Die Sache mit der Pünktlichkeit

Ormesheim. Dunkles Brot, Müsli und Sauerkraut: geht gar nicht. Die Aussage stammt nicht von einem Kind, das nicht essen will. Nein, es sind die Lebensmittel, die Wilian Di Domenico (16) aus Chapeco in Brasilien nicht verträgt. Sein Nachname klingt auch gar nicht brasilianisch. Dabei hat die Mutter des Brasilianers deutsche Vorfahren. Der Großvater väterlicherseits stammt aus Italien

Ormesheim. Dunkles Brot, Müsli und Sauerkraut: geht gar nicht. Die Aussage stammt nicht von einem Kind, das nicht essen will. Nein, es sind die Lebensmittel, die Wilian Di Domenico (16) aus Chapeco in Brasilien nicht verträgt. Sein Nachname klingt auch gar nicht brasilianisch. Dabei hat die Mutter des Brasilianers deutsche Vorfahren. Der Großvater väterlicherseits stammt aus Italien. In seiner Heimat ist es recht europäisch, und im Gegensatz zu anderen Landesteilen herrscht hier wenig Armut und kaum Kriminalität. "Ich werde nie Deutsch lernen", befürchtete er bei seiner Ankunft.Der Austauschschüler ist seit September 2011 bei Familie Firgau-Vogelgesang in Ormesheim zu Gast. Was ist für ihn typisch Deutsch? Eindeutig die Pünktlichkeit. Er musste sein Zeitmanagement im vergangenen Herbst erst einmal erfinden und immer wieder anpassen. Das war auch notwendig, denn Di Domenico hat das ganze letzte Jahr auch hier die Schule besucht. Er ging in Saarbrücken in die 10. Klasse des Gymnasiums am Rotenbühl. Die Umgewöhnung bestätigt auch Amadeus Firgau, der Gastvater. Der Lehrer im Ruhestand erklärt im Interview mit unserer Zeitung, dass das Gastkind in so mancher Hinsicht "anders gepolt sei". "Wir haben versucht, ihm Obst und Gemüse näher zu bringen, und das hat er gut überlebt", erklärt Firgau lächelnd. Auch das frühe Aufstehen hat sich nach Anfangsproblemen irgendwann eingerenkt. Und dann sind die Leute hier auch so pünktlich, meint der Teenager. Die meinen Termine ernst. Aber man sei hier zurückhaltender. Dennoch habe er Freunde gefunden. Auch musste er erst einmal mit dem vielen Unterrichtsausfall in der Schule klar kommen. Fächer wie Musik und Religion kennt er in Brasilien nicht.

Man habe Wilian schnell lieb gewonnen, versichert Gastmutter Eva Vogelgesang. "Das war stellenweise anstrengend, da wir unser ,Kind' neu erziehen mussten", meint die Kinderkrankenschwester. Die eigenen Kinder konnte man jahrelang an die eigenen Vorstellungen gewöhnen. Sohn Noah ist mit der gleichen Organisation wie Wilian gleichzeitig in Japan. "Organisation" ist in diesem Fall die AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. "Die Gastkinder sollen sich nicht wie im Hotel fühlen. Es ist wichtig, dass sie sich eingewöhnen", erklärt Jana Knoll von AFS. Immerhin handelt es sich um ein Familienmitglied auf Zeit. Es gibt viele Organisationen in diesem Bereich. Manche arbeiten gewinnorientiert. Knolls Verein arbeitet ehrenamtlich und führt umfangreiche Vorgespräche mit beiden Seiten durch. Das besondere Vertrauen sei wichtig.

Vor Kurzem ging es jedoch für den Brasilianer wieder zurück in die Heimat. Er hat nicht nur Deutschland, sondern auch viele Länder in Europa gesehen, hat neben Deutsch auch gelernt, ohne Eltern selbstständig zu sein und wie man beispielsweise Eisenbahn fährt. Vielleicht kommt er ja zum Studium oder zum Job wieder.

Kontakt: AFS Regionalbüro, Tel. (06 11) 50 48 49 02, E-Mail: karsten.wottgen@afs.org.

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