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Beachtliches Konzert trotz "Verstimmungen"

Beachtliches Konzert trotz "Verstimmungen"

St. Ingbert. Eigentlich hätte die geistliche "Chor- und Orgelmusik zur Passion" in St. Hildegard mit dem Collegium Vocale Blieskastel unter seinem künstlerischen Leiter Christian von Blohn zutreffender als "Musik zu Tod und Ewigkeit" angekündigt werden müssen

St. Ingbert. Eigentlich hätte die geistliche "Chor- und Orgelmusik zur Passion" in St. Hildegard mit dem Collegium Vocale Blieskastel unter seinem künstlerischen Leiter Christian von Blohn zutreffender als "Musik zu Tod und Ewigkeit" angekündigt werden müssen. Denn um das Thema "Kreuz und Leiden Jesu Christi", also um Passionsmusik im engeren und eigentlichen Sinne, ging es an diesem Abend explizit nicht. So fokussierte die zum Abschluss des Programms nicht weniger eindringlich als ausdrucksstark musizierte Brahms-Mottete, dem Bach-Biografen Philipp Spitta gewidmet, etwa die alttestamentliche Hiob-Thematik leidgeprüfter Todessehnsucht. Bachs eingangs musizierte fünfstimmige Choralmotette "Jesu, meine Freude" über das gleichnamige Kirchenlied von Johann Franck (1650) steht ganz in der Tradition lutherischer Begräbnis- und Spruchmotetten.

Echte Höhepunkte der chorischen Leistung lieferten mit Abstand an diesem Abend die überaus geglückten Interpretationen des zeitgenössischen A-Cappella-Repertoires, allen voran die unter dem differenzierten Dirigat von Blohns dynamisch fein abschattierte, modal eingefärbte Motette "O nata lux" (molto espressivo) des Kaliforniers Morten Lauridsen (Jg. 1943), und ebenso "Svyati" für gemischten Chor und Violoncello solo aus der Feder des britischen Erfolgs-Komponisten John Tavener (Jahrgang 1944). Einer breiten Öffentlichkeit ist Tavener bekannt geworden etwa durch die Aufführung seines "Song for Athene" anlässlich des Begräbnisses von Prinzessin Diana. Tavaner, früher einmal selbst bekennender orthodoxer Christ, bezieht sich mit dieser populären Chorkomposition auf den altkirchlichen, in der byzantinischen Liturgie bis heute gesungenen trinitarischen Trisagion-Hymnus.

Gábor Szarvas verlieh dem litaneihaft angelegten Werk durch seine mit herrlich kantablem Cello-Ton und sattem Strich ausdrucksstark modulierten "Refrains" einen feierlichen und zugleich weihevollen Akzent. Zu leichten intonatorischen "Verstimmungen" kam es indessen am Schluss des dissonanzen-geschärften Motettensatzes "O nata Lux" (zum Fest der Verklärung Christi) von Thomas Tallis (1505-1585). Musikalischer "Verlierer" war an diesem Abend letztendlich doch Johann Sebastian Bach. Der hoch expressive und bilderreiche barocke Text der Choralmotette "Jesu, meine Freude" hätte durchaus noch ein deutliches Mehr an Artikulation und Textverständlichkeit verdient, und eine gesteigerte sängerische wie tonliche Präsenz erfordert. Es reicht bei Bachs A-Cappella-Musik eben nicht aus, möglichst plakativ-eindrucksvoll an der Textoberfläche entlang zu deklamieren (uncharakteristisch und schlecht "gestützt" gerieten zum Beispiel auch die sinnbildlichen Koloraturen auf "geistlich" in den Männerstimmen), wenn die ständigen, teils stark kontrastierenden Affektwechsel in den elf Einzelsätzen von Chor und Dirigent nicht gleichzeitig innerlich überzeugend mitvollzogen und zugleich glasklar voneinander abgesetzt - zudem aber stets elegant und geschmeidig-agil gestaltet werden.

Bachs großes "c-Moll-Präludium und Fuge für Orgel (BWV 546)" blieb mit Blick auf die komplexe kontrapunktische Satzfaktur in der Interpretation von Jörg Abbing mit mulmig-verschleiertem Klangbild (und gegen Ende mit für Bach viel zu massiven Zungen!) auf der post-romantischen Späth-Orgel der Hildegardskirche über weite Strecken klanglich wie gestalterisch recht uncharakteristisch und hinterließ beim Hörer den unbefriedigenden Eindruck eines halbherzig-verlegenen "Lückenbüßers"; zumal hier durchaus eine Gelegenheit bestanden hätte, mit einem der großen Passionschoräle Bachs für die Orgel das annoncierte Passionsthema mit einem gewichtigen inhaltlich-musikalischen Akzent zu versehen. Stringenter und weitaus eindrücklicher geriet Abbing im Vergleich dazu das zweite Orgel-Solostück, nämlich das geniale, düster-herbe Prélude (es-Moll) des französischen Post-Impressionisten Maurice Duruflé (1902-1986) aus dessen dreisätziger Suite op. 5. Zum Schuss: dankbarer Applaus des sehr zahlreich erschienenen Publikums.