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Museen im Saarland: Das Leben unserer Vorfahren ausgegraben

Museen im Saarland : Das Leben unserer Vorfahren ausgegraben

2001 fiel der Startschuss auf dem Grabungsgelände Wareswald. Projektleiter Klaus-Peter Henz kann seither schon einige Funde vorweisen.

Es wird fleißig gefegt und geräumt an diesem Vormittag. Der Frühjahrsputz am gallo-römischen Vicus steht an. „Wir sind spät dran“, sagt Archäologe Klaus-Peter Henz. In der Regel erwache die Ausgrabungsstätte Wareswald bereits im April aus ihrem Winterschlaf. Doch aktuell fehle es an entsprechender Manpower. Es sei schwer, geeignete Mitarbeiter zu finden. Ab Juni soll es dann aber wieder richtig losgehen. Ein Baucontainer dient dem Wissenschaftler als eine Art Büro. Wenn es aber ans Graben geht, stellt er gerne einen Tisch mitten ins Geschehen. Dann ist er bei Fragen gleich zur Stelle.

Seit nunmehr 18 Jahren ist die Terrex gGmbH auf dem Gelände aktiv, bringt Stück für Stück die Geschichte ans Tageslicht. Die Grabungssaison reicht von April bis Oktober. „In den Wintermonaten wird inventarisiert, Keramik gesäubert und archiviert, werden Kleinfunde bearbeitet“, beschreibt Henz die Arbeit in der kalten Jahreszeit. Der Projektleiter ist von Tag eins an bei dem Grabungsprojekt im Wareswald dabei. „Wir haben seither einiges erreicht“, sagt der Archäologe zufrieden. Zehn Prozent der gesamten Siedlung sind inzwischen ausgegraben. In der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus ließen sich die Menschen an dem Kreuzungspunkt der Handelsstraße zwischen Metz und Mainz einerseits und Straßburg und Trier andererseits nieder. „Es handelt sich um einen gallo-römischen Vicus“, erklärt Henz. Gallo-römisch deshalb, weil es von den Kelten bewohnt wurde, die die römische Lebensweise annahmen, was sich beispielsweise in der Steinbauweise ausdrückte. Einst umfasste die besiedelte Fläche 15 bis 20 Hektar, lebten hier zur Blütezeit einige hundert Menschen.

Die Forscher haben viele Rötelstücke gefunden. „95 Prozent davon weisen eine einheitliche Form auf, sehen aus wie Stifte“, erläutert Henz. Benutzungsspuren seien keine zu erkennen. Daher geht der Archäologe davon aus, dass der Rötel, ein rötlicher mineralischer Farbstoff, der in Oberthal und Theley abgebaut wurde, in dem Vicus zur Handelsware weiterverarbeitet wurde.

Es sind lediglich solche Funde und Reste von Mauern, die den Forschern Hinweise auf das Leben von einst geben. Einzelne Räume, heute geschützt von einem Wellblechdach, wurden freigelegt. Die Gebäude standen nicht unmittelbar an der Handelsstraße, sondern etwas zurückgesetzt. „Die Häuserfront war nach vorne offen“, erläutert Henz. Von hier aus wurde verkauft. Davor verlief eine Arkade, ein überdachter Fußweg mit steinernen Pilastern. Und die Abwasserrinne. Dass diese Forschern ein Lächeln ins Gesicht zaubert, mag für den Laien im ersten Moment wunderlich wirken. Aber Henz klärt auf: „Dort findet man alles mögliche.“ Münzen oder Figürchen nennt er als Beispiel. Sorgfältig wurde hier gegraben. Überhaupt geht die Arbeit der Archäologen nur langsam voran. „Wir arbeiten maximal mit Harken und Kellen“, sagt Henz. Teils sogar nur mit Pinsel.

Im vergangenen Jahr wurden 23 Bronzeringe mit Glasgemmen gefunden. Hier geht Henz ebenfalls von Handelsware aus, die entweder in dem Vicus zum Weiterverkauf deponiert war oder ein Händler verloren hatte. Der Forscher vermutet, dass ein gehobener Mittelstand die Siedlung bewohnte. Darauf lassen auch die aufwendig ausgekleideten Baderäume schließen. Die Fenster in den Gebäuden waren verglast. Zwar wurden die Rahmen nicht gefunden, dafür aber reichlich Glas. Ein Raum, der etwas in den Hang hineinragt, habe den Experten zunächst ein Rätsel aufgegeben. Denn alle anderen Mauern des Komplexes verlaufen auf einer Linie. Inzwischen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass es eine Terrasse gab. Wie diese ausgesehen haben könnte, das soll auf Wunsch von Henz eine Archäologin, die sehr gut zeichnen kann, visualisieren. Damit die Besucher eine bessere Vorstellung von dem Leben der Römer bekommen.

Im Nachbarhaus wurde ein steinernes Gewicht von einer Balkenwaage gefunden: 100 römische Pfund ist es schwer, wie einer Gravur zu entnehmen ist. Das entspricht 32 Kilo. Damit wurden sicherlich landwirtschaftliche Produkte wie Getreide oder auch Rötel abgewogen, möglicherweise veredelt und dann weiterverkauft.

Zu den vielen Funden im Wareswald gehören auch vier Trinkbecher aus schwarzer Keramik, die mit Sprüchen in weißer Schrift und Ornamenten verziert sind. Möglicherweise kamen Handwerker – vergleichbar mit einem Stammtisch heute – regelmäßig dort zusammen, um Informationen auszutauschen. „Und zu trinken“, ergänzt Henz schmunzelnd.

Aber nicht nur in Sachen Handel hatte die Siedlung eine gewisse Bedeutung. Henz deutet auf einen Trampelpfad im Wald, der zu einer Lichtung führt. „Hier wurde der Marstempel ausgegraben“, erklärt der Archäologe. Und nicht nur der. Weitere Überreste von Tempeln sind entdeckt worden. „Es war wohl ein heiliger Bezirk von überregionaler Bedeutung“, sagt Henz. Hier seien Münzen gefunden worden, die auf die Zeit 400 nach Christus datieren. Zu dieser Zeit hatte wohl der Vicus längst an Bedeutung verloren, liefen dort keine Geschäfte mehr. Doch zu dem Tempel schienen die Menschen nach wie vor zu pilgern. Die Münzen, die als Opfergaben dienten, waren übrigens speziell für diesen Anlass angefertigte Fälschungen.

Ausgegraben sind unter anderem die Umrisse jenes Tempels, der dem Gott Mars gewidmet war. Aber auch andere Gottheiten wurden in dem Bezirk verehrt. Henz tritt an eine Schautafel, die zeigt, wie der Tempel einst ausgesehen haben könnte. Mit Hilfe einer 3-D-Brille können die Wissenschaftler auch das Innere für Besucher erlebbar machen. „Das kommt immer gut an“, weiß Henz. Auf der Infotafel ist auch ein Foto der Marsfigur zu sehen, die beim Graben entdeckt wurde. Es sei eine ungewöhnliche Darstellung des Gottes, der nackt und mit jugendlichem Aussehen in Bronze gegossen wurde. „Hier vermischen sich keltische und römische Vorstellungen.“

Henz lässt seinen Blick über das weitläufige Gelände schweifen, deutet auf ein Wiesenstück. „Darunter liegen weitere Gebäude“, sagt der Wissenschaftler. Ein Geophysiker habe das nachgewiesen. Es gibt keine Hinweise, dass die Siedlung einst geplündert wurde, auch Zerstörungsszenarien wie an anderer Stelle bekannt, habe es hier nicht gegeben. Wenn sich der Archäologe etwas wünschen dürfte, dann würde er gerne einen Markplatz oder eine Therme ausgraben. „Öffentliche Gebäude wären von großem Interesse.“ Sorgfältig gelte es jene Stellen auszuwählen, an denen gearbeitet wird. Es ist ein bisschen wie ein riesiges Puzzle. Jede Scherbe kann wertvoll sein. „Wir versuchen, aus den Hinterlassenschaften unserer Vorfahren zu lesen und Rückschlüsse auf deren Leben zu ziehen.“

Alle Serienteile finden sich im Internet.

www.saarbruecker-zeitung.de/

Zwei der vier gefundenen Trinkbecher aus schwarzer Keramik aus dem dritten Jahrhundert nach Christus. Foto: Klaus-Peter Henz/Terrex
Der Standort des ehemaligen Marstempels im Wareswald aus der Luft. Foto: Alexander C. Groß
So könnte das Innere des Marstempels im Wareswald ausgesehen haben. Mauerreste des Bauwerks wurden ausgegraben. Foto: PASCAL KLEIN/HBK SAAR

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