Lesung in Homburg : Philosophische Betrachtung zur Bibel

Der Autor Bernard Bernarding war zu Gast im Bistro 1680. Dort las er aus seinem Buch „Und Anna seufzte zum Himmel empor“.

Mittlerweile ist er im Ruhestand, der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, Bernard Bernarding. Zeit, um sich um etwas zu kümmern, das dem 66-Jährigen schon länger auf dem Herzen liegt: Dem unkritischen Umgang mit der Bibel, der sich seiner Meinung nach sogar noch in aktuellen Schulbüchern wiederfindet.

Sich selbst beschreibt Bernarding als Agnostiker, der sehr fromm erzogen worden sei und dem es entsprechend schwer gefallen sei, davon Abstand zu nehmen. „Ich schließe nicht aus, dass es eine höhere Macht gibt, aber ich weiß es nicht“, so seine Auffassung zu Gott.

Im voll besetzten Bistro 1680 las er nun am Dienstagabend aus seinem Buch „Und Anna seufzte zum Himmel empor“. Zunächst nannte Bernarding die Fragen, die ihn zum Schreiben bewegt hatten: Warum glauben die Menschen heute noch an Gott? Warum schneiden sie sich aus religiösen Gründen die Haare oder die Vorhaut ab? Und wieso müssen Schüler heute immer noch die Geschichte von Adam und Eva lernen, so als ob sie wahr wäre? Dann nahm der Autor reihenweise die unlogischen Stellen der Bibel auseinander. Wieso muss Gott am siebten Tage ruhen? Das sei sympathischer Unsinn, meinte Bernarding, Gott sei doch schließlich nicht wie unsereins.

Wieso konnte Gott in seiner Allmacht zulassen, dass sich der Teufel in Form einer Schlange ins Paradies schleichen konnte? Schmunzeln dürfe man gleichwohl nicht über das Alte Testament, das der Autor als „Kompendium naiver Narrative“ bezeichnete. Schließlich habe es beispielsweise zu Vorstellungen geführt, Neugeborene seien mit der Erbsünde behaftet. Was manche Eltern davon abgehalten habe, sie vor der Taufe zu küssen.

Auch das archaische Frauenbild der Bibel fand keinerlei Gnade vor Bernarding. „Die Gesellschaft im Altertum war streng patriarchalisch strukturiert, die Bibel ist ein Spiegelbild dieser Philosophie“, meinte der Autor. Als Beispiel nannte er das zehnte Gebot, in dem die Frau in die Besitztümer des Mannes eingereiht wird. Außerdem: „Von Anfang hatten die Herren der Schöpfung Eva die Schuld an dem Sünden-Schlamassel im Paradies angelastet.“ Das Schicksal Evas stehe beispielhaft für das verkorkste Verhältnis, das die abrahamitischen Religionen zu Frauen entwickelt haben. Ganz schlimm sei das im fünften Buch Moses: „Da erlaubt der barmherzige Gott, dass Mädchen, die ihre Unschuld verloren haben, sogar gesteinigt werden dürfen.“ Bis ins Mittelalter habe sich dieses Bild der Minderwertigkeit der Frau erhalten. Der bis heute hoch angesehene Thomas von Aquin etwa behauptete allen Ernstes, so Bernarding, dass ein männlicher Fötus bereits nach 40 Tagen Mensch werde, ein weiblicher aber erst nach 80 Tagen. Mädchen entstünden durch schadhaften Samen und feuchte Winde. All das habe zur Hexenverbrennung, zu Folter und Mord im Namen des Herrn geführt.

Als Exkurs erzählte Bernarding auch die schier unglaubliche Geschichte der heiligen Anna, Jesu Großmutter. Deren Kopf sei 1212 aus dem Grab in Bethlehem nach Mainz geschafft worden. Über Umwege gelangte die Reliquie nach Düren, wo sie heute noch aufbewahrt werde.

Als letztes und „versöhnliches“ Kapitel las der Autor aus jenem mit dem Titel „Warum Gott niemals sterben wird“. „Gott gibt den Gläubigen ein gutes Gefühl“, sagte er da, oder: „Die Menschen brauchen offenbar ein Mysterium, sie wollen Spiritualität. Sie bedeutet Urlaub von der kalten Realität und den Kümmernissen des Alltags.“

Zusammenfassend: Bernarding ging es mit seinem Buch nicht um eine Verdammung des Glaubens, sondern um eine Kritik am Festhalten der unlogischen und diskriminierenden Aussagen der Bibel als irrtumsfreies Wort Gottes.

Die Reaktionen der Zuhörer waren unterschiedlich: Vom Vorwurf, der Autor würde Zweifel säen, bis hin zur Feststellung, dass es erstaunlich sei, dass es heute immer noch notwendig ist, solch ein Buch zu schreiben. Patricia Hans, neben Jutta Bohn Veranstalterin der Lesung, meinte hinterher: „Es war ein supertoller Abend. Die Textpassagen haben auch ordentlich Sprengstoff geboten. Ich fand es in der Darbietung ganz toll und auch in der Großzügigkeit der Deutungsweise. Das hat darin gegipfelt, dass er am Schluss sagte: Wir können alle glauben, was wir wollen.“

August Florsch aus Reinheim sagte am Rande der Lesung, dass er dem Autor in allem zustimmen konnte. Dagegen meinte Nikolaus Hoffmann aus Homburg: „Ich bin noch nicht endgültig entschieden, was ich damit anfangen soll. Er schildert ja Missstände, aber was machen wir daraus? Wir führen heute noch die Übel des Alten Testaments fort. Frauen als benachteiligte Hälfte der Menschheit, das ist heute noch aktuell.“ Ruth Dahl aus Kirrberg sah das ähnlich: „Ich fand’s interessant, aber es war so, dass ich diese Fragen schon selbst hatte. Da hätte ich mir mehr Lösungen gewünscht – welche Vorschläge er hat, wie man sich menschlich weiterentwickeln kann.“