Die Industrie und die Menschen vergiften die Saar.

Die Saar – Geschichte eines Flusses : Die Saar liegt im Sterbebett

Lachse, Störe – bester Fisch schwimmt tausende Jahre in der Saar. Bis die Industrie ihr Wasser vergiftet. Innerhalb kürzester Zeit.

Das 20. Jahrhundert ist tödlich für die Saar. Erste Hinweise auf ihr Dahinsiechen finden sich 1906. Der Scheidterbach führe der Saar „in reichlichen Mengen dunkles, fast schwarz gefärbtes Wasser zu“, heißt es in einem Bericht. Nicht nur der Scheidterbach. Tonnenweise Kohlenschlamm, Cyanide, später PCB, Phenole, Arsenverbindungen und Sulfate kommen über die Nebenflüsse. Aus Chemiefabriken, aus Stahlwerken, aus Glasfabriken, Gruben, Kokereien. Landwirte verwenden Nitrat zum Düngen, in Kraftwerken entsteht bei der Kohleverbrennung Quecksilber. Im gleichen Bericht steht, dass die Völklinger Hütte zwei Einläufe in die Saar habe. Einen, der gelbes Wasser einleite, und einen, der schwarzes Wasser in die Saar speie. Ähnliche Berichte finden sich zu Sulz- und Fischbach. Zur Rossel. Zur Nied.

Die Städte im Saartal leiten ebenso Abwasser ein. Und davon gibt es damals immer mehr. Gründe: Die Menschen erfinden die Klospülung und entdecken die Körperhygiene. Duschen, baden, Wäsche waschen. Dazu braucht es Wasser. Immer mehr. Immer schlechter geht es dem Fluss.

Eine Untersuchung kurz nach dem Ersten Weltkrieg berichtet: „Üble Gerüche, Schlammablagerungen, Gasentwicklung und auf dem Wasser schwimmender Unrat, in erster Linie von der Zersetzung der durch häusliche Abwässer zugeführten fäulnisfähigen Stoffe herrührend, machten sich vor den großen Abwasserzuflüssen in starkem Maße bemerkbar. Die durch Industrieflüsse herbeigeführte, grobsinnlich wahrnehmbare Verunreinigung ist sehr wechselnd. An manchen Tagen ist sie kaum erkennbar, zeitweise hingegen ist das Wasser durch Kohleteilchen schwarzgrün gefärbt und der Fluß auf weite Strecken mit Schlackensand und einer dünnen Ölschicht bedeckt, die sich besonders bei Ostwind an den Wehren und in den Schleusenkanälen bei Saarbrücken und Louisenthal in zuweilen fingerdicken Schichten ansammelt.“

Vollkommen tot ist die Saar damals noch nicht, Fischer fangen ab und an sogar noch einen Lachs. Die Selbstreinigungskraft des Flusses ist groß. Doch nicht mehr lange. Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre berichtet die Saarbrücker Zeitung regelmäßig über Fischsterben. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht die Belastung des Saarwassers ihren Höhepunkt. Das Fischereiamt veröffentlicht damals folgende Zahlen: Der Fluss ist im Saarland 77 Kilometer lang. Davon sind 35 Prozent mausetot. Die Strecke zwischen Völklingen und der Niedmündung bei Rehlingen/Siersburg sei nichts weiter als ein Abwasserkanal. Eine stinkende und giftige Brühe. Weitere 35 Kilometer bezeichnet das Fischereiamt als krank. Lediglich sieben Flusskilometern bescheinigen die Fischer Gesundheit.

Dass diese Zahlen vom Fischereiamt stammen, lässt erahnen, dass das Wohlergehen der Saar in der Nachkriegszeit kaum einen Entscheider interessierte. Die Fischer machen auf die Saar im Sterbebett aufmerksam, weil sie Existenzängste haben, weniger aus Liebe zur Natur. Der Wirtschaftswunder-Gedanke, der bedingungslose Glaube an den Fortschritt. In diesem Geiste zerschneiden die Menschen auch 1961 die Landeshauptstadt und deren Flussaue mit der sogenannten Stadtautobahn. Feiern sie 1963 bei Fertigstellung als Zukunftsprojekt de luxe.

Summa summarum: Die Saar gilt damals als der schmutzigste Wasserlauf Westdeutschlands. Zeitungen schreiben dies. Das Bundesamt für Gewässerordnung fühlt sich gar dazu berufen, diese Meldungen zu relativieren. Einzelne Strecken des Neckars und des Mains seien ähnlich verschmutzt. Die Saar trage ihren Titel zu unrecht. Fest steht: Damals schwankt zum Beispiel die Wassertemperatur erheblich. Zwischen Kleinblittersdorf und Völklingen um die zehn Grad Celsius. In manchen Sommern ist die Saar 45 Grad warm. Fünfundvierzig!

Vor allem die Rossel setzt ihr zu. So berichtet eine Zeitung 1959: „Am Freitagfrüh lag bis in die Mittagsstunden hinein ein unheimlicher Geruch über dem gesamten Rosselgebiet [...]. In Großrosseln brach ein Mann auf der Straße zusammen und hatte derartige Atembeschwerden, dass man das Schlimmste befürchtete. Ähnlich erging es einem deutschen Zollbeamten. Andere Menschen mussten sich übergeben.“ Zu der Zeit gilt die Rossel als „schmutzigster Fluss Europas“. Noch Anfang der 1980er fließen mit ihr 40 Tonnen Salze, 250 Tonnen Chloride, 40 Kilo Cyanide, drei Tonnen Nitrat, 1,3 Tonnen Phenole und 130 Tonnen Sulfate aus Frankreich bei Völklingen-Wehrden in die Saar. Täglich. Aus Kokereien und Chemiefabriken. Fische und Schnecken, die gelegentlich zu Versuchszwecken in die Brühe gesetzt werden, überleben nur wenige Minuten. Da helfen damals auch keine Klagen, keine Proteste. Die Grenze erschwert übergreifende Maßnahmen. Die Franzosen sagen: Die Saar ist so schmutzig, macht zuerst mal selbst etwas dafür, bevor wir die Rossel sauber halten. Und die Saarländer sagen: Wenn die Franzosen nix machen, bringen uns weitere Kläranlagen auch nichts. Unter dieser Patt-Situation leidet der Fluss. Dazu kommen noch die kommunalen Abwässer: 1970 sind im Saarland zwar 95 Prozent der Haushalte an die öffentliche Kanalisation angeschlossen. Die Kanäle enden jedoch entweder meist in den Nebenflüssen oder direkt in der Saar. 1969 gibt es erst 30 Kläranlagen, 1981 nur 50. 1985 leiten noch nicht mal die Hälfte der saarländischen Haushalte ihre Abwässer in eine Abwasserreinigungsanlage. Erst 1989 sind etwa die Hälfte der Saarländer Kläranlagenbenutzer.

Die Saar gleicht daher immer noch einem Abwasserkanal. Zumal der Bund sie zwischen 1969 und 1999 kanalisiert. Sie schiffbar macht (siehe Serienteil 16), begradigt. Der Fluss ist nun keiner mehr. Die Saar ähnelt seither eher einer aneinandergereihten Seenplatte. Von Staustufe zu Staustufe. Fast ohne Fließgeschwindigkeit. Fast ohne Hochwassergefahr.

Der Wasserqualität kommt in den 1970er und 1980er Jahren die entstehende Umweltbewegung zugute. Noch wichtiger für eine besser werdende Qualität: die sterbende Industrie an den Saar-Ufern, weniger Abwässer also. Und – so skurril sich das liest: Ein Fischsterben ist gut für die Saar. 1986 hopsen Hechte, Brassen und Zander aus dem Wasser. Die Fische kämpfen gegen den Erstickungstod. Jeder Liter Flusswasser enthält, wie Analysen damals ergeben, zwischen 0,9 und zwei Milligramm des Blausäuresalzes Cyanid – 0,05 Milligramm gelten als „fischgiftig“. Sie haben sich nicht über die Jahre angesammelt, sondern wurden offenbar in einem Rutsch eingeleitet. Der Verursacher ist bis heute nicht ermittelt. Rund 100 Tonnen toter Fische (etwa eine halbe Million Fische) müssen Feuerwehr und Technisches Hilfswerk damals aus Saar und Mosel bergen. Das verwesende Aas verbreitet einen so infernalischen Gestank, dass die Helfer nur mit Atemschutz arbeiten können. Auf den Kadaver-Bergen liegen verendete Möwen und Graureiher, die vergiftete Fische gefressen hatten.

Die toten Fische, die Brühe. Dem Rhein ergeht es ähnlich. Das geht den Menschen nun nahe. Nun setzen sie sich für ihre Flüsse ein: auf der Straße, später in den Parlamenten. Folge: Die Behörden erhöhen die Auflagen für die Industrie, auch die Zahl der Kläranlagen steigt. 1981 stehen nur 50 im Saartal, 2002 bereits 84, heute 139. Fast alle Saarländer sind angeschlossen. Die Wasserqualität der Saar hat sich seitdem deutlich verbessert. Haben Behörden 1957 das Baden in der Saarbrücker Saar wegen der schlechten Wasserqualität verboten, können sie das heute deswegen nicht mehr. Dem Wasser geht es immer besser. Die Saar ist jedoch nicht mehr der Fluss, der er knapp 10 000 Jahre lang war. Kein mäandernder Mittelgebirgsfluss mehr. Die Saar ist nun eine Wasserstraße. Klasse IV.

Alle Teile der Serie:
1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Als Elisabeth Saar-Frösche vertreiben lässt 6. Die Stadt des Sonnenkönigs wächst an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Révolution au bord de la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Zwei Weltkriege verwüsten das Saartal 14. Die Saar liegt im Sterbebett 15. Planspiele mit der Saar 16. Der Ausbau der Saar 17. Die Fischer der Saar. 18. und 19. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise 20. und 21. Durch das Saarland – eine Fotoreise 22. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise.

Mehr von Saarbrücker Zeitung