Der Tag, an dem die Dietrich kam

Kirkel/Niederwürzbach. Marlene Dietrich soll am 22. März 1945 als Truppenbetreuerin der Amerikaner durch Kirkel gekommen sein. Das belegt ein Foto, das wir von unserem langjährigen Mitarbeiter Sepp Allgayer aus Niederwürzbach bekommen haben

Kirkel/Niederwürzbach. Marlene Dietrich soll am 22. März 1945 als Truppenbetreuerin der Amerikaner durch Kirkel gekommen sein. Das belegt ein Foto, das wir von unserem langjährigen Mitarbeiter Sepp Allgayer aus Niederwürzbach bekommen haben.Leider ist im Hintergrund kein Gebäude zu erkennen, das auf Kirkel hinweisen könnte, "aber mir wurde von Amerikanern aus diesem Infanterie-Regiment glaubhaft versichert, dass dieses Foto in Kirkel aufgenommen wurde," sagte Allgayer in einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Und das kam so: Sepp Allgayer, in und um Blieskastel und Niederwürzbach allgemein als "Amifänger" bekannt, hatte im Alter von 14 Jahren einen amerikanischen Soldaten am 18. März 1945 in der elterlichen Backstube eingeschlossen.

"Niederwürzbach lag in der Hauptkampflinie. Jagdbomber und Artillerie, Granatwerfer und MG-Feuer waren an der Tagesordnung", erzählt Allgayer. Während einer Feuerpause rannte der damals 14-Jährige schnell aus dem schützenden Stollen, um im Elternhaus, das zirka 200 Meter entfernt lag, noch einige Habseligkeiten zu retten.

Als er im Bereich des elterlichen Hofes angekommen war, begannen die Amerikaner plötzlich mit erneutem Artilleriefeuer. Sepp Allgayer robbte über die unebenen Pflastersteine im Hof und rettete sich gerade noch in die Backstube. Um sich noch besser in Sicherheit zu bringen, schlich er in die Mehlkammer.

Doch in der Mehlkammer hatte sich bereits ein weiterer "Schutzbedürftiger" eingefunden. Sepp nahm an, es handele sich um einen deutschen Soldaten, vermutlich einen Fallschirmjäger, zumal die Uniform etwas von der Wehrmachtsuniform abwich.

Auf Sepps Frage, ob die Amerikaner wohl bald kämen, bekam der Junge eine seltsam klingende Antwort und er begriff: das war ja ein Amerikaner! Wie er es beim Jungvolk gelernt hatte, schrie der 14-Jährige: "Hands up!", woraufhin der amerikanische GI der Aufforderung anstandslos nachkam. Sepp sperrte die Tür zu und hatte nun den Amerikaner gefangen. Und was jetzt? Die Amerikaner beherrschten zu dieser Zeit bereits die Höhen um Aßweiler, und stündlich war mit der Einnahme von Niederwürzbach zu rechnen.

Die Niederwürzbacher ließen unter diesen Umständen den Gefangenen mit seiner gesamten Bewaffnung, einschließlich einer Eierhandgranate, wieder laufen. Zwei Tage später, am 20. März, nahmen die Amerikaner Niederwürzbach ohne nennenswerte Gegenwehr ein. Ein paar Tage später erkannte Sepp Allgayer "seinen" Gefangenen wieder. Doch der zeigte sich großzügig und schenkte dem Jungen ein Stück Schokolade.

Von diesem Tag an wurde an jedem 18. März mit viel Humor des Tages gedacht, an dem Sepp Allgayer den Amerikaner gefangen nahm: 50 Jahre lang feierte Sepp Allgayer mit Freunden den so genannten Amifängertag. "Davon bekamen die amerikanischen Soldaten in Ramstein Wind", erzählt Allgayer, "doch ich konnte sie überzeugen, dass es sich hier um einen Jux handelte und lud sie ein." So entstanden Freundschaften zwischen Sepp Allgayer und den Amerikanern.

"Die Amerikaner wollten mir unbedingt den Gefallen tun und meinen Gefangenen wiederfinden", sagte Allgayer, "aber ich habe gleich gesagt, dass wir den nie finden. Wer gibt Jahre später schon gerne zu, dass er von einem halbwüchsigen Knaben in einer Backstube eingesperrt wurde?"

Tatsächlich konnte der gefangene Ami nie identifiziert werden. Aber es ergaben sich dafür andere, interessante Geschichten und Dokumente, die die amerikanischen Soldaten über die letzten Kampftage in der Saarpfalz zutage förderten und Allgayer zuschickten.

Dazu gehörte auch jenes Foto von Marlene Dietrich in Kirkel. In der Tat passt die ganze Geschichte schon ganz gut zusammen, denn im Juni 1939 wurde Marlene Dietrich amerikanische Staatsbürgerin und wollte einen Beitrag im Kampf gegen den Faschismus leisten. Also trat sie als Sängerin für die amerikanischen Soldaten möglichst nahe an der Front auf.

Beim Vormarsch auf Deutschland war sie von Anfang an dabei. Wegen ihrer Solidarität mit den kämpfenden "Boys" wurde sie eine der beliebtesten Truppenbetreuerinnen. Unser Foto entstand demnach direkt nach den Kämpfen an der Front am 22. März, vier Tage, nachdem Sepp Allgayer den Ami gefangen hatte.

Hätte er damals Marlene Dietrich eingesperrt, wäre sein Ruhm als "Marlenefänger" vermutlich über die Grenzen der Saarpfalz hinaus gedrungen. Foto: Allgayer

"Der gefangene Ami hat sich nie zu erkennen gegeben"

Die meisten Kinobesucher haben Marlene als Glamour-Lady in Erinnerung. In Wirklichkeit war sie eine ziemlich handfeste Person. An ihre Zeit mit den GI's hat sie sich immer gerne erinnert. Foto: dpa.

Sepp Allgayer