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Beim TV St. Ingbert gehen spielen Menschen aus 14 Nationen Cricket

Spieler aus 14 Nationen : Von Pionierarbeit und Teepausen

Cricket ist global gesehen der zweitbeliebteste Sport der Welt. In Deutschland steckt er aber noch in den Kinderschuhen. Der gebürtige Inder Ram Gopal Balijepalli möchte das ändern. Der 36-Jährige greift mit seinen Teamkameraden beim Bundesligisten TV St. Ingbert zum Schläger.

Der Turnverein St. Ingbert feiert in diesem Jahr sein 140. Jubiläum. Damit ist der TV der älteste Sportverein in der Mittelstadt. Der 1881 gegründete Club kann sich auf eine stolze Historie berufen – doch ausgeruht auf seiner langen Geschichte hat er sich nie. Im Gegenteil: Die St. Ingberter haben stets versucht neue – manchmal ungewöhnliche – Wege zu gehen. So leistete der Turnverein wertvolle Pionierarbeit, brachte bis dahin unbekannte Sportarten in der Region überhaupt erst auf die Bildfläche. Die St. Ingbert Devils etwa sind der älteste Baseball-Club im Saarland. Auch Softball wird beim Turnverein gespielt.

Der TV St. Ingbert bietet seit diesem Jahr aber noch eine andere Sportart an, bei der die Spieler zum Schläger greifen: Nämlich Cricket. Den Namen hat wohl jeder Sportinteressierte schon einmal gehört, hat womöglich auf einem Spartensender im TV auch schon ein Spiel gesehen. Doch was Cricket – in Indien, Pakistan oder auch Australien ein Nationalsport – nun genau ist, wissen die wenigsten. Die Regeln (siehe Infobox) erinnern ein wenig ein Baseball. Allerdings kann ein Cricket-Match viel länger – mitunter Tage – dauern. Und – zumindest in der ursprünglichen Variante des Spiels – wird auch eine Teepause eingelegt.

Erstmals in organisierter Form auf Vereinsebene wurde Cricket im Saarland von Studenten, die meisten aus dem Ausland, gespielt, die 2016 für den Universitätssportclub (USC) Saar antraten. Da die Studenten aber in Saarbrücken Probleme hatten, einen geeigneten Platz zu finden, suchten sie nach Alternativen – und wurden im St. Ingberter Wallerfeld fündig. Seit Jahresbeginn treten sie offiziell unter dem Dach des TV St. Ingbert an.

Da der Verein großen Wert auf Migrationsarbeit legt, nahm er die neue Sportart gerne in sein Portfolio auf. Aus Bangladesch, Indien, Pakistan, Afghanistan, Deutschland – sogar aus dem Himalaya-Staat Nepal – kommen die Mitglieder des Teams.

Einer der Spieler ist Ram Gopal Balijepalli. Der 36-Jährige stammt aus Indien und kam im Jahr 2007 nach Saarbrücken, um in Materialwissenschaften seinen Master zu machen. Mittlerweile besitzt er auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Sein Beruf als Entwicklungsingenieur kam Balijepalli zugute – er erkannte in Deutschland ein Cricket-Entwicklungsland – und wollte den Sport auch hier bekannter machen.

Doch genug Spieler zu begeistern, um am organisierten Spielbetrieb teilzunehmen, nahm Zeit in Anspruch. Erst 2015 war es so weit. Noch nicht als Verein, sondern unter dem Dachverband der Deutschen Hochschule Saarbrücken nahmen die saarländischen Cricket-Pioniere an den Hochschulmeisterschaften teil. In Göttingen wurde das Team auf Anhieb Zweiter. „Wichtiger als der Erfolg war aber, dass wir bei der Veranstaltung gesehen haben, dass es in ganz Deutschland Mannschaften und Menschen gibt, die an einem Strang ziehen, um Cricket zu fördern“, sagt Balijepalli.

Die Erfolgsgeschichte setzte sich fort: 2016 stieg die Mannschaft – nun als offizielles Cricket-Team des USC Saar – gleich in ihrer ersten Spielzeit aus der Regionalliga Baden-Württemberg in die Bundesliga Südwest auf. Die Heimspiele fanden schon damals im Rahmen einer Kooperation mit dem TV St. Ingbert im Wallerfeld statt. Dort wurden 2017 auch die Deutschen Hochschul-Meisterschaften ausgetragen. Und diesmal gewann das Team vor Darmstadt, Jena, Rhein-Waal, Rostock und Bremerhaven sogar den Titel. „Unsere Bundesliga-Erfahrung – und der Heimvorteil – waren ausschlaggebend – sagt Balijepalli.

Seit Beginn dieses Jahres spielt die Mannschaft unter dem Dach des TV St. Ingbert – und benennt sich auch offiziell nach dem Club. „Wir hoffen darauf, demnächst bis Mitte September in die Freiluftsaison starten zu können. Hoffentlich macht uns die Corona-Pandemie keinen Strich durch die Rechnung“, sagt Balijepalli. Denn ob die von der saarländischen Regierung nach Ostern in Aussicht gestellten Lockerungen für den Breitensport tatsächlich kommen können, scheint angesichts steigender Inzidenzwerte ungewiss.

Darin, dass sein Team nun fest in den St. Ingberter Verein integriert sei, sieht Balijepalli viele Vorteile, „auch wenn wir uns schon vorher in Saarbrücken wohl gefühlt haben“, ergänzt der 36-Jährige. Er schwärmt von der „tollen Migrationsarbeit“, die beim TV geleistet wird. „Unsere Spieler kommen aus 14 Nationen“, berichtet der 36-Jährige, der auch eine Kooperation mit Schulen eingeleitet hat. Denn auch Frauen und Kinder seien bei den St. Ingberter Cricketspielern, die über mehrere lizensierte Trainer verfügen, herzlich willkommen. Die ersten Jugendlichen des Vereins seien bereits in Nachwuchsförderungsprogramme integriert worden. Die Vorteile in St. Ingbert seien aber auch ganz pragmatischer Natur. Zum Beispiel, dass die Spieler nun über den Dachverein versichert sind.

Auch 2018 fanden die deutschen Hochschulmeisterschaften im Cricket in St. Ingbert statt. Als die Saarländer erneut den Titel vor Darmstadt errangen, war auch Ministerpräsident Tobias Hans unter den interessierten Zuschauern: „Ich finde es beachtlich, wie stark sich Cricket im Saarland entwickelt hat. Das Angebot steigert für viele Studierende die Attraktivität unserer Universität. Ich finde es super, dass der TV St. Ingbert dieser Sportart eine Heimat gibt“, sagte Hand damals. „Da haben wir gesehen: Auch der Politik sind wir nicht egal“, lobt Balijepalli. Denn im globalen Vergleich steckt Cricket in Deutschland noch immer in den Kinderschuhen. Weltweit liegt Cricket in der Liste der beliebtesten Sportarten mit 2,5 Milliarden Anhängern nur hinter König Fußball.

Damit der Sport in Deutschland aufschließt, wünscht sich Balijepalli für sein St. Ingberter Team Verstärkung, vor allem für den Nachwuchsbereich. Aber ob die Kids so lange durchhalten, wenn sich eine Partie über mehrere Tage erstreckt? „Keine Angst, die Spiellängen variieren bei uns je nach Alter“, sagt der 36-Jährige mit einem Augenzwinkern. Und auch die früher obligatorische Teepause sei heute kein Muss mehr.

Interessierte an der Sportart Cricket können sich per E-Mail an
ramgopalbalijepalli@gmail.com wenden.