirene ertönte. „Dann haben meine Mutter und ich den roten Koffer geschnappt und sind in den Bunker. Ich hatte nur meine Puppe und den Teddy. Meine Mutter nur eine Taschenlampe“, so die Seniorin. Einmal stolperte die Mutter. Der Koffer sprang auf und die Unterwäsche verteilte sich auf der Straße. Die Tochter räumte dann wieder alles ein. Deshalb kamen sie zu spät zum Bunker. Dessen Tür war bereits verschlossen. „Die französischen Flieger mit ihren bunten Lichtern vergesse ich nie mehr“, weiß die Frau sich angstvoll zu erinnern. Ein solcher Luftangriff habe dann meist über eine Stunde gedauert.

Sie weiß, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Reinhild F. und ihre Mutter wurden nach Ansbach in Mittelfranken evakuiert und waren bei einem Schmiedemeister untergebracht. Man sei bei den Menschen dort nicht beliebt gewesen, weiß sie noch gut. Auch damals herrschte zeitweise eine Ausgangssperre. „Ich hatte erstmals einen dunkelhäutigen Menschen gesehen und war über den amerikanischen Soldaten total erschrocken. Da war ich fünf“, fällt ihr ein. Ein anderes Mal waren alle Kühe auf der Weide schwarz, da eine Brandbombe die Tiere voller Ruß hüllte. Die Amis seien nicht gut auf die Deutschen zu sprechen gewesen. Einmal wurden ihnen die gesamten Lebensmittel abgenommen und auf den Mist geworfen. An einem anderen Tag erschoss ein Flugzeug im Tiefflug deutsche Bauern, weil die Besatzung nur die Uniformen gesehen und sie für aktive deutsche Soldaten gehalten hatte. „Wir hissten die weiße Fahne und ergaben uns“, lautete die Konsequenz. Sie sei geschockt gewesen von diesem Angriff und wollte nicht mehr aus dem Luftschutzbunker heraus.

Ihr Vater war derweil in Oslo eingesetzt und hatte Temperaturen bis zu minus 45 Grad auszuhalten. Später war er als Offizier in der von den deutschen Truppen besetzten Bretagne. Drei Rohrbacher hatten ihre Mutter mit nach Paris genommen, damit sie den Mann besuchen konnte. Von der französischen Hauptstadt aus sollte es weiter nach Brest gehen. Doch das Ganze verschob sich, da die Saarländer morgens nicht zur vereinbarten Abfahrt kamen. „Sie hatten zuviel gefeiert und waren sturzbesoffen“, hatte Reinhild F.‘s Mutter ihr damals berichtet. Autobahnen gab es damals noch nicht. Gefahr drohte auch, weil die Deutschen die Schiffe der Amerikaner angriffen. Sie habe ihren Vater im Krieg verloren. Er wurde von den Amerikanern erschossen. Ihr Onkel war derweil in sibirischer Gefangenschaft und zählte zu den Soldaten, die der spätere erste Bundeskanzler Konrad Adenauer bei Stalin freikaufte. „Damals durfte man keine Briefe nach Hause schreiben. Nur Karten übers Rote Kreuz“, weiß sie noch. Die ihres Onkels, die 1949 kam, hat sie heute noch. Ein anderer Onkel kam 1937 beim Ausheben eines Schützengrabens nahe des Friedhofs ums Leben. Die Streben, die nicht richtig verankert waren, fielen um und verletzten ihn. Er war verlobt und die Hochzeit stand bevor. Der Braut wurde telegrafiert, dass sie kommen solle. Damals gab es keine Leichenhallen, weshalb der Sarg zu Hause aufgebahrt wurde. Die Witwe kam im roten Kleid und brach zusammen. Seither ist diese Farbe in der Familie „ein rotes Tuch“.

1946 wurde Reinhild F. eingeschult. Die meisten in der Klasse waren drei bis vier Jahre älter als sie. „Das lag an der Evakuierung, weshalb die älteren Kinder erst verspätet eingeschult wurden“, ruft die Frau in Erinnerung. „Nach dem Krieg waren viele Lehrer noch in Gefangenschaft. Unsere Lehrerin war erst 19 Jahre alt“, berichtet die Hasselerin. Sie besuchte damals die Wiesentalschule. 80 Prozent der Schüler waren katholisch. Der Rest gehörte der evangelischen Konfession an. In der Pfarrgasse habe es damals sogar zwei von Ordensschwestern geleitete Schulen gegeben. „Es gab keine Mittel- oder Realschule. Dafür eine staatliche Handelsschule, für die sich 350 Schüler beworben haben“, fällt der Zeitzeugin ein. „Ich traute mich nicht hin und hatte kein großes Selbstbewusstsein“, kommt ihr die Erinnerung. Ihre Freundin hatte sie dann überredet. Das Ergebnis: Sie wurde als eine von 57 Schülern aufgenommen.

Und was empfiehlt die Zeitzeugin den Menschen heute? „Sie sollen zusammenhalten. Und statt Raketen zum Jahreswechsel lieber für die Obdachlosen spenden“, sagt die Frau, die ihren gleichalten Mann 1963 heiratete und zwei Kinder hat, ganz im Brustton der Überzeugung. Gefasst war die Seniorin auch als sie und ihr dementer Mann positiv auf Covid-19 getestet wurden. Den Hausarrest konnte sie gut verkraften, denn sie hat Schlimmeres erlebt. Inzwischen sind beide wieder gesund, und die Quarantäne wurde wieder aufgehoben.